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Belarus-Demos in Luxemburg: "So einen Druck gab es noch nie"
International 5 3 Min. 20.08.2020 Aus unserem online-Archiv

Belarus-Demos in Luxemburg: "So einen Druck gab es noch nie"

Die in Luxemburg lebende Weißrussin Lali Maisuradze organisiert Solidaritätskundgebungen mit ihrem Land.

Belarus-Demos in Luxemburg: "So einen Druck gab es noch nie"

Die in Luxemburg lebende Weißrussin Lali Maisuradze organisiert Solidaritätskundgebungen mit ihrem Land.
Foto: Lex Kleren
International 5 3 Min. 20.08.2020 Aus unserem online-Archiv

Belarus-Demos in Luxemburg: "So einen Druck gab es noch nie"

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Auch in Luxemburg zeigen sich Demonstranten solidarisch mit Weißrussland. Organisatorin Lali Maisuradze spricht über die Lage in ihrem Heimatland.

Seit fast zwei Wochen herrscht Ausnahmezustand in Weißrussland, wo die Menschen zu Tausenden gegen den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko auf die Straße gehen. Auch in Luxemburg gab es mehrere Protestaktionen. Ins Leben gerufen hat sie Lali Maisuradze. Die 30-Jährige lebt seit sechs Jahren in Luxemburg-Stadt und arbeitet im Bankenwesen. Sie stammt aus Brest, einer 300.000-Einwohner-Stadt an der belarussischen Grenze zu Polen. Im Interview erläutert sie ihre Forderungen und gibt eine Einschätzung der Lage in ihrem Heimatland, wo viele ihrer Angehörigen leben.

Frau Maisuradze, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen.

Natürlich, sehr gerne. Ich bin seit zwei Wochen nur mit Belarus beschäftigt. 

Das heißt, Sie sind binnen kürzester Zeit zur politisch aktiven Person geworden?

Ja, das würde ich sagen. Ich habe mich immer für Politik interessiert, aber ich war nie diejenige, die etwas organisiert. 

Das hat sich nun mit der Wahl schlagartig geändert?

Ja, ich bin jetzt sehr aktiv; ich habe mir diese Woche Urlaub genommen, um mich ganz auf diese Sache konzentrieren zu können.

Wie reagiert die belarussische Community auf Ihre Protestaktionen?

Die hiesige Community ist recht klein, aber zu unserer größten Versammlung sind etwa 60 Personen gekommen. Es gibt eine Gruppe von etwa 20 Leuten, die immer da sind. Wir sind letzten Sonntag zu fünft nach Den Haag gefahren, um dort eine große Kundgebung mit 700 Teilnehmern zu unterstützen. Und es gibt natürlich auch Weißrussen in Luxemburg, die froh mit dem bestehenden Zustand sind; die kommen natürlich nicht zu unseren Demos.

Was sind denn Ihre zentralen Forderungen?

Das sind drei Dinge. Wir wollen, dass Präsident Lukaschenko abtritt. Wir wollen, dass neue, unabhängig kontrollierte Wahlen angesetzt werden. Und wir wollen unbedingt erreichen, dass alle Leute, die sich wegen unterschiedlicher Meinungen zum Regime in politischer Haft befinden, freigelassen werden. Seit der Präsidentschaftswahl am 9. August sind um die 6.000 Leute festgenommen worden. 80 davon sind verschwunden - das bedeutet, sie sind tot. Offiziell gibt es bislang fünf Tote in Zusammenhang mit den Demonstrationen. Einer davon ist ein 15-jähriger Jugendlicher! 

Die Menschen, die jetzt verhaftet worden sind, werden sehr schlecht behandelt. Frauen werden vergewaltigt, Männer zusammengeschlagen; die Ärzte zeigen Bilder und erzählen darüber, was gerade vorfällt. Viele Frauen werden nie mehr Mutter sein können. Alle Leute, die das getan haben und noch immer tun, müssen identifiziert und bestraft werden!


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Glauben Sie, dass es angesichts des hohen Drucks aus In- und Ausland zu Neuwahlen in Weißrussland kommen wird?

Ich will positiv bleiben. Die EU hat offiziell erklärt, Lukaschenko nicht als Präsidenten anzunehmen und Sanktionen gegen seine hohen Regierungsvertreter zu erlassen. Ich hoffe, dass es zu Veränderungen kommt. So einen Druck wie jetzt gab es in Weißrussland noch nie: Alle Bereiche der Gesellschaft gehen raus auf die Straße, die Schulen, die Fabriken, die Theater. Die EU unterstützt die Proteste finanziell und politisch, daher fühlen sich die Leute etwas sicherer. 

Alle Leute, die das getan haben und noch immer tun, müssen identifiziert und bestraft werden! 


TOPSHOT - A woman shouts as she holds a Belarus flag during a protest rally against police violence at recent rallies of opposition supporters, who accuse strongman Alexander Lukashenko of falsifying the polls in the presidential election, in central Minsk on August 14, 2020. - Crowds of workers walked off the job on August 14, 2020, at several factories in Belarus's capital Minsk in support of the opposition calling for leader Alexander Lukashenko to step down. Hundreds of workers marched from the Minsk Automobile Plant (MAZ) and the Minsk Tractor Works (MTZ) after the opposition called for strikes against Lukashenko's disputed claim to have won re-election. (Photo by Sergei GAPON / AFP)
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Aber jetzt hat Lukaschenko angekündigt, dass er das Bankenwesen unter seine Kontrolle bringen will und keine Überweisungen aus dem Ausland mehr möglich sein sollen. Ich habe das vorausgesehen. Deshalb habe ich meiner Schwester schon letzte Woche Geld überwiesen, das sie abgehoben hat, damit sie die nächsten drei Monate Bargeld hat und ruhig leben kann. 

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Familie, die in Weißrussland lebt?

Ja, natürlich. Sie sind momentan in Sicherheit, aber man weiß trotzdem nie, wie das ausgehen wird. Wenn eine neue Regierung gewählt wird, wird meine Familie sicher ein gutes Leben haben. Aber wenn alles so bleibt... Ich denke aber, das kann nicht sein, denn diese Sache ist sehr international geworden. Lukaschenko wird genau beobachtet; er kann nicht einfach die Leute wieder in Gefängnisse bringen. 

Am Sonntag, 23. August, ist in Luxemburg eine weitere Protestkundgebung für Belarus geplant: Es soll eine Menschenkette als Zeichen der Solidarität gebildet werden. Treffpunkt ist um 16 Uhr an der Gëlle Fra. 

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