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Armbrust-Fall: Staatsanwaltschaft geht von Tötung auf Verlangen aus
Die Pension liegt am Ufer des Flusses Ilz in Passau.

Armbrust-Fall: Staatsanwaltschaft geht von Tötung auf Verlangen aus

Foto: Lino Mirgeler / dpa / AFP
Die Pension liegt am Ufer des Flusses Ilz in Passau.
International 7 1 6 Min. 14.05.2019

Armbrust-Fall: Staatsanwaltschaft geht von Tötung auf Verlangen aus

In einer abgelegenen Pension in Passau findet die Polizei drei Leichen - in den Körpern stecken Pfeile. Jetzt wurden in der Wohnung einer der Toten zwei weitere Leichen gefunden.

(dpa) - Am Tag danach erinnert vor einer Pension in Passau nichts an das Drama, das sich dort am Wochenende abgespielt haben muss. Keine Polizei, keine Absperrungen, keine lauernden Fotografen. In einem Pensionszimmer hatten Mitarbeiter am Samstag drei Tote gefunden, in den Körpern steckten Pfeile.


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Die Ermittler stellten drei Armbrüste sicher. Hinweise auf eine Beteiligung weiterer Menschen gibt es den Erkenntnissen nach nicht.  

In den Körpern von zwei Toten, die in einem Doppelbett lagen, steckten mehrere Pfeile, wie der Passauer Oberstaatsanwalt Walter Feiler sagte. Die dritte Tote, eine 30-Jährige aus Niedersachsen, die auf dem Boden lag, hatte einen Pfeil im Körper stecken. Was sich genau in dem Zimmer abspielte, sei weiterhin unklar. Die Leichen eines 53-jährigen Mannes und einer 33-jährigen Frau hätten Hand-in-Hand auf dem Bett gelegen.

Der 53-Jährige und die 33-Jährige waren dem Oberstaatsanwalt zufolge in einer Gemeinde im Westerwald in Rheinland-Pfalz gemeldet, die 30-Jährige in Wittingen. Laut Polizei war noch unklar, in welchem Verhältnis sie zueinander standen.

Zwei Frauen und ein Mann wurden am Samstag in einem Zimmer der Pension tot aufgefunden. Sie wurden mit zwei Armbrüsten niedergestreckt.
Zwei Frauen und ein Mann wurden am Samstag in einem Zimmer der Pension tot aufgefunden. Sie wurden mit zwei Armbrüsten niedergestreckt.
Foto: AFP

Im Fall der drei in einer Passauer Pension mit Armbrustpfeilen getöteten Menschen liegt mittlerweile ein vorläufiges Obduktionsergebnis vor. Demnach wurden der Mann und die Frau, die gemeinsam in einem Bett lagen, jeweils durch einen Schuss ins Herz getötet, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Passau am Dienstag sagte. Bei der 30-Jährigen, die in dem Zimmer auf dem Boden lag, sei ein Schuss in den Hals sofort tödlich gewesen.

Die beiden Leichen im Bett hätten weitere Pfeile aufgewiesen, die den Erkenntnissen nach jedoch erst nach den tödlichen Schüssen ins Herz abgeschossen worden seien. Bei keiner der drei Leichen gebe es Kampf- oder Abwehrspuren. Zudem seien in dem Pensionszimmer zwei Testamente gefunden worden, die von den beiden im Bett liegenden Personen stammten, sagte der Sprecher.

Wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte gehen sie von Tötung auf Verlangen beziehungsweise Suizid aus. Es gebe weiterhin keine Hinweise darauf, dass eine vierte Person an dem Geschehen beteiligt gewesen sein könnte, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft im bayerischen Passau.

Es deute alles darauf hin, dass die 30-Jährige erst die beiden anderen und dann sich selbst erschossen habe. Man könne das Geschehen auch als erweiterten Suizid betrachten.

Warum sie sich Passau als Ort für ihren Tod ausgesucht haben, sei noch ein Rätsel, sagte der Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft. Zumindest eine der drei Armbrüste hatten sie zuvor in Österreich gekauft. Das belege eine Quittung.  

Im Zusammenhang mit dem Passauer Armbrust-Fall haben Ermittler am Montag zwei weitere Leichen in Niedersachsen gefunden. Die Leichen der beiden Frauen waren am Vormittag in der Wohnung der 30-Jährigen entdeckt worden, die mit zwei anderen tot in einer Pension in Passau gefunden worden war.

 Nach der Entdeckung der zwei weiteren Leichen ist noch unklar, wie die beiden Frauen ums Leben gekommen sind. Offen sei auch, wie der Tod der beiden mit dem mysteriösen Passauer Armbrust-Fall mit drei Toten zusammenhängt, sagte ein Polizeisprecher am Montag in Gifhorn.

In der Wohnung in Wittingen wurden - anders als in Passau - keine Armbrüste oder Pfeile gefunden, wie Polizeisprecher Thomas Reuter in Gifhorn sagte. „Die möglichen Zusammenhänge zu den Toten in Passau sind Gegenstand der Ermittlungen.“

Ersten Untersuchungen zufolge sind die beiden Frauen in Wittungen nicht durch äußere Gewalteinwirkung gestorben. „Die Todesursache steht noch nicht fest“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hildesheim, Christina Pannek, am Dienstag. Nach ersten Erkenntnissen liegt der Todeszeitpunkt einige Tage zurück. Die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen. Die Leichen der 35-Jährigen und der 19-Jährigen, die ursprünglich aus Rheinland-Pfalz stammte, waren in der Medizinischen Hochschule Hannover obduziert worden.

