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Anschläge in Brüssel: Mit mir ist alles in Ordnung. Mit dem Rest nicht.
Chaos in Brüssel.

Anschläge in Brüssel: Mit mir ist alles in Ordnung. Mit dem Rest nicht.

Foto: AFP
Chaos in Brüssel.
International 4 Min. 22.03.2016

Anschläge in Brüssel: Mit mir ist alles in Ordnung. Mit dem Rest nicht.

Diego VELAZQUEZ
Diego VELAZQUEZ
Wie der Brüsseler "Wort"-Korrespondent Diego Velazquez die Anschläge erlebte.

Von Diego Velazquez

Als am 13. November 2015 die mörderischen Anschläge in Paris stattfanden, saß ich in Brüssel auf einer Terrasse - genau wie die Opfer in Paris. Der Schock war groß, doch die Ferne der Geschehnisse gab mir ein vages Gefühl der Sicherheit. Ab heute geht das nicht mehr.

7. 30 Uhr. Der Wecker klingelt, und ich mache mich auf den Weg zur Arbeit. Da das Wetter schön ist, entscheide ich, zu Fuß bis ins Europaviertel zu gehen, wo ich einige Interviews führen soll. Hätte ich leicht verschlafen, würde mir keine Zeit dafür übrig bleiben und ich würde mit der U-Bahn fahren. Bis Schuman oder Maelbeek.

Als die ersten Eilnachrichten über die angeblichen Explosionen im Brüsseler Flughafen sich auf meinem Handy anzeigen, bin ich erst einmal skeptisch. Mein Beruf hat mich gelehrt, bei Eilnachrichten erst mal misstrauisch zu sein. Rauch am Flughafen kann ja viele Gründe haben. Dennoch laufe ich bereits, automatisch - ohne es bewusst entschieden zu haben. Ein leichtes Gefühl der Panik wird spürbar, obwohl ich sonst eher ein sehr ruhiger Mensch bin.

Als ich um 8.30 Uhr das Brüsseler Ratsgebäude betrete, wo noch am Freitag ein Gipfel stattfand, ist bei den Sicherheitsvorschriften am Eingang noch alles normal. "Hallo", sagt die Frau an der Eingangskontrolle und wünscht mir einen schönen Tag. Ich bin erst einmal beruhigt. Gleichzeitig will ich den Computer sofort starten und Einzelheiten erfahren. Bis auf Eilnachrichten, weiß ich momentan nichts.

"Wann wird dieser Wahnsinn zu Ende sein"

Ich muss nicht einmal den Rechner aufklappen. Der Sicherheitsbeamte vom Pressesaal hat das Fernsehen laut gedreht. Die belgischen Nachrichten sprechen von bis zu 10 Toten und zwei Explosionen, die Hypothese eines Anschlags breitet sich aus. "Wann wird dieser Wahnsinn zu Ende sein", flucht der Beamte, "ein Freund von mir ist gerade im Flugzeug unterwegs nach Brüssel". "Es hätte uns alle treffen können" . Von meinen Bekannten ist keiner am Flughafen - hoffe ich zumindest.

Als Journalist ist man in solchen Momenten natürlich zerrissen. Der Menschenverstand diktiert einem sofort nach Hause zu gehen, Bekannte anzurufen und abzuwarten. Die Empathie für die Opfer trifft mich zutiefst, genauso wie der Hass auf die potenziellen Terroristen, doch ich muss cool bleiben, es zumindest versuchen. Ich bleib erst einmal im Ratsgebäude. Das Militär, was seit einem Jahr vor der Tür haust, gibt mir ein vages Gefühl der Sicherheit.

"Sie ruft mich trotzdem weinend an"

Ich schreibe auf Facebook, dass es mir gut geht, ich war ja nicht am Flughafen. Meine Bekannten tun es auch - das ist gut. Meine Mutter weiß das, auch dass es mir gut geht und ich heute keinen Flug hatte. Sie ruft trotzdem weinend an. Die Bilder vom Flughafen sind zu schockierend. Der Flughafen mag weit weg sein, auf den Nachrichten steht trotzdem Brüssel. Und gerade dort befindet sich ihr Sohn gerade. Ich beruhige sie - es klappt natürlich nicht. In diesem Augenblick wird mir endlich bewusst, was gerade um mich passiert.

Doch die weiteren Ereignisse überstürzen sich und nähern sich dem Ort, an dem ich mich gerade befinde. Es geht alles schnell. Auf Twitter kommen Nachrichten einer Bombe in der Metro beim Europaviertel. Maelbeek oder Schuman, oder beide Stationen. Zerrissenheit. Dahin gehen? Hier bleiben? Auf eine Bestätigung warten?

Die Sicherheit der Ferne gibt es nicht mehr. Ich denke an meine Mutter. Die Maelbeek Station ist 100 Meter vom Ratsgebäude entfernt, man sieht von hier aus problemlos dahin. Alle meine Kollegen könnten potenziell in dieser U-Bahn sein - es ist die einzige Linie die zum Europaviertel führt. Bestätigungen einer Explosion gibt es noch nicht. Ab jetzt klingelt das Telefon ständig. Freunde, Partner, Familie. Auch die Redaktion in Luxemburg. Ich beruhige sie alle. Und weiß gleichzeitig nicht, ob es all meinen Freunden, die mit der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit waren, gut geht. Ich weiß es noch immer nicht.

In mir herrschen vermischte Gefühle der Aufregung, Angst, Ratlosigkeit und des professionellen Ehrgeizes. Ich bin überfordert. Draußen treffen Feuerwehr und Nothilfe ein. Die Sicherheitsbeamten haben offenbar noch keine Ahnung, was gerade passiert. Ich trete aus dem Gebäude und schau mich um. Die Attacke auf die U-Bahn ist zwar noch nicht bestätigt, doch Rauch, Feuerwehr und rennende Menschen sind Bestätigung genug. Mein Handy hört nicht mit Klingeln auf. Ich entscheide mich, zurück in das Ratsgebäude zu gehen, und in Sicherheit abzuwarten.

"Presse darf nicht mehr rein"

Doch die Sicherheitsangaben haben sich gerade geändert. Die Presse darf nicht mehr rein. Nach einer kurzen Diskussion mit dem Sicherheitsbeamten, bei der eine Kollegin und ich ihm klar erklären, dass es unverantwortlich sei, uns jetzt auf der Straße zu lassen, dürfen wir wieder in das geschützte Gebäude, wo ich gerade diese Sätze schreibe.

Jetzt kommt ein Sturm der Arbeit und des Chaos auf mich zu, doch #JeSuisBruxellois und dieses Attentat trifft mich vor allem als Bürger dieser Stadt und als Mensch. Ich weiß jetzt schon, dass ich noch lange brauchen werde, bis ich irgendwie begreifen werde, was heute mit meiner Heimatstadt passiert ist. Seit November gab es einen Vorgeschmack davon, aber heute hat es uns alle - die eine Million "Bruxellois" - eiskalt erwischt.

Ich will meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass noch alles in Ordnung ist. Doch das Netz ist überlastet. Ich weiß aber, dass sie diesen Text lesen wird.

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