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Beirut unter Schock - Zahl der Toten steigt auf mindestens 135
International 13 1 5 Min. 05.08.2020

Beirut unter Schock - Zahl der Toten steigt auf mindestens 135

Eine riesige Rauchwolke steht am Dienstag über Beirut. Im Hafen war es zu einer gewaltigen Explosion gekommen.

Beirut unter Schock - Zahl der Toten steigt auf mindestens 135

Eine riesige Rauchwolke steht am Dienstag über Beirut. Im Hafen war es zu einer gewaltigen Explosion gekommen.
Foto: AFP
International 13 1 5 Min. 05.08.2020

Beirut unter Schock - Zahl der Toten steigt auf mindestens 135

Am Tag nach der gewaltigen Detonation in Beirut wandern die Menschen über Scherben, Schutt und Trümmer. Tausende haben ihre Unterkunft verloren. Aus anderen Ländern reisen Ärzte-Teams und Spezialisten an.

(dpa) - Die Zahl der Opfer nach der verheerenden Explosion in Beirut steigt immer weiter. Dabei seien in der libanesischen Hauptstadt mindestens 135 Menschen getötet und weitere 5.000 verletzt worden, sagte Gesundheitsminister Hassan Hamad laut einem Bericht des Fernsehsenders MTV am Mittwoch. Zuvor war nach offiziellen Angaben von mindestens 113 Toten und etwa 4000 Verletzten die Rede.

Luftaufnahme vom völlig zerstörten Hafengelände.
Luftaufnahme vom völlig zerstörten Hafengelände.
Foto: AFP

Aus Sicherheitskreisen hieß es, es würden noch mindestens 100 Menschen vermisst. „Es liegen noch immer viele Menschen unter den Trümmern“, sagte ein Offizieller, der ungenannt bleiben wollte.     

Die schweren Schäden machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Unterkünfte verloren, sagte Gouverneur Marwan Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften versorgt.

Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen.

Makram Rabah, Analyst

Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar entstanden - „möglicherweise mehr“, sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.  

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Experten warnten vor den Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes, die seit Monaten ohnehin unter einer der schwersten Krisen in der Geschichte des Libanons leidet. „Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen“, sagte der Analyst Makram Rabah der Deutschen Presse-Agentur. Die Menschen könnten ihre Häuser nicht wieder aufbauen, weil ihnen das Geld fehle. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes. Da dort unter anderem Getreidesilos zerstört worden sei, müsste das Land jetzt mit Hunger und Engpässen bei Brot rechnen. 

Hochexplosives Material jahrelang gelagert

Die Ermittler suchen zudem weiter nach der Ursache für die gewaltige Detonation in der Hauptstadt des Landes am Mittelmeer. Möglicherweise wurde sie durch eine sehr große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die im Hafen gelagert worden war. 

Regierungschef Hassan Diab hatte am Dienstag gesagt, dass 2.750 Tonnen der Substanz dort jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert wurden. Laut Gouverneur Abbud wurde in einem Bericht von 2014 vor einer möglichen Explosion gewarnt. 

Die Explosionen hatten am Dienstag Beirut und das Umland erschüttert. Große Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Aufnahmen zeigten ein Bild der Verwüstung. Auch die angrenzenden Wohngebiete wurden stark beschädigt. Auf den Straßen standen zahlreiche zerstörte Autos. „Das ist grauenhaft, das ist nicht normal“, sagte ein Mann, der am Morgen Scherben vor seiner Wohnung zusammenfegte.

Betroffen von der Explosion sind neben dem Hafen vor allem die beliebtesten Ausgehviertel, für die Beirut bekannt ist. Sogar in Orten rund 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gingen Scheiben zu Bruch. Beirut, in dessen Großraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben, wurde zur „Katastrophen-Stadt“ erklärt.    

