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Bandenkrieg in der Pariser Banlieue
International 2 Min. 10.03.2021

Bandenkrieg in der Pariser Banlieue

In den Pariser Banlieues kommt es immer wieder zu Schlägereien zwischen Banden, bei denen Jugendliche schwer verletzt oder getötet werden.

Bandenkrieg in der Pariser Banlieue

In den Pariser Banlieues kommt es immer wieder zu Schlägereien zwischen Banden, bei denen Jugendliche schwer verletzt oder getötet werden.
Foto: AFP
International 2 Min. 10.03.2021

Bandenkrieg in der Pariser Banlieue

Fast täglich werden Jugendliche in den Pariser Problemvorstädten Opfer von Auseinandersetzungen zwischen Gangs. Die Politik will nun durchgreifen.

Von Christine Longin (Paris)

Für Bürgermeister Laurent Jeanne sind die beiden 14 und 15 Jahre alten Jugendlichen, die bei Bandenkämpfen in Champigny-sur-Marne lebensgefährlich verletzt wurden, noch Kinder. Eine „Mädchengeschichte“ sei es gewesen, die am Montagabend wahrscheinlich den Zusammenprall zwischen den beiden rivalisierenden Jugendgangs provoziert habe, sagte er dem Fernsehsender BFMTV.

Trauermarsch in Bondy im Nordosten von Paris, wo der 15-jährige Aymane am 26. Februar erschossen wurde.
Trauermarsch in Bondy im Nordosten von Paris, wo der 15-jährige Aymane am 26. Februar erschossen wurde.
Foto: AFP

Mit Messern und Eisenstangen sollen rund 15 Jugendliche aus zwei miteinander verfeindeten Vierteln aufeinander losgegangen sein. Es war nicht das erste Mal, dass Champigny, eine Banlieue im Südosten von Paris, solche Gewalt erlebte. Erst im Februar war ein 15-Jähriger dort von einem Dutzend Jugendlichen angegriffen und schwer verletzt worden. Damals sollen die Angreifer einen brutalen Rap nachgespielt haben.

Schlägereien häufen sich

Seit Jahresanfang häufen sich solche Bandenschlägereien in den sozialen Brennpunkten rund um Paris, wo 70 der 74 bekannten Jugendbanden des Landes ansässig sind. So schwer sind die Gewalttaten, dass gleich drei Minister sich vergangene Woche mit dem Problem befassten. „Wir denken alle an das Blut dieser Kinder, die im Grunde genommen für nichts getötet wurden“, sagte Justizminister Eric Dupond-Moretti bei der Videokonferenz zum Thema. Innenminister Gérald Darmanin sprach von einer „Explosion“ der Gewalt, deren Zunahme sich auch in den Statistiken zeigt: Im vergangenen Jahr wurden 357 Auseinandersetzungen gezählt gegenüber 288 im Jahr davor.


PARIS, FRANCE - OCTOBER 21: A member of the crowd watching the National Tribute to the murdered school teacher Samuel Paty holds a teachers chalk board reading 'Teaching Kills?!' at Place de la Sorbonne on October 21, 2020 in Paris, France. 401 official guests, including 100 school children, attended the national tribute to slain teacher Samuel Paty at the historical seat of French pedagogy la Sorbonne university grounds. Crowds gathered to watch the ceremony on giant screens nearby. Samuel Paty was assassinated for showing caricatures of Mohammed in a civics class on freedom of speech at College Bois d'Aulne in a Parisian suburb on October 16. (Photo by Kiran Ridley/Getty Images)
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Betroffen sind nicht nur die Problemvorstädte, sondern auch die besseren Viertel der Hauptstadt. Im Januar wurde der 15-jährige Yuriy bei einer Schlägerei direkt am schicken Einkaufszentrum Beaugrenelle im 15. Arrondissement von Paris schwer verletzt. Videobilder einer Überwachungskamera zeigen, wie ein Dutzend Jugendliche mit Baseballschlägern auf den am Boden liegenden Jungen einprügelten und ihn mit Fußtritten traktierten, bevor sie ihn dann leblos liegen ließen. Es soll sich um eine Abrechnung zwischen zwei verfeindeten Banden gehandelt haben, von denen eine in Paris, die andere im Vorort Vanves wohnt.

Prügel unter Aufsicht

Yuriy, der danach eine Woche im Koma lag, überlebte den Angriff. Doch gut einen Monat später starben innerhalb von 24 Stunden zwei 14 Jahre alte Jugendliche im Département Essonne durch Bandengewalt. Die 14-jährige Lilibelle wurde in Saint-Cheron, einem ruhigen Vorort, mit zwei Messerstichen in den Bauch getötet, nachdem sich zwei Gangs monatelang in den sozialen Netzwerken beschimpft und provoziert hatten. 

Blumen am "Espace Nelson Mandela"-Gemeindezentrum in Bondy, wo Aymane sein Leben verlor.
Blumen am "Espace Nelson Mandela"-Gemeindezentrum in Bondy, wo Aymane sein Leben verlor.
Foto: AFP

Wenige Stunden später versammelten sich im 40 Kilometer entfernten Boussy-Saint-Antoine rund 60 Jugendliche auf dem Platz der Ortschaft, der eigentlich zum Petanque-Spielen gedacht ist. „Es war vorgesehen, dass die Älteren die Jüngsten mit 13, 14 Jahren sich unter ihrer Aufsicht prügeln lassen“, berichtete Staatsanwältin Caroline Nisand hinterher. Ein Junge starb dabei an einer Stichverletzung in der Brust.

Alternativen anbieten

Nun will die Präfektur die Jugendlichen vor den Schulen und in den Nahverkehrsmitteln stärker auf Waffen kontrollieren lassen. Denn häufig spielen sich die Auseinandersetzungen vor den Schultoren, an Bahnhöfen oder Bushaltestellen ab. Außerdem wurde eine Art Alarmsystem eingerichtet, über das Polizei, Feuerwehr, Lokalpolitiker, Mediatoren, Jugendeinrichtungen und Einwohner Informationen über drohende Auseinandersetzungen austauschen.


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„Das erlaubt uns, Tag und Nacht über die Auseinandersetzungen, die in Vorbereitung sind, informiert zu sein und sie zu verhindern“, sagte der Bürgermeister von Corbeil-Essonnes, Bruno Piriou, der Zeitung „Le Parisien“. Der kommunistische Politiker hofft, den von der Corona-Krise besonders gebeutelten Jugendlichen bald wieder Alternativen zur Gewalt anzubieten: „Es ist dringend, die Sporthallen, Fitnesscenter und Kultureinrichtungen wieder zu öffnen“.

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