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Angela Merkel in bewegender TV-Ansprache: "Jedes Leben, jeder Mensch zählt"
International 5 Min. 18.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Angela Merkel in bewegender TV-Ansprache: "Jedes Leben, jeder Mensch zählt"

Ein eher seltenes Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  bei der Fernsehansprache im Bundeskanzleramt zum Verlauf der Corona-Pandemie.

Angela Merkel in bewegender TV-Ansprache: "Jedes Leben, jeder Mensch zählt"

Ein eher seltenes Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Fernsehansprache im Bundeskanzleramt zum Verlauf der Corona-Pandemie.
Foto: dpa
International 5 Min. 18.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Angela Merkel in bewegender TV-Ansprache: "Jedes Leben, jeder Mensch zählt"

Angela Merkel will Hausarrest für die Nation vermeiden - aber die Deutschen machen ihr das nicht leicht.

Von LW-Korrespondentin Cornelie Barthelme (Berlin)

Morgens um sieben scheint die Welt an diesem Mittwoch in Ordnung. Die Sonne lacht über Berlin, Menschen rennen oder spazieren durch den Park und niemand hindert sie. Und doch: Vieles ist anderes als sonst. Die Renner sind deutlich zahlreicher als sonst an Wochentagen. 

Und die Spaziergänger deutlich seltener. Wenn sie sich begegnen, ob schnell oder gemächlich, dann weichen viele einander aus - und oft lächeln sie sich dabei an. Ungefähr genauso viele allerdings bleiben stur auf Kurs: Wegmitte, Blick nach unten oder irgendwohin. Gern auch zu zweit in voller Blockadebreite. Bitte - wen’s stört, der kann ja durch die Wiese …

Leben in Zeiten von Corona

Es werden an diesem Morgen viele Bogen geschlagen. Viele Kurven gelaufen. Es wird aber genauso oft aneinander geklebt und aufeinander gehockt. Im Park. In den Straßencafés. In den Schlangen an den Supermarkt-Kassen. Deutschland ist, einerseits, im Ausnahmezustand. Und, andererseits, auch wieder nicht. Seit Mitternacht gelten weitgehend die Geschäfts- und Gastronomieschließungen, auf die Bund und Länder sich geeinigt haben. Aber alle Einwohner dürfen sich weiter frei bewegen. Anders als in vielen Ländern rundum - Österreich, Frankreich, Belgien, auch Italien und Spanien - gibt es keine Ausgangssperre.

Im Berliner Volkspark Friedrichshain deutet am Mittwochmorgen nichts auf besondere Vorsichtsmaßnahmen hin mit Blick auf die Corona-Pandemie.
Im Berliner Volkspark Friedrichshain deutet am Mittwochmorgen nichts auf besondere Vorsichtsmaßnahmen hin mit Blick auf die Corona-Pandemie.
Foto: AFP

Wie sich das anfühlt, wenn man die Wohnung nicht mehr verlassen darf, außer es gibt wichtige Gründe - und was wichtig ist, richtet sich nicht nach den höchst individuellen Bedürfnissen, es wird staatlich verordnet: Das schildern den Deutschen diverse Auslandskorrespondenten in diversen Medien. 

Dass man in Belgien joggen darf, alleine natürlich - in Österreich aber nur „unaufschiebbar“ arbeiten, „notwendig“ einkaufen und anderen helfen. Das ist dann schon ganz anders als in Berlin, wo sich Senat und Bezirke gerade noch streiten, ob Spielplätze nun offen bleiben sollen - oder doch besser geschlossen werden. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagt, man könne das ohnehin nicht kontrollieren. Man sei auf die Vernunft der Erwachsenen angewiesen.

Irrationales Verhalten

Mit der Vernunft aber, die hier vielleicht präziser Einsicht genannt werden muss, ist es in Zeiten von Corona offensichtlich noch komplizierter als ohnehin schon. Beim Bäcker des persönlichen Vertrauens ballen sich zur Mittagszeit die Kunden zu Knäueln, der maximale Nase-Nacken-Abstand beträgt 20 Zentimeter - also allenfalls ein Zehntel der empfohlenen Anti-Virus-Distanz. Und die Verkäuferinnen können sich jetzt die Münder fusselig reden: Die Menge drängt und drückt …


German Chancellor Angela Merkel gives a press conference on March 11, 2020 in Berlin to comment on the situation of the spread of the novel coronavirus in the country. (Photo by Tobias SCHWARZ / AFP)
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Der persönliche Fahrradschrauber hat deshalb rot-weißes Trassierband quer vor seine Theke geklebt und fordert schon an der Ladentür: „Bitte bleiben Sie hinter der Markierung und halten Sie mindestens einen Meter Abstand von uns. Wir möchten auch demnächst für Sie da sein!“ Es nützt nur bedingt, sagt er.