„Ich war in der Küche und kochte, als ich plötzlich ins Wohnzimmer geworfen wurde“, sagte eine Frau namens Aida. Auch ihre beiden Kinder seien verletzt worden. Ein älterer blutüberströmter Mann saß weinend vor einem Krankenhaus und wartete auf Behandlung. Ein neun Jahre alter Junge sagte, die Erschütterung habe sich angefühlt, als sei er gegen die Tür geworfen und auf den Kopf geschlagen worden.

Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Die Residenz seines Sohnes, der frühere Ministerpräsident Saad Hariri, wurde bei der Explosion am Dienstag beschädigt. 

An diesem Freitag will das UN-Libanon-Sondertribunal in Den Haag sein Urteil gegen vier Angeklagte in dem Fall von 2005 verkünden. Viele Libanon machen die Führung des Nachbarlandes Syrien für den Anschlag auf Hariri verantwortlich. Er hatte vor seinem Tod den Abzug der damals im Libanon stationierten syrischen Truppen verlangt.


(FILES) In this file photo taken on January 14, 2020, a Lebanese anti-government protester, wrapped in a national flag, stands in front of a road blocked with burning tyres and overtunrned garbage dumpsteres in Beirut. - For months, Lebanon has grappled with its worst economic crisis since the 1975-1990 civil war.
Tens of thousands have lost their jobs or part of their salaries, while a crippling dollar shortage has sparked rapid inflation. (Photo by PATRICK BAZ / AFP)
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Auch ein Schiff der UN-Friedenstruppen im Libanon (UNIFIL) wurde beschädigt. Mehrere Blauhelm-Marinesoldaten seien verletzt worden, einige von ihnen schwer teilte die Mission mit. „Zu diesem Zeitpunkt sind unsere Gedanken bei den Menschen im Libanon“, sagte ein UN-Sprecher in New York kurz nach dem Vorfall.

Länder sagen Libanon Unterstützung zu

Regierungschef Hassan Diab erklärte den Mittwoch zum Tag landesweiter Trauer in Gedenken an die Opfer. Präsident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Verteidigungsrats ein.

Regierungen anderer Länder zeigten sich betroffen und stellten dem Libanon Unterstützung in Aussicht. Seine Gedanken seien beim libanesischen Volk und den Familien der Opfer, teilte EU-Ratspräsident Charles Michel mit. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sicherte die „uneingeschränkte Solidarität und ihre volle Unterstützung“ der Europäischen Union zu.

Der französische Staatschef Emmanuel Macron hatte am Dienstag Unterstützung zugesagt. Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, die beiden Länder sind immer noch eng verbunden. Frankreich schickt zwei Militärflugzeuge in den Libanon. Sie werden unter anderem 55 Angehörige des französischen Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten befördern, wie der Élyséepalast mitteilte. Etwa ein Dutzend französische Notärzte soll zudem so rasch wie möglich nach Beirut entsandt werden, um Krankenhäuser vor Ort zu unterstützen.

Die Niederlande schicken ein Experten-Team nach Beirut. Rund 70 Helfer sollten am Abend in die libanesische Hauptstadt reisen, kündigte die Handelsministerin Sigrid Kaag am Mittwoch im Radio an. Zu dem Team gehörten Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten, die im Aufspüren von verschütteten Personen spezialisiert seien. „Die Niederlande sind besonders spezialisiert im Suchen nach Überlebenden und Toten in Trümmern,“ sagte die Ministerin. „Das ist jetzt so wichtig. Die Zeit drängt.“  

Auch Israel, das mit dem benachbarten Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, bot über ausländische Kanäle „medizinische humanitäre Hilfe“ an. Offiziell befinden sich beide Länder noch im Krieg. Spekulationen, dass Israel hinter der Explosion stecken könnte, räumte Außenminister Gabi Aschkenasi aus. 

Die USA haben der libanesischen Bevölkerung Unterstützung in Aussicht gestellt. Die US-Regierung beobachte die Entwicklung genau und stehe bereit, das libanesische Volk zu unterstützen, sich von der Tragödie zu erholen, erklärte US-Außenminister Mike Pompeo am Dienstag.


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