Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Boris Johnson - Berufswunsch: "Welt-König"
International 4 3 Min. 09.07.2018

Boris Johnson - Berufswunsch: "Welt-König"

Boris Johnson ist - erstmal - raus aus der britischen Regierung.

Boris Johnson - Berufswunsch: "Welt-König"

Boris Johnson ist - erstmal - raus aus der britischen Regierung.
Foto: AFP
International 4 3 Min. 09.07.2018

Boris Johnson - Berufswunsch: "Welt-König"

Boris Johnson ist ein politisches Stehaufmännchen. Eskapaden schienen ihm lange nichts anhaben zu können, doch jetzt wirft der Außenminister hin. Abschreiben sollte man Johnson aber nicht. Ganz im Gegenteil.

(dpa) - Boris Johnson konnte man ansehen, dass es in den letzten Tagen für ihn nicht so lief. Als Premierministerin Theresa May auf einem Landsitz nahe London kürzlich ihren Regierungsmitgliedern ihre Brexit-Pläne vorstellte, soll der (Noch-) Außenminister sogar von einem „Scheißhaufen“ gesprochen haben. Drei Tage später hat er nun seinen Hut genommen - wenige Stunden nach Brexit-Minister David Davis. Johnson galt als wichtigster Brexit-Hardliner im Kabinett und würde May wohl gerne beerben.

Lange Zeit haben viele Briten Johnson vergöttert. „Boris, Boris, Boris“, skandierten Tausende seinen Namen, als er 2012 die Olympischen Spiele in London eröffnete. Er war Bürgermeister der britischen Hauptstadt und beliebt wie nie. Fünf Jahre später sah es kurzzeitig so aus, als würde er nach dem Amt des Premierministers greifen. David Cameron war nach dem Votum der Briten für einen EU-Austritt zurückgetreten. Das Ergebnis hatte Johnson mit herbeigeführt - als Wortführer der Brexit-Kampagne.


(FILES) In this file photo taken on June 24, 2016 Former London Mayor, and "Vote Leave" campaigner Boris Johnson speaks during a press conference in central London on June 24, 2016.
Britain's election watchdog believes the official Brexit campaign broke spending rules in the 2016 EU referendum, the campaign itself revealed on July 4, 2018. / AFP PHOTO / POOL / Stefan ROUSSEAU
Boris Johnson als britischer Außenminister zurückgetreten
Der britische Außenminister und strikte Brexit-Befürworter Boris Johnson ist zurückgetreten. Das teilte die britische Regierung am Montag mit.

Doch es kam anders. Sein Verbündeter Michael Gove entschloss sich im letzten Moment, selbst den Hut in den Ring zu werfen. Boris war ohne die Unterstützung des gut vernetzten Justizministers chancenlos. May konnte die Mehrheit der konservativen Fraktion hinter sich bringen. In konservativen Medien war die Rede vom „Dolchstoß“.

Die Abgesänge waren jedoch verfrüht. Die Premierministerin machte Johnson zum Außenminister. Viele sahen das als klugen Schachzug, um seine Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs zu bremsen. Doch als May eine vorgezogene Parlamentswahl ausrief und eine Niederlage einfuhr, traute er sich immer mehr aus der Deckung. Wiederholt fuhr er ihr öffentlich mit seinen Brexit-Vorstellungen in die Parade.

Kein geborener Diolomat - aber Außenminister

Der 54-Jährige ist alles andere als ein geborener Diplomat. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich Porzellan zerschlägt oder aus Ignoranz.

Viel spricht dafür, dass Berechnung dahinter steckt. Er sei ein „listiger Fuchs, verkleidet als Teddybär“, sagte einst Conrad Black, der ehemalige Herausgeber des „Telegraph“ über Johnson. Er gibt sich gern ungeschickt, doch wenn es darauf ankommt, hat er alles unter Kontrolle. Er pflegt zudem das Image des Charakterkopfs, der sich nicht den Konventionen des Establishments unterwirft.

Unrühmliche Schlagzeilen machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. „Sie müssen nur die Leichen wegräumen“, scherzte Johnson. Ähnlich groß war die Empörung als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als „Götze aus Matsch“ bezeichnet wird. „Nicht angemessen“, zischte der britische Botschafter ihm zu.


