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Auf die Opfer hören
Papst Franziskus bei einem Treffen mit irischen Bischöfen am Ende seiner Irland-Reise.

Auf die Opfer hören

Foto: AFP
Papst Franziskus bei einem Treffen mit irischen Bischöfen am Ende seiner Irland-Reise.
Leitartikel International 3 Min. 27.08.2018

Auf die Opfer hören

Roland ARENS
Roland ARENS
Die Kirche darf kein Ort sein für Kinderschänder und für ein Machtgeflecht, das die Täter vor Entdeckung und Strafe bewahrt.

Angesichts der Missbrauchsskandale, die die katholische Kirche in Irland seit Jahren erschüttern, war zu erwarten, dass der Besuch von Papst Franziskus beim Weltfamilientreffen in Dublin schwierig werden würde. Die jüngsten Meldungen über weitere Fälle sexueller Gewalt im US-Bundesstaat Pennsylvania warfen einen langen Schatten auf die Begegnung und verdeutlichen jene tiefe Vertrauenskrise, die mehr und mehr die moralische Autorität und die Einheit der Kirche untergraben.

In seinem fünften Amtsjahr steht Papst Franziskus mehr denn je unter Druck, die Aufarbeitung von Missbrauch und Vertuschung voranzutreiben. Vielen in der Kirche geht die Aufklärung der Missstände ohnehin nicht weit und nicht schnell genug, wie die jüngsten Rücktrittsforderungen gegen hohe Kirchenvertreter zeigen, denen Mitwisserschaft angelastet wird. Etwa gegen den französischen Kardinal Barbarin oder jetzt sogar gegen den Papst selber.

Seit dem Jahr 2002, als Journalisten der Zeitung The Boston Globe zahlreiche Fälle von Missbrauch und Vertuschung in Boston ans Licht brachten, haben es sich alle Päpste zur Aufgabe gemacht, gegen den Sumpf von Pädophilie in den Reihen der Kirche vorzugehen. Auch Papst Franziskus hat mehrfach betont, die Null-Toleranz-Politik seiner Vorgänger fortsetzen zu wollen. 

Nach der Veröffentlichung des Pennsylvania-Berichts ist jedoch klar, dass die Aufklärung und die Aufarbeitung bereits bekannter oder noch nicht aufgedeckter Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche deutlich schneller und radikaler vonstatten gehen muss, als bisher. Das gebietet allein der Respekt gegenüber den Opfern, die für ihr Leben gezeichnet waren und sind. „Die Wunden der Opfer verjähren nie“, schrieb Papst Franziskus denn auch in seinem Brief an die Gläubigen in aller Welt, mit dem er – kurz vor dem Treffen in Dublin – zu den jüngsten Enthüllungen aus den USA Stellung bezog.

Ob den eindringlichen Appellen des Papstes an das Volk Gottes vor dem Besuch in Irland diesmal konkrete Taten folgen, wird sich zeigen. Es wird etwa zu reden sein über die vermehrten Offenlegung von Kirchenarchiven oder über die Abschaffung von Verjährungsfristen, denn nicht wenige Missbrauchsopfer können erst viele Jahre später von ihren traumatischen Erlebnissen berichten.

Die deutliche Wortwahl des Papstes lässt seine Entschlossenheit erkennen. Die Kirche müsse „harte Lehren“ aus ihrer Vergangenheit ziehen. Wie bereits zuvor prangert der Papst eine falsch verstandene Auffassung von Autorität innerhalb der Kirche an. Dieser Klerikalismus und die „Kultur des Verschweigens“, von denen der Papst spricht, sind Teil eines perfiden Systems von Machtmissbrauch, das es Tätern ermöglicht, sich an Schutzbefohlenen zu vergehen und das sie viel zu oft vor Strafe bewahrt. So wird den Opfern ein zweites Mal Gewalt angetan: Nach Vergewaltigung und Missbrauch durch Kleriker, denen sie sich anvertraut hatten, ein zweites Mal dadurch, dass man ihnen nicht zuhört oder ihren schlimmen Erlebnissen keinen Glauben schenkt.

Hier sind letztlich die Gläubigen gefordert, die der Papst in seinem Schreiben vom 20. August direkt anspricht. Auch sie müssen sich unzweideutig an die Seite der Opfer stellen, um klar zu machen, dass ihre Kirche kein Ort ist für Kinderschänder und für ein Machtgeflecht, das die Täter vor Entdeckung und Strafe bewahrt.


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