Die Unvernunft grassiert. Der Schrauber formuliert es derber; es kommt das A-Wort vor. Das - fiele Bundeskanzlerin Angela Merkel niemals ein. Aber auch sie findet, dass jetzt ein paar Worte fällig sind. Kurz vor zehn am Vormittag kündigt das Kanzlerinamt einen abendlichen Fernsehauftritt an. Das - hat es in vierzehneinhalb Kanzlerinjahren noch nie gegeben. Und sofort diskutieren die sozialen Netzwerke die Frage: Kommt sie jetzt? Die Ausgangssperre?

An der deutsch-polnischen Grenze kommt es derzeit zu kilometerlangen  Staus aufgrund der Polizeikontrollen.
An der deutsch-polnischen Grenze kommt es derzeit zu kilometerlangen Staus aufgrund der Polizeikontrollen.
Foto: AFP

 

In Wien preist zur selben Zeit Merkels Kanzler-Kollege Sebastian Kurz seinen drastischen Anti-Corona-Kurs. Und stichelt Richtung Berlin: „Die Deutschen diskutieren noch …“

Die Angst vor der Ausgangssperre

Für den Twitter-Hashtag „Ausgangssperren“ stimmt das nicht. Da tobt längst der Streit der Befürworter und der Gegner. Und die Rudel der selbsternannten Merkel-Experten tun so, als sei der Lockdown jetzt beschlossene Sache. Und die einen finden das gut und längst fällig. Und die anderen falsch und unangemessen in einer freiheitlichen Demokratie. Aber fast alle klingen, als sei der Mittwoch der allerletzte Tag mit freiem Ausgang.


11.03.2020, Berlin: Jens Spahn (CDU, l), Bundesminister für Gesundheit, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), beantworten auf einer Pressekonferenz zur Entwicklung beim Coronavirus Fragen von Journalisten. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Corona-Virus wird zu Merkels "Wir schaffen das" 2.0
Erstmals hat sich die deutsche Kanzlerin am Mittwoch vor Journalisten zur Lage in Sachen Corona-Virus geäußert. Sie tut, was sie besonders gut kann: Ruhe ausstrahlen.

Um elf twittert Regierungssprecher Steffen Seibert: „Es geht in der Ansprache von Kanzlerin #Merkel nicht um neue Maßnahmen.“ Aber wenn man kurz danach Joachim Stamp zuhört, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten von NRW, dann könnte man fast zweifeln, ob das klug ist. 

Stamp ist FDP-Mann, gehört also der Partei an, die sich - immer noch - als Verteidigerin aller Bürgerrechte versteht. Jetzt aber zürnt er über sogenannte Corona-Partys, jede Silbe einzeln betonend: „Das ist un-ver-ant-wortlich!“ Und Stamp droht: „Wenn es nicht ein anderes Verhalten gibt, dann wird es zu drastischeren Maßnahmen kommen.“

Merkel redet der Nation ins Gewissen

Aus dem Kanzlerinamt dringt zur selben Zeit, dass über eine generelle Ausgangssperre wohl geredet werde - dass sie aber nicht gewollt sei. Offiziell kommuniziert die Bundesregierung an diesem Tag allein zu Fragen der Vorbereitung auf noch mehr Infizierte und ernsthaft Erkrankte und der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen. 

Dass am Vormittag der Präsident des Robert-Koch-Instituts vor „bis zu zehn Millionen Infizierten“ warnt - falls die Bürgerinnen und Bürger sich nicht allesamt an die Regeln des Social Distancing hielten: Das - bleibt unkommentiert.

Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede

Abends um zwanzig nach sieben redet Merkel der Nation ins Gewissen.  Für ihre Verhältnisse klingt sehr viel Pathos mit. In Großbritannien würden sie das eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede nennen. Merkel sagt, dass es für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg keine Herausforderung gegeben habe, „bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln“ angekommen wäre. Sie fasst die gut 82 Millionen zusammen als „eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt“. 


Lok , Autobahn Richtung Trier , hinter Wasserbillig , Raststätte Markusbierg , Deutsche Polizei kontrolliert Autos wegen Coronavirus , Sras-CoV-2 , und schickt alle nichtberechtigten zurück , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Deutschland stoppt Autofahrer an den Grenzen
Die Einreise aus fünf Nachbarländern nach Deutschland wird schwierig. Ausnahmen gibt es für Deutsche und bestimmte Gruppen. Viele andere europäische Länder haben ähnliche Schritte beschlossen.

Sie erinnert daran, wie viel gerade für sie, die einstige DDR-Bürgerin, die Bewegungsfreiheit zähle. Und sie heißt „das wirksamste Mittel“ gegen das Virus: „Wir selbst.“ Zu Beginn und am Schluss nennt sie die Lage „ernst“. Und dann bittet sie darum, jeder möge „herzlich und vernünftig handeln“. Denn es komme „ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle an“.

Abends um acht ist der Park menschenleer. Und die Bäckerei geschlossen. Und in Mitterteich in Bayern, gut 400 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, gilt für 500 Menschen die erste Ausgangssperre.



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