Britain's Foreign Minister Boris Johnson gestures during a press conference in Bratislava, Slovakia on September 26, 2017. / AFP PHOTO / VLADIMIR SIMICEK
In Myanmar: Johnson sorgt mit Gedicht für Eklat
Der britische Außenminister hat bei einem Besuch in Myanmar beinahe einen diplomatischen Eklat provoziert. Er trug ein sehr unpassendes Gedicht vor.

Schlimm waren auch seine Ausfälle vor dem Brexit-Referendum. Er verglich die Ambitionen der EU mit dem Großmachtstreben Hitlers und Napoleons. Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan schmähte er mit einem frivolen Gedicht über eine Ziege. Den Briten versprach er, im Falle eines Brexits 350 Millionen Pfund an EU-Beiträgen pro Woche in das Gesundheitssystem zu stecken. Er verschwieg jedoch, dass London einen großen Teil seiner Beiträge ohnehin zurückerhält.


Empörende Aussage: Boris Johnson: "Libyen muss nur die Leichen wegräumen"
Der britische Außenminister verglich in einer Ansprache die libysche IS-Hochburg Sirte mit Dubai - vorausgesetzt, die "Leichen würden weggeräumt".

Dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, zeichnete sich früh ab. Seinen ersten Job als Journalist bei der renommierten Tageszeitung „The Times“ verlor er, weil er absichtlich ein Zitat verfälschte. Doch wenn sich etwas wie ein roter Faden durch Johnsons Biografie zieht, dann die Erkenntnis, dass seine Fehltritte schnell in Vergessenheit geraten. Das Konkurrenzblatt „The Telegraph“ empfing ihn mit offenen Armen und schickte ihn nach Brüssel. Später wurde er Chefredakteur der Zeitschrift „Spectator“, dann Abgeordneter.

Wohlhabender Mann des Volkes

In eine wohlhabende Familie geboren, hat Johnson dennoch das Talent, den einfachen Mann anzusprechen. Er schneidet Grimassen, flucht, stolpert, stürzt und pöbelt. Doch das ist vor allem Show. Johnson gehört zum Establishment. Er besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford und war zeitweise Präsident des Debattierclubs Oxford Union und Mitglied der exklusiven Verbindung Bullingdon-Club.


Boris Johnson küsst den kleinen George, das Krokodil.
Londons Bürgermeister küsst königliches Krokodil 
Londons Bürgermeister Boris Johnson hat am Dienstag ein Krokodil geküsst. Nicht irgendeines: Kroko George ist nach dem königlichen Baby von Prinz William und Kate benannt. Er lebt in Darwin in Australien, wo Johnson gerade Urlaub macht.

Auch Johnsons Strubbelfrisur gehört zur Marke. Immer wenn er eine Kamera sieht, fährt er sich hastig durch die Haare, um noch chaotischer auszusehen. Er ist in zweiter Ehe mit der Menschenrechtsanwältin Marina Wheeler verheiratet, die er aus Schulzeiten kennt. Das Paar hat vier Kinder.

Nicht auszuschließen, dass er doch noch nach dem Amt des Premiers greift. Ehrgeiz dürfte genug vorhanden sein. Allerdings: Nur Premierminister zu werden, sei nicht genug für ihn, scherzte einmal seine Schwester Rachel. Als Kind habe er stets als Berufswunsch „Welt-König“ genannt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Boris Johnson wird neuer Premierminister
Seine Ziele seien nun, den Brexit zu vollziehen, das Land zu vereinen und Oppositionschef Jeremy Corbyn zu besiegen, sagte der neue Chef der britischen Konservativen am Dienstag in London.
Boris Johnson, Conservative MP and leadership contender leaves his campaign headquarters to attend an event to announce the winner of the Conservative Party leadership contest in central London on July 23, 2019. (Photo by ISABEL INFANTES / AFP)
Weitere Ministerrücktritte in London erwartet
Dass Boris Johnson neuer Regierungschef wird, das ist so gut wie sicher. In London wird schon gerätselt, wer den Hut in der Regierung nehmen muss und wer vom Brexit-Hardliner mit Posten bedacht wird.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.