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Riskante Einbahnstraße Richtung Freiheit
International 3 Min. 04.07.2021
Boris Johnson

Riskante Einbahnstraße Richtung Freiheit

Vor einem Impfzentrum stehen Briten Schlange - 86 Prozent der Bevölkerung haben bereits ihre erste Dosis bekommen.
Boris Johnson

Riskante Einbahnstraße Richtung Freiheit

Vor einem Impfzentrum stehen Briten Schlange - 86 Prozent der Bevölkerung haben bereits ihre erste Dosis bekommen.
Foto: AFP
International 3 Min. 04.07.2021
Boris Johnson

Riskante Einbahnstraße Richtung Freiheit

„Vorsichtig, aber unwiderruflich“ - so lautet das Motto des britischen Premiers für den Weg aus der Pandemie. Lange Zeit klang Boris Johnsons Slogan wie ein Erfolgsmodell.

 (dpa) - Über Monate hinweg nahm die Zahl der Corona-Fälle im Vereinigten Königreich rapide ab, trotzdem ließ man sich viel Zeit zwischen den einzelnen Lockerungsschritten. Die Menschen hatten eine Perspektive und zogen weitgehend mit. Wochenlang lag die Inzidenz bei um die 20 und die Briten dachten, sie hätten es nach einem langen, harten Winter endlich geschafft.

Doch dann kam Delta. Die hochansteckende, wohl vielfach von Reiserückkehrern aus Indien ins Land eingeschleppte Variante ließ die Fallzahlen innerhalb kürzester Zeit in die Höhe schnellen. In Großbritannien ist die Inzidenz wieder bei über 180 angekommen - und damit mit auf dem höchsten Niveau in ganz Europa.

Notbremse ziehen?

Zeit, um wieder die Notbremse zu ziehen? Dieser recht nahe liegende Gedanke scheint im Londoner Regierungsviertel derzeit ferner zu liegen denn je. Stattdessen lässt man zu den Halbfinals und dem Finale der Fußball-EM 60.000 Fans ohne nennenswerte Abstände ins Wembley-Stadion und plant weitere Lockerungen - also noch mehr Öl für das lodernde Feuer, wie Kritiker sagen.

Kritiker sehen in der Lockerungsstrategie von Johnson ein großes Gefahrenpotenzial.
Kritiker sehen in der Lockerungsstrategie von Johnson ein großes Gefahrenpotenzial.
Foto: DPA

Ab dem 19. Juli - so der derzeitige Plan - können die Engländer dann wieder im voll besetzten Theater sitzen, riesige Feste feiern und sogar die Nacht im vollen Club durchtanzen. 


ARCHIV - 10.08.2020, Großbritannien, Dover: Grenzschutzbeamte helfen einer Gruppe mutmaßlicher Migranten an Bord der HMC Hunter, nachdem diese bei ihrer Fahrt in einem kleinen Boot über den Ärmelkanal in Richtung Dover aufgehalten wurden. Großbritannien gehört nicht zu jenen Staaten der Welt, die sich mit großen Zahlen von Geflüchteten konfrontiert sehen. Trotzdem sorgen ankommende Boote mit Migranten regelmäßig für Aufregung.(zu dpa "Refugees Not Welcome - Wie das Brexit-Land sich abschotten will") Foto: Gareth Fuller/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wie das Brexit-Land sich abschotten will
In Großbritannien sorgen ankommende Boote mit Migranten regelmäßig für Aufregung. Das hat auch mit einem Versprechen des Brexits zu tun.

Sogar die Aufhebung der Maskenpflicht steht zur Debatte. „Das ist ein furchtbarer Plan“, twitterte dazu Christina Pagel vom University College London, die auch in einem Beratungsgremium der Regierung sitzt. „Es sieht so aus, als würden wir das einzige Land, das alles gegen die Wand der Impfstoffe wirft und hofft, dass diese standhält“, so die Expertin in einem anderen Tweet.

Hohe Impfquote

Festzuhalten ist, dass die „Wand der Impfstoffe“ im Vereinigten Königreich deutlich stabiler ist als in vielen anderen Ländern. Gut 63 Prozent der britischen Erwachsenen sind bereits vollständig geimpft, etwa 86 haben immerhin die erste Dosis hinter sich. Dennoch bleiben genug Menschen übrig, für die Delta eine Gefahr darstellt - zumal ein wirklich wirksamer Schutz vor der Variante erst nach der vollständigen Impfung bestehen soll.


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Zwar ist zu bedenken, dass die Zahl der Krankenhauseinlieferungen und Todesfälle bislang nicht im gleichen Maße mit den positiven Fällen ansteigt wie in vorherigen Corona-Wellen. Aber vergangene Woche sahen sich die Krankenhäuser in England dennoch wieder mit so vielen Corona-Fällen konfrontiert wie schon lange nicht mehr. Das Kalkül der Regierung ist trotzdem: Jüngere und Kinder landen seltener mit Covid-19 im Krankenhaus oder sterben daran. Dass sie zum Teil mit Langzeitfolgen genauso zu kämpfen haben und hohe Infektionszahlen Raum für neue, noch gefährlichere Mutationen des Virus bieten, wird ausgeblendet.

„Noch ein paar Wochen warten“

Auch dem Arzt und Experten für öffentliche Gesundheit, Azeem Majeed, wäre es lieber, man würde in dieser Situation nicht weiter lockern. „Ich würde noch ein paar Wochen warten“, sagte Majeed der Deutschen Presse-Agentur. Dann sei die Impfkampagne noch weiter voran geschritten und man könne noch klarer absehen, wie viele schwere Verläufe wirklich verhindert werden können. Gerade bei Maßnahmen wie Abstand oder Masken sei es sinnvoll, sie in Innenräumen beizubehalten. „Eine Maske tragen tut niemandem weh. Das sollte man bis zum Herbst weitermachen“, so Majeed.


ARCHIV - 29.05.2021, Spanien, Arenal: Menschen sonnen sich am Strand von Arenal. Die britische Reisewirtschaft hat sich enttäuscht über die Entscheidung der Londoner Regierung gezeigt, nur wenige Tourismusziele in Europa auf die «grüne» Corona-Reiseliste zu setzen. Aus der EU wurden nur die Mittelmeerinsel Malta sowie das zu Portugal gehörende Madeira und die spanischen Balearen mit Mallorca auf die Liste gesetzt. (zu dpa «Kaum Länder auf «grüner Liste»: Britische Reisewirtschaft enttäuscht») Foto: Clara Margais/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Dass Boris Johnson nach einer kleinen Verschiebung seines „Tags der Freiheit“, der zunächst schon für den 21. Juni geplant war, nun unbedingt an dem Juli-Datum festhalten will, hat viel mit Erwartungsmanagement zu tun. Zwar betont er seit Monaten, die Lockerungen von „Daten, nicht von Terminen“ abhängig zu machen. Gleichzeitig schürt er durch die Nennung von möglichen Terminen aber doch so viel Hoffnung in seinem Volk, dass Zurückrudern schwerfällt.


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