Die 35-Jährige war Lebenspartnerin einer 30-Jährigen, deren Leiche am Samstag in einer Pension im bayerischen Passau entdeckt worden war. Sie war dort ebenso wie eine 33-Jährige und ein 53 Jahre alter Mann - die beiden wohnten zuletzt in einem kleine Ort im Westerwald - durch einen Armbrust-Pfeil getötet worden. Zur Vermutung, es könne sich auch im Fall der beiden Frauen in Wittingen um Suizid handeln, sagte die Sprecherin der Hildesheimer Staatsanwaltschaft: „Das sind Spekulationen.“

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Den Ermittlern zufolge war die tote 19-Jährige an derselben Adresse in Wittingen gemeldet wie das Frauenpaar. Bei der toten 35-Jährigen handelt es sich um eine Lehrerin der örtlichen Grund- und Oberschule. In welcher Beziehung sie zu den anderen Beteiligten stand, war unklar. Die 30-Jährige war der Polizei zufolge Verkaufsleiterin in einer Bäckerei. Die Polizei hatte beide Leichen entdeckt, als sie der Frau die Nachricht überbringen wollte, dass ihre Lebenspartnerin in Passau gestorben sei.

Der 53-Jährige und die 33-Jährige waren in einer Gemeinde im Westerwald gemeldet. Dort war der Staatsanwaltschaft nach auch die 30-Jährige bis vor zwei Monaten gemeldet. In Hachenburg betrieb der Mann einen Mittelalterladen. Vor der Pension in Passau, in der sich die drei am Freitag eingemietet hatten, stellte die Polizei das Auto der 33-Jährigen sicher. Der weiße Pick-up werde untersucht.

Der ungewöhliche Fall hat zu Spekulationen über die Umstände oder mögliche Motive geführt. Der Fernsehsender RTL berichtete am Dienstagabend unter Verweis auf Ermittler, dass es sich bei der 19-Jährigen um eine seit mehreren Jahren vermisste Jugendliche handeln dürfte. Deren Eltern berichteten im Interview, wie ihre Tochter den 53-Jährigen im Kampfsportclub kennenlernte und wenig später den Kontakt zur Familie abbrach.

Die Zeitung „Bild“ zitierte am Dienstagabend einen Mann, der von seiner Begegnung mit dem 53-Jährigen berichtete. Demnach hatte er diesem vorübergehend einen Pferdehof verpachtet. Die Frauen sollen sich dem 53-Jährigen gegenüber auffallend unterwürfig verhalten haben.

Ab dem 18. Lebensjahr können Armbrüste frei erworben werden, sagt am Sonntag ein Sprecher des Deutschen Schützenbundes in Wiesbaden.  

Nach Angaben der Polizei stammten die Toten aus Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Es sei noch völlig offen, wie die drei Menschen ums Leben kamen.
Nach Angaben der Polizei stammten die Toten aus Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Es sei noch völlig offen, wie die drei Menschen ums Leben kamen.
Foto: Lino Mirgeler/dpa

Derweil ging der Betrieb in der Pension bereits am Tag nach dem grausigen Fund weiter seinen Gang. "Heute geöffnet" stand am Sonntag mit weißer Kreide auf einer Tafel geschrieben. Zum Sitzen im Biergarten unter den Kastanienbäumen ist es zwar zu kalt, aber die Wirtsstube ist rappelvoll. Es dringt Stimmengewirr nach draußen, Teller klappern. Das idyllisch und einsam gelegene Ausflugslokal ist in der Gegend beliebt.    

"Klar haben wir das mitbekommen", sagt eine Frau, die selbst ganz aus der Nähe kommt. "Das ist schrecklich. Aber wir feiern jetzt Muttertag." Der Tisch sei schließlich schon reserviert gewesen. Auch andere Gäste wollen sich nicht den Appetit verderben lassen.

Die Pension liegt am Waldrand, Nadelbäume wiegen sich im Wind. Die Ilz schlängelt sich durch das Tal, als wäre nichts gewesen. Die Regenwolken haben sich verzogen, der Geruch von feuchtem Waldboden vermischt sich mit dem von Schweinsbraten. "Hier können Sie sich erholen, entspannen und wieder Ihre innere Ruhe finden", wirbt die Wirtsfamilie auf der Homepage.

Zu den drei Toten will sich die Familie nicht äußern. "Keine Zeit", wimmelt eine Frau ab und verschwindet in der Küche. Im Stockwerk darüber liegen die Pensionszimmer. Dort bezieht gerade eine junge Frau die Betten. Sofort stürmt ihre Kollegin herbei, hebt abwehrend die Hände. "Wir geben keinen Kommentar dazu." Die beiden verschwinden im Bügelzimmer.

"Die können doch auch nichts dafür", meint eine junge Frau, die vor dem Wirtshaus gerade einen Kinderwagen aus dem Auto hievt. "Stell dir vor, du bist das Zimmermädchen und entdeckst die Leichen ..." Sie bricht mitten im Satz ab. "Das ist wie ein schlechter Krimi", sagt ihr Mann und schüttelt den Kopf. Dann verabschieden sie sich. Das Mittagessen warte schon auf sie.

Wer Suizidgedanken hat, sollte mit vertrauten Menschen darüber reden. Oft hilft bereits ein Gespräch, die Situation, zumindest für den Moment, zu verbessern. Wer darüber hinausgehende Hilfsangebote in Anspruch nehmen will, oder sich um nahestehende Personen sorgt, kann sich an SOS Détresse unter 00352-454545 wenden.     


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