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Alternativen müssen her
In Somalia gelten in diesem Jahr bereits eine Million Kinder als mangelernährt- 232 000 davon lebensbedrohlich.

Alternativen müssen her

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In Somalia gelten in diesem Jahr bereits eine Million Kinder als mangelernährt- 232 000 davon lebensbedrohlich.
International 3 Min. 24.03.2018

Alternativen müssen her

Vergangenes Jahr konnte eine erneute Hungersnot vermieden werden. Dürren und Hunger drohen aber immer wieder. Weitere Notzustände sollen nun verhindert werden. "Die Menschen vorort müssen ihre Fähigkeiten aufbauen, mit Krisen umzugehen", erklärt Liljana Jovceva, Leiterin des Welternährungsprogramms in Somalia.

(dpa) - Der Wind wirbelt den feinen rötlichen Staub auf. Er setzt sich in den Kleidern fest, brennt in den Augen. Die Sonne knallt auf die Köpfe der Frauen, die sich auf einem kleinen Platz in dem Lager für Binnenflüchtlinge versammelt haben. Die volle Wucht der Dürre ist zu spüren.

„Zuhause habe ich alles verloren“, sagt Habiba Isaak. Zehn Ziegen hätten sie und ihr Ehemann gehabt, doch alle seien verendet. Damit haben sie ihre Lebensgrundlage verloren. Mit rund 25 000 anderen Binnenflüchtlingen lebt die 21-Jährige nun in dem Lager Kabasa bei Doolow, einer Kleinstadt im Südwesten Somalias.

Habiba Isaak hält ihre Essensrationskarte in der Hand. Die 21-jährige Mutter von vier Kindern ist eine von mehr als fünf Millionen Somalier, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.
Habiba Isaak hält ihre Essensrationskarte in der Hand. Die 21-jährige Mutter von vier Kindern ist eine von mehr als fünf Millionen Somalier, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.
Foto: dpa

Isaak ist eine von mehr als fünf Millionen Menschen, die derzeit in dem Land am Horn von Afrika humanitäre Hilfe benötigen - mehr als ein Drittel der Bevölkerung Somalias. Nach der Hungersnot 2011 mit mehr als 250 000 Toten konnte im vergangenen Jahr durch große Anstrengung noch eine erneute Hungersnot verhindert werden.

Die immer öfter wiederkehrenden Dürren sind die neue Realität für Somalia.


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Experten zufolge werden schlimme Dürren am Horn von Afrika nun öfters wiederkehren. Für diese künftigen Klimaschocks muss die Bevölkerung gewappnet werden. Doch in einem Land, das seit Jahrzehnten unter Konflikten, Armut, Terrorismus und schwachen staatlichen Strukturen leidet, ist dies eine Mammutaufgabe. 

Bis vor etwa 20 Jahren kam es in der Region etwa alle fünf Jahre zu einer Dürre, wie Klimatologe Chris Funk vom US Geological Survey, einer US-Klimabehörde, sagt. Seitdem gibt es demnach aber alle zwei bis drei Jahre schlechte Regenzeiten. Seiner Recherche zufolge hängt dies mit dem Klimawandel zusammen. „Wir sind uns ziemlich sicher, dass die höhere Taktung der Dürren wahrscheinlich bestehen bleibt und vielleicht noch schlimmer wird.“

Die Flüchtlinge, vor allem Frauen und ihre Kinder, hoffen im Lager Kabasa auf eine Versorgung mit Lebensmitteln.
Die Flüchtlinge, vor allem Frauen und ihre Kinder, hoffen im Lager Kabasa auf eine Versorgung mit Lebensmitteln.
