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Attentat in Straßburg: mindestens drei Tote und neun Schwerverletzte
International 25 7 Min. 12.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Attentat in Straßburg: mindestens drei Tote und neun Schwerverletzte

Der Straßburger Weihnachtsmarkt ist weitläufig abgeriegelt und wird am Mittwoch nicht aufmachen.

Attentat in Straßburg: mindestens drei Tote und neun Schwerverletzte

Der Straßburger Weihnachtsmarkt ist weitläufig abgeriegelt und wird am Mittwoch nicht aufmachen.
Foto: AFP
International 25 7 Min. 12.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Attentat in Straßburg: mindestens drei Tote und neun Schwerverletzte

In Straßburg hat ein bewaffneter Mann drei Menschen erschossen und zwölf verletzt. Der Täter ist flüchtig und könnte ins Nachbarland geflüchtet sein. Ein terroristischer Hintergrund ist nicht sicher.

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert

(dpa/tom/mth) - Obwohl Anti-Terror-Spezialisten die Ermittlungen im Fall des Anschlags in Straßburg übernommen haben, will sich das französische Innenministerium nicht auf ein terroristisches Motiv des Täters festlegen. Eine terroristischer Hintergrund sei im Moment noch nicht sicher, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez, am Mittwochmorgen. Der mutmaßliche Täter sei zwar polizeibekannt gewesen, allerdings bisher nicht im Zusammenhang mit Terrorismus. Er sei mehrfach im Gefängnis gewesen und dort sei auch eine Radikalisierung festgestellt worden.

Zuvor war bekannt geworden, dass der Täter auf der Sicherheitsakte „Fiche S“ geführt worden sei - einer Liste von Personen, die verdächtigt werden, radikalisiert zu sein. Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Das bedeutet etwa verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes.

Man schließt nicht aus, dass der Straßburger Attentäter nach Deutschland geflüchtet sein könnte. „Aber was ich sagen möchte, ist, dass natürlich sofort die Grenzschließung sichergestellt wurde und Straßburg (...) abgeriegelt wurde“, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez, am Mittwochmorgen. 

Zwei Tote und 16 Verletzte bestätigt

Bei dem Angriff mitten in der Weihnachtssaison wurden am Dienstagabend drei Menschen in Straßburg getötet, wie Frankreichs Innenminister Christophe Castaner am frühen Morgen mitteilte. Zunächst meldeten verschiedene Medien übereinstimmend, es habe drei, je nach Quelle sogar vier Todesopfer gegeben. Anschließend kam die Meldung, es gebe nur zwei Tote, dann wurde die Opferzahl zum dritten mal revidiert.

16 Menschen wurden nach seinen Angaben verletzt, neun von ihnen lebensgefährlich. Laut Staatsanwaltschaft ist demnach zu befürchten, dass es weitere Todesopfer gibt. Die Polizei ging von einem terroristischen Hintergrund aus.

Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Das bedeute verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes, erläuterte Castaner. Auch Weihnachtsmärkte würden stärker kontrolliert.

Täter war der Justiz als Bankräuber und radikalisiert bekannt

Laut dem Minister war der mutmaßliche Täter bereits wegen Delikten in Frankreich und Deutschland verurteilt worden. Der 29-Jährige wurde demnach vom Amtsgericht Singen wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und war in Deutschland in Haft. Nach dem Verbüßen der Strafe wurde er im Jahr 2017 nach Frankreich abgeschoben, wie die dpa am Mittwoch weiter erfuhr. 

Der Verdächtige hatte nach Angaben der Präfektur gegen 20 Uhr nahe dem Weihnachtsmarkt der Elsass-Metropole das Feuer eröffnet. Castaner beschrieb den genauen Tatort nicht näher und sagte lediglich, der Täter habe an drei verschiedenen Orten in der Stadt „Terror“ verbreitet. Zwischen 20 und 21 Uhr habe er sich zweimal einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften im Patrouilleneinsatz geliefert.

Präsident Macron berief nach dem Anschlag eine Krisensitzung ein.
Präsident Macron berief nach dem Anschlag eine Krisensitzung ein.
Foto: AFP

Die Nachrichtenagentur AFP meldete unter Berufung auf die Polizei, der vermutlich radikalisierte Mann sei vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden. Laut dem Sender France Info entkam er mit einem Taxi, das er gestohlen hatte.

Weite Teile der Straßburger Innenstadt wurden von Dienstagabend an über Stunden abgeriegelt. Menschen wurden dazu aufgerufen, die Innenstadt in Richtung Norden zu verlassen und nicht in Richtung des südöstlich gelegenen Stadtteils Neudorf zu gehen. Dort war nach dem flüchtigen Tatverdächtigen gefahndet worden. Die Polizei rief die Bürger dazu auf, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der Sicherheitskräfte zu folgen.

Die Regierung habe zusätzliche Kräfte mobilisiert, die auf dem Weg nach Straßburg seien, sagte Castaner. 350 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber seien an der Fahndung beteiligt. Castaner selbst traf in der Nacht in Straßburg ein.

Der mutmaßliche Täter hätte einem Medienbericht zufolge eigentlich schon am Dienstagmorgen verhaftet werden sollen. Wie France Info unter Berufung auf Polizeiquellen berichtete, war er jedoch nicht zu Hause.

Demnach wird dem 29-Jährigen namens Chérif C. versuchter Mord sowie Bankraub vorgeworfen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung Stunden vor den Schüssen sollen Granaten gefunden worden sein, wie France Info und die Zeitung „Le Parisien“ berichteten.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron berief in Paris eine Krisensitzung ein. Er beriet sich am frühen Mittwochmorgen unter anderen mit Premierminister Édouard Philippe und Verteidigungsministerin Florence Parly. „Solidarität der gesamten Nation für Straßburg, unsere Opfer und ihre Familien“, schrieb Macron auf Twitter.

Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Die Untersuchung wurde unter anderem dem Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben, wie Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur in Paris bestätigten.    

Die Präfektur des Départements Bas-Rhin bestätigte anfangs, dass ein Mensch gestorben sei und sechs weitere verletzt wurden. Später erhöhte sich die Zahl der Toten auf zwei. Die Innenstadt der elsässischen Metropole ist komplett abgeriegelt. Die deutsche "Tagesschau" zitiert Zeugenaussagen, wonach in der Straßburger Innenstadt "etwa ein Dutzend Schüsse" gefallen seien.

Europaparlament abgeriegelt

Frankreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden, die fast 250 Menschen das Leben kosteten.

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg bleibt am Mittwoch geschlossen. Auch die kulturellen Einrichtungen der Stadt öffnen nicht, wie es in einer Mitteilung der Stadt hieß. Der Unterricht sollte am Mittwoch an Grundschulen und Vorschulen ausgesetzt werden. Eltern wurde geraten, ihre Kinder zu Hause zu lassen, wie die Präfektur mitteilte. An weiterführenden Schulen und Hochschulen sollte der Unterricht stattfinden.

Polizisten kontrollieren an der Deutsch-Französischen Grenze in Kehl alle Fahrzeuge, die aus Straßburg heraus fahren.
Polizisten kontrollieren an der Deutsch-Französischen Grenze in Kehl alle Fahrzeuge, die aus Straßburg heraus fahren.
Foto: Christoph Schmidt/dpa

Auch das Europaparlament in Straßburg wurde zwischenzeitlich abgeriegelt. Über Stunden hinweg durfte niemand das Gebäude verlassen, Mitarbeiter wurden per Handy-Kurznachricht und Mail gewarnt. Erst am frühen Mittwochmorgen durften Abgeordnete und Mitarbeiter sich auf den Heimweg machen.

„Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile“, schrieb EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf Twitter. Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. „Werte, die wir immer verteidigen werden.“ Die EU-Kommission stehe an der Seite Frankreichs.

Facebook hat seine "Safety Check"-Funktion für Straßburg aktiviert.

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich auf Twitter „erschüttert über die schreckliche Nachricht“ aus Straßburg. „Welches Motiv auch immer hinter den Schüssen steckt: Wir trauern um die Getöteten und sind mit unseren Gedanken und Wünschen bei den Verletzten. Hoffentlich gerät niemand mehr in Gefahr.“

Am deutsch-französischen Grenzübergang kontrollierte die Polizei am Abend Autos, die von Deutschland nach Frankreich fuhren, wie eine dpa-Reporterin berichtete. „Wir verstärken (...) aktuell die Kontrollen an der deutsch-französischen Grenze in diesem Bereich“, teilte die Bundespolizei Baden-Württemberg auf Twitter mit. Später twitterte sie, dass der Verkehr einer grenzüberschreitenden Straßenbahn eingestellt worden sei. „Sofern möglich vermeiden Sie bitte aktuell den Grenzübertritt im Bereich Kehl“, hieß es weiter.

Keine luxemburgischen Opfer, keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen im Großherzogtum

Auf Nachfrage teilte die Polizei in Luxemburg mit, dass aufgrund des Anschlags bisher keine außergewöhnlichen Maßnahmen in Luxemburg getroffen worden seien. "Wir passen unsere Sicherheitsvorkehrungen falls nötig an die Lage an. Derzeit gibt es keine zusätzlichen Maßnahmen," so eine Polizeisprecherin am Mittwochmorgen.

Außenminister Jean Asselborn sagte auf Nachfrage von RTL, dass nach derzeitigem Stand der Dinge keine Luxemburger Staatsbürger unter den Opfern seien. Die Präfektur der Region Grand-Est hat eine Telefon-Hotline eingerichtet, über die Informationen nachgefragt werden können: (+33) 0811 00 06 67

Der luxemburgische Europaabgeordnete Charles Goerens berichtete dem "Luxemburger Wort", dass er am Dienstagabend mitten in einer Sitzung im Parlaments über den Anschlag informiert worden sei: "Zunächst sickerten nur ganz spärlich Informationen durch. Uns wurde erklärt, dass wir auf eigene Gefahr in unsere Hotels zurückkehren würden und unsere Sicherheit nur im Gebäudekomplex des Parlaments garantiert werden könnte. Ich habe mich dann dazu entschieden, hier zu übernachten." Am Dienstagabend seien demnach rund 2000 Personen quasi im Parlament blockiert gewesen.

Am Mittwochmorgen laufe die Arbeit im Parlament wie geplant weiter: "Ich bin auf dem Weg in den Plenarsaal, die Tagesordnung bleibt unverändert," so Charles Goerens, der darüber hinaus den Opfern und ihren Angehörigen sein tiefstes Bedauern und sein Mitgefühl aussprach.

Das Europaparlament hat seine Sitzung am Mittwoch im Gedenken an die Opfer begonnen. „Das war ein krimineller Anschlag auf den Frieden“, sagte Parlamentspräsident Antonio Tajani zum Auftakt der Sitzung in der französischen Stadt. „Wir stehen auf der Seite der Familien der Opfer.“ Er drückte Frankreich sein Mitgefühl aus, nachdem das Land bereits wiederholt Ziel ähnlicher Taten geworden ist. Die Kraft der Freiheit und der Demokratie gewinne jedoch gegen Gewalt, Verbrechen und Terrorismus, sagte Tajani. Deshalb setze das Parlament trotz der Bluttat seine Arbeit fort. Der zyprische Präsident Nikos Anastasiades, der zu einer europapolitischen Debatte im Parlament war, verurteilte den Straßburger Angriff scharf.


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