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"Anti-Abschiebe-Industrie" als Unwort 2018: Ein "Kampfbegriff"
Der von Alexander Dobrindt genutzte Begriff «Anti-Abschiebe-Industrie» wurde am 15.01.2019 zum «Unwort des Jahres» gekürt.

"Anti-Abschiebe-Industrie" als Unwort 2018: Ein "Kampfbegriff"

Matthias Balk/dpa
Der von Alexander Dobrindt genutzte Begriff «Anti-Abschiebe-Industrie» wurde am 15.01.2019 zum «Unwort des Jahres» gekürt.
International 2 Min. 16.01.2019

"Anti-Abschiebe-Industrie" als Unwort 2018: Ein "Kampfbegriff"

Laut Sprachexperten haben sich die Regeln dafür, was "sagbar" ist, bedenklich verändert. Ein Beispiel sei die Formulierung "Anti-Abschiebe-Industrie" des CSU-Politikers Dobrindt - sie wurde nun Unwort 2018.

(KNA) - Es war im Mai 2018, als CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in einem Zeitungsinterview wetterte: "Es ist nicht akzeptabel, dass durch eine aggressive Anti-Abschiebe-Industrie bewusst die Bemühungen des Rechtsstaates sabotiert und eine weitere Gefährdung der Öffentlichkeit provoziert wird." Wer mit Klagen versuche, die Abschiebung von Kriminellen zu verhindern, arbeite nicht für das Recht auf Asyl, sondern gegen den gesellschaftlichen Frieden, sagte Dobrindt. Die Hilfsorganisation Pro Asyl konterte damals, Dobrindt brauche offenkundig einen Grundkurs in Sachen Rechtsstaat. Mehr als 40 Prozent aller Klagen gegen die Ablehnung der Asylanträge und die Androhung der Abschiebung hätten im vergangenen Jahr Erfolg gehabt. 

Jetzt brandmarkten Sprachexperten Dobrindts Wortschöpfung als "Unwort des Jahres 2018". Die Formulierung sei von dem Politiker "als offensichtlicher Kampfbegriff in die politische Diskussion eingeführt worden", erklärte die Jury des Sprachwettbewerbs am Dienstag in Darmstadt. Der Ausdruck zeige, "wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie in bedenklicher Weise verändern". Nach Einschätzung der Sprachjury unterstellt der Ausdruck denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge schützen und damit in großem Maßstab Geld verdienen zu wollen. Der Begriff "Industrie" suggeriere zudem, es würden dadurch überhaupt erst Asylberechtigte "produziert". 

Gekürt wird das Unwort von der "Sprachkritischen Aktion". Die nach eigenen Angaben institutionell unabhängige und ehrenamtlich arbeitende Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten wurde in diesem Jahr durch den Autor und Kabarettisten Jess Jochimsen ergänzt. Die Jury erreichten den Angaben zufolge 902 Einsendungen. Darunter waren 508 verschiedene Ausdrücke, von denen knapp 70 den Unwort-Kriterien der Jury entsprochen hätten. Es muss sich um Wörter handeln, die die Menschenwürde verletzen oder die Grundlagen der Demokratie angreifen, die diskriminieren, diffamieren oder verschleiern. 

Anders als von vielen erwartet wurde jetzt nicht der vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) verwendete Begriff "Asyltourismus" zum Unwort erklärt. Und dies, obwohl jener Ausdruck mit 122 Einsendungen der meistgenannte Vorschlag war - weit vor "Vogelschiss/Fliegenschiss" (22 Mal), "DSGVO - Datenschutzgrundverordnung" (22 Mal), "Hetzjagd" (17 Mal) "Biodeutsche (11 Mal) oder Dobrindts Formulierung "Anti-Abschiebe-Industrie" (10 Mal). 

"Ankerzentrum" und "Menschenrechtsfundamentalismus"

Den Grund dafür, dass "Asyltourismus" nicht zum Zuge kam, deutete Nina Janich, Jury-Mitglied und Sprachwissenschaftlerin an der Technischen Universität Darmstadt, in der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag) an. Der Nachteil für die Wahl dieses Begriffs sei, dass die Jury bereits 2013 den Ausdruck "Sozialtourismus" zum Unwort erklärt habe - der Stimmungsmache gegen unerwünschte Zuwanderer verkörpere. Gekürt wurde nun hingegen als weiteres Unwort der Begriff "Ankerzentrum" - als besondere Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Eigentlich stehe "AnKER" für "Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung beziehungsweise Rückführung". Durch die Schreibung als "Ankerzentrum" würden die positiven Assoziationen des Begriffs Anker, der für das Festmachen in einem sicheren Hafen stehe und ein christliches Symbol der Hoffnung sei, "gezielt ausgenutzt".

Als "zynisches" Unwort kritisierte die Sprachjury zudem den Ausdruck "Menschenrechtsfundamentalismus", den der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) aus Anlass der Debatte um die Seenotrettung von Flüchtlingen verwendet habe. "Der Ausdruck zeigt in erschreckender Weise, dass es in Deutschland diskutabel geworden zu sein scheint, ob ertrinkende Menschen gerettet werden sollen oder nicht", so die Sprachexperten. Menschenrechte seien fundamentale Rechte. Sie zu verteidigen, dürfe nicht als "Fundamentalismus" diskreditiert werden.


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