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Angst vor importierten Corona-Fällen
International 5 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Angst vor importierten Corona-Fällen

Die Chinesen haben Angst, dass Ausländer das Corona-Virus wieder ins Reich der Mitte importieren könnten.

Angst vor importierten Corona-Fällen

Die Chinesen haben Angst, dass Ausländer das Corona-Virus wieder ins Reich der Mitte importieren könnten.
Foto: AFP
International 5 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Angst vor importierten Corona-Fällen

Was für eine Wendung: In China bangt die Gesellschaft trotz niedriger Infektionszahlen erneut vor dem Virus - aus dem Ausland.

Von LW-Korrespondent Fabian Kretschmer (Peking)

Das „Landmark Hotel“ im Pekinger Stadtzentrum ist ein retrofuturistischer Betonklotz mit 15 Stockwerken. „Die Zimmer sind klein, aber die Betten sehr komfortabel“, schreibt ein ehemaliger Besucher auf der Tourismus-Plattform „Trip Advisor“. Ein anderer Nutzer bewertet das Vier-Sterne-Hotel mit nur einem von fünf möglichen Punkten: „Im Botschaftsviertel gelegen. Nicht viel los in der Gegend“. 

Die derzeitigen Hotelgäste dürfte jedoch weder die Lage besonders stören, noch das Frühstücksbuffet oder die Ausstattung des Spa-Bereichs. Denn freiwillig sind sie nicht hier. 

Wie aus einem Science-Fiction-Film

An diesem strahlend sonnigen Montagmittag fährt eine Notfallambulanz auf den ansonsten leeren Parkplatz vor. Wer sich dem Eingang zur Lobby nähert, wird von zwei Männern in schwarzer Kleidung mit ausgestreckter Hand und harschen Worten begrüßt: „Bleiben Sie, wo Sie sind. Das ist kein Hotel, das ist die Regierung“, sagt einer der zwei Männer in radebrechendem Englisch. 

Den raschen Blick in die Lobby kann er jedoch nicht verhindern: Mehrere Männer sind dort zu sehen, von Kopf bis Fußsohle in medizinische Schutzkleidung gehüllt. Ihre Gesichter sind hinter riesigen Atemschutzmasken versteckt. Eine Szene wie aus einem dystopischen Science-Fiction-Film.

Seit Wochenanfang ist das Landmark Hotel für 14 Tage das Quarantäne-Heim für alle Einreisenden aus dem Ausland nach Peking. Ganz egal ob die Neuankömmlinge aus dem Krisengebiet Italien anreisen oder aus dem mit nur 63 Fällen betroffenen Russland: Jeder muss dort seine Zeit in einem Einzelzimmer absitzen, welches er für die gesamte Zeit nicht mehr verlassen darf. 

Temporärer Sieg

In einer Sammel-Mail des Auswärtigen Amts vom Sonntag heißt es, dass die neue Quarantäneregelung „ohne Erläuterung“ angekündigt und bereits über Nacht Gültigkeit haben werde: „Die Botschaft bemüht sich, hierzu Näheres in Erfahrung zu bringen“. Nur mehr 16 Neuinfektionen hat die Nationale Gesundheitskommission in Peking am Montag bestätigt, ein für das bevölkerungsreichste Land der Welt geradezu verschwindend geringe Zahl. Der Kampf gegen das Virus scheint temporär gewonnen.


DULLES, VIRGINIA - MARCH 13: The passenger queue at the British Airways counter at Dulles International Airport sits empty March 13, 2020 in Dulles, Virginia. U.S. President Donald Trump announced restrictions on travel from Europe two days ago due to an outbreak of coronavirus (COVID-19). Today is the last day of unrestricted travel from Europe into the United States.   Win McNamee/Getty Images/AFP
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Dennoch haben die staatlichen Behörden eine neue Sorge: importierte Fälle aus dem Ausland. Seit dieser Woche liegen die Todesfälle des Corona-Virus außerhalb Chinas über denen im Land. 

Würde es sich bei der Virus-Pandemie um einen Katastrophenfilm handeln, dann wäre die jetzige Entwicklung nichts weniger als ein aberwitziger Plot-Twist, der selbst den tollkühnsten Drehbuchschreibern nicht einfallen könnte: Die Profi-Fußballmannschaft aus Wuhan, dem Herkunftsort des Corona-Virus, hat ihr temporäres Trainingslager in Spanien aufgrund der sich verschlimmernden Epidemie abgebrochen und ist nach China zurückgekehrt. 

Die Flagship-Stores von Apple sind mittlerweile geschlossen.
Die Flagship-Stores von Apple sind mittlerweile geschlossen.
Foto: AFP

Der US-Technikriese Apple hat sämtliche Flagship-Stores geschlossen – bis auf seine Filialen auf dem chinesischen Festland. Und die Kommunistische Partei in Peking spendet medizinisches Material nach Italien. 

