Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Aus der Geschichte lernen

Aus der Geschichte lernen

Foto: dpa
Leitartikel International 2 Min. 12.09.2018

Aus der Geschichte lernen

Laurent SCHÜSSLER
Laurent SCHÜSSLER
Erschreckend, was in Chemnitz und in Köthen passierte. Noch erschreckender, welche Folgen die beiden Tragödien mit sich zogen.

Zuerst Chemnitz, dann Köthen. Die Geschehnisse in den beiden ostdeutschen Städten zeigen tragische Parallelen auf. In beiden Fällen kam ein Mensch ums Leben. Während, beziehungsweise nach einer Auseinandersetzung. Einmal durch, einmal ohne Fremdeinwirkung. Doch tot ist tot. Das sind Fakten, und die sind furchtbar. Weniger wichtig ist die Frage nach der Nationalität des Opfers, beziehungsweise der vermeintlichen Täter.

Erschreckend waren die Folgen dieser Tragödien. In Chemnitz wurden unbeteiligte Menschen von Vermummten durch die Stadt gejagt, ein gewaltiger Mob lief durch die Straßen und brüllte unbehelligt Parolen mit braunem Gedankengang. Ein jüdisches Restaurant in Chemnitz soll gar im Verlauf der erwähnten Ausschreitungen gezielt angegriffen worden sein. In einer ersten Phase war die Chemnitzer Polizei überfordert vor diesem Übermaß an blinder Ausschreitungswut. Es ist verstörend, dass vereinzelte ostdeutsche Politiker die Augen vor diesen offensichtlichen Fakten verschließen wollen, indem sie sie leugnen. Und nicht alle dieser Entscheidungsträger stammen dabei aus der braun-rechten Ecke.

Die unübersichtlichen, teils chaotischen Situationen in Chemnitz und Köthen, die dann folgten, nutzten Verfechter einer menschenverachtenden Ideologie unverfroren aus, um die Stimmung in der Bevölkerung weiter aufzuheizen und um aus den Ängsten und den reell existierenden Vorurteilen der Menschen Profit für ihre erbärmliche Sache zu ziehen.

Chemnitz und Köthen erinnern an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

Todesfälle ziehen immer Emotionen nach sich. Das ist nur allzu menschlich. Bei diesen Fällen sind aber – leider – die Parallelen zum dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht von der Hand zu weisen: Wieder wird eine Minderheit gejagt. Virtuell und real. Noch existiert Widerstand, der sich in Chemnitz in einem Open-Air-Konzert und Protestmärschen gegen die rechten Brandstifter ausdrückte. Es sind viele auf die Straßen gegangen, aber nicht ausreichend genug. Es können niemals genug sein, die sich auflehnen. So nett es auch wirkt, sein Profilfoto in den sozialen Medien mit dem Zusatz #wirsindmehr zu schmücken, so wenig wird es jenen Menschen helfen, die zur Zielscheibe des Hasses einer stetig größer werdenden Horde an Unbelehrbaren werden.

Die breite Masse hält sich zurück und verfolgt das Geschehen aus der Distanz, vor dem Fernseher im heimischen Wohnzimmer. Auch die Politiker in Berlin wissen keinen Rat, verurteilen zwar die Ausschreitungen im Osten ihrer Republik, können aber viele der Menschen, die dort leben, nicht mehr erreichen. Die Politik hat sich nicht entsprechend den Sorgen und Unsicherheiten großer Teile der Bevölkerung angenommen. Das Vertrauensverhältnis ist zerstört. Oder anders ausgedrückt, es wurde zu wenig zugehört und aufgeklärt, zu wenige Alternativen und realistische Lösungsvorschläge angeboten.

Vor über 80 Jahren war die Ausgangssituation ähnlich. Viele Menschen sahen keine Chance auf Besserung mit der damaligen politischen Klasse. Erst dieser vorherrschende Groll ermöglichte es den Nazis, nach der Macht zu greifen. 2018 ist Berlin gewarnt, ein Umdenken vonnöten. Sonst drohen neue Gewalttaten.

Auch Luxemburg darf nicht wegsehen. Ganz gleich, wer nach dem 14. Oktober die Regierung stellen wird, er täte gut daran, dem auch hierzulande verstärkt aufkommenden fremdenfeindlichen Gedankengut schnellstmöglich entgegenzutreten.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Schwere Panne bei Einsatz in Chemnitz
Es hätten mehrere Hundertschaften zu den Ausschreitungen am Montag nach Chemnitz beordert werden können, meldet die „Welt am Sonntag“. Der Hilferuf ging aber an die falsche Dienststelle. 20 Personen wurden verletzt, darunter zwei Polizisten.
TOPSHOT - Right wing demonstrators light flares on August 27, 2018 in Chemnitz, eastern Germany, following the death of a 35-year-old German national who died in hospital after a "dispute between several people of different nationalities", according to the police. - The far-right street movement PEGIDA called for a second day of protests in Chemnitz in ex-communist eastern Germany after the alleged fatal stabbing of a German man by a foreigner. (Photo by Odd ANDERSEN / AFP)