Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Boris Johnsons Reaktion auf den Corona-Virus
International 3 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Boris Johnsons Reaktion auf den Corona-Virus

Im Hamsterrausch: Auch auf der britischen Insel herrschen zum Teil chaotische Zustände in Supermärkten.

Boris Johnsons Reaktion auf den Corona-Virus

Im Hamsterrausch: Auch auf der britischen Insel herrschen zum Teil chaotische Zustände in Supermärkten.
Foto: AFP
International 3 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Boris Johnsons Reaktion auf den Corona-Virus

Im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern sieht die britische Regierung bislang von entschlossenen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus ab. Das führt immer mehr zu Kritik.

Von LW-Korrespondent Peter Stäuber (London)

Mit einiger Verspätung hat sich die britische Regierung dazu durchgerungen, stringentere Maßnahmen gegen die Coronakrise zu ergreifen. Ab sofort werden die Briten dazu angehalten, unnötige soziale Kontakte zu meiden. Aber noch immer hinkt Großbritannien hinter anderen Staaten hinterher – die unaufgeregte Strategie der Behörden sorgt zunehmend für Kritik

Leichte Kurskorrektur  von Johnson     

Am Montagabend trat Premierminister Boris Johnson zusammen mit seinen wissenschaftlichen und medizinischen Beratern vor die Presse, um eine Verschärfung der Maßnahmen anzukündigen. 

Demnach soll die Bevölkerung soziale Kontakte, die nicht wesentlich sind, unterlassen; Besuche von Pubs, Clubs und Theatern sollen unterlassen werden. Wenn in einer Familie ein Krankheitsfall auftritt, der sich mit den Symptomen von Covid-19 deckt, sind die Familienmitglieder angehalten, zwei Wochen lang zu Hause zu bleiben. 

Trotz der Corona-Virus-Pandemie lehnt die britische Regierung weitergehende Massnahmen bisher ab.
Trotz der Corona-Virus-Pandemie lehnt die britische Regierung weitergehende Massnahmen bisher ab.
Foto: dpa

Gegenüber der bisherigen Strategie, die sich darauf beschränkt hat, regelmäßiges Händewaschen zu empfehlen, stellt dies tatsächlich eine Verschärfung dar.           

Aber wenn man die Strategie der britischen Regierung mit jener in anderen Ländern vergleicht, ist sie überaus lasch. Die Vorgaben der Behörden stellen lediglich Empfehlungen dar – von einer gesetzlichen Schließung von Schulen, Restaurants und anderen öffentlichen Orten sieht Johnson bislang ab. 


ARCHIV - 10.04.2019, Großbritannien, London: Die Sterne einer EU-Fahne scheinen durch eine britische Fahne hindurch. Nach ersten schwierigen Verhandlungen mit Großbritannien über die Zeit nach dem Brexit hat EU-Unterhändler Barnier einen eigenen Entwurf für ein Partnerschaftsabkommen erarbeitet. Das Papier sei dem Europaparlament und den EU-Staaten zur Diskussion vorgelegt worden, schrieb er am Freitag (13.03.2020) auf Twitter. Foto: Yui Mok/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
London will Brexit-Übergangszeit nicht verlängern
Nach Absage der zweiten Verhandlungsrunde zum Brexit wegen der Virus-Pandemie lehnt die britische Regierung eine Verlängerung der Brexit-Übergangsphase ab.

Patrick Vallance, der medizinische Chefberater der Regierung, sagte, dass Großbritannien geschätzte drei Wochen hinter der Entwicklung in Italien zurückliege. Demnach steht das Land kurz vor der großen Eskalation – laut vielen Experten der Zeitpunkt, zu dem die Strategie der „sozialen Distanzierung“ besonders wichtig ist.      

„Herdenimmunität“       

Dennoch stellt die Ankündigung vom Montag einen gewissen Fortschritt dar. Vergangene Woche hatte die Regierung noch davon gesprochen, dass die Briten eine sogenannte „Herdenimmunität“ erlangen sollten: Wenn ein Großteil der Bevölkerung an Covid-19 erkrankt und dadurch immun wird, könnte das Virus auf längere Frist besser bekämpft werden.

Doch unter Experten ist diese Theorie sehr umstritten. Ein Epidemiologe, der in Harvard unterrichtet, schreibt im Guardian,er habe den Vorschlag der britischen Regierung zunächst für Satire gehalten. 

Internes Dokument der Gesundheitsbehörde sorgt für Diskussionen

Herdenimmunität sei in diesem Fall nicht relevant, da es sich nicht um eine Impfung handle, sondern um eine richtige Pandemie, die tödlich enden kann. „Die Sterberate mag relativ gering sein, aber ein kleiner Bruchteil einer sehr großen Zahl dennoch eine große Zahl“, schreibt er. 


Theatre-goers wearing masks arrive for an evening show of "Mary Poppins" at the Prince Edward Theatre on March 12, 2020 in the theatres and restaurants district of West End in London. - Britain on March 12 said up to 10,000 people in the UK could be infected with the novel coronavirus, as it announced new measures to slow the spread of the outbreak. Johnson told a news conference the government was "considering the question of banning major public events such as sporting fixtures" as part of its contingency plans. But scientists currently advised there was more risk of transmission in smaller venues than among large crowds. (Photo by Isabel INFANTES / AFP)
Forscher warnen: Britische Maßnahmen gegen Covid-19 unzureichend
Auf der Insel sind Großveranstaltungen weiter erlaubt, die meisten Schulen offen. Dies sei ein großer Fehler, so Experten.

Tatsächlich kommt ein internes Dokument der Gesundheitsbehörde Public Health England zum selben Schluss: Laut dem Papier, das am Sonntagabend der Presse zugespielt wurde, könnten in Großbritannien fast 8 Millionen Menschen wegen des Coronavirus im Krankenhaus landen. 

Die Autoren gehen davon aus, dass die Krise bis im Frühling 2021 anhalten wird. In dieser Zeitspanne würden bis zu 80 Prozent der Briten an Covid-19 erkranken. Dass der NHS einem sprunghaften Anstieg von Corona-Erkrankungen gewachsen wäre – wie in Italien und Spanien in den vergangenen zwei Wochen –, glaubt niemand. 

Die Infrastruktur des britischen Gesundheitsdiensts gibt aufgrund jahrelanger Sparmaßnahmen ein kümmerliches Bild ab. Während beispielsweise in Deutschland auf 100.000 Einwohner fast 30 Intensivbetten kommen, sind es in Großbritannien gerademal 6,6. Ärzte sind in den vergangenen Tagen mit düsteren Warnungen an die Öffentlichkeit getreten, dass es so ziemlich an allem fehlt: Betten, Gesichtsmasken, Krankenzimmer, Ventilatoren, und Fachkräften.  




Lesen Sie mehr zu diesem Thema