Angst vor Ausländern

„In der Anfangsphase haben wir Masken aus Deutschland bekommen. Jetzt versuchen wir Masken aus China nach Deutschland zu schicken“, sagt Thomas Nürnberger, der die China-Geschäfte des baden-württembergischen Herstellers für Elektromotoren und Ventilatoren leitet. Die Beispiele lassen sich endlos fortsetzen: Fotos auf sozialen Netzwerken zeugen von Auslandschinesen, die in langen Schlangen an den Einreiseschaltern des Pekinger Flughafens warten. Sie wollen zurück in ihre Heimat, nachdem sie sich in Europa und Amerika nicht mehr sicher fühlen.


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In Peking berichten einige Ausländer, dass auffällig viele Chinesen auf der Straße einen weiten Bogen um sie machen würden. Staatliche Medien haben zudem von der Wiedereröffnung des Xiaotangshan-Krankenhauses berichtet - einem Feldspital, welches 2003 Sars-Patienten behandelt hat. Nun wird es ausschließlich für die importierten Fälle aus dem Ausland genutzt. 

Wie eine Burgfestung

„Halten Sie Abstand“, sagt ein Mann mit roter Kappe auf dem Kopf. Er steht vor der einzigen Dorfeinfahrt der Zhuishikou-Gemeinde, die eine Stunde nördlich der chinesischen Hauptstadt zwischen kargen Berghängen, Feldern mit Apfelbäumen und historischen Gräbern aus der Ming-Dynastie liegt. Das 300-Einwohner-Dorf wird von einem kleinen Fluss umkreist, was die Siedlung ein wenig wie eine Burgfestung aussehen lässt. 

Das Dorf Zhuishikou sieht aus wie eine Festung.
Das Dorf Zhuishikou sieht aus wie eine Festung.
Foto: Fabian Kretschmer

Ein stimmiger Vergleich: Am Dorfeingang mustert eine ältere Frau den deutschen Reporter argwöhnisch, ein Bauer sagt auf Chinesisch: „Wir haben Angst vor Ausländern, wer weiß, woher die kommen“. 

Der Dorfwächter vor der Einfahrt der Zhuishikou-Gemeinde, die eine Stunde nördlich der chinesischen Hauptstadt liegt.
Der Dorfwächter vor der Einfahrt der Zhuishikou-Gemeinde, die eine Stunde nördlich der chinesischen Hauptstadt liegt.
Foto: Fabian Kretschmer

Ein kleines Gespräch mit dem Dorfwächter ergibt sich dennoch: Seit Ende Januar ist Zhuishikou bereits vollständig von der Außenwelt abgeriegelt, niemand außer den Anwohnern darf das Gelände betreten. In jeweils drei Schichten arbeiten die Senioren rund um die Uhr. Langweilig sei sein Dienst schon, sagt der Chinese, aber was könne man schon machen. 


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Dann fährt eine Frau im weißen BMW die Einfahrtsstraße entlang. Der Mann mustert das Nummernschild, misst die Körpertemperatur der Fahrerin und lässt sie schließlich passieren. Ob er sich nicht wenigstens Mal ein Bier gönne? „Zu Hause ja, aber niemals zusammen mit den anderen“, sagt er. 

"Sie sind nicht willkommen hier"

Der nächste offene Lebensmittelmarkt befindet sich rund fünf Autominuten in einem Nachbardorf, welches sich ebenfalls abgeriegelt hat. An den Wänden der Häuser erinnern Aufklärungsplakate daran, sich regelmäßig die Hände zu waschen und Gruppen zu vermeiden. 

Auf einem roten Propagandabanner prangt der Slogan: „Den Kampf gegen das Virus gewinnen wir!“. Ein Wächter in brauner Steppjacke erklärt: „Nur ein einziger Infizierter wäre ein Desaster für unser Dorf. Die Quarantäne-Maßnahmen sind das Beste für mich und auch die Gesellschaft als Ganzes“. 

Die chinesische Dorfärztin ist nicht erfreut über Besucher aus dem Ausland.
Die chinesische Dorfärztin ist nicht erfreut über Besucher aus dem Ausland.
Foto: Fabian Kretschmer

Schon bald mischt sich Zhang Xuequi die Unterhaltung ein,  eine Dorfärztin in weißem Kittel. In freundlichem, aber bestimmten Tonfall sagt sie: „Sie sind nicht willkommen hier, schließlich haben wir keine Ahnung, woher Sie kommen“. Im Ausland sei der Virusausbruch schließlich viel schlimmer als in China.

„Den Kampf gegen das Virus gewinnen wir!“ steht auf den Plakaten.
„Den Kampf gegen das Virus gewinnen wir!“ steht auf den Plakaten.
Foto: Fabian Kretschmer

Bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwendet, fügt sie an: „Wenn wir unseren Job gut machen, dann haben wir den Kampf gegen das Virus bis Ende Juni gewonnen.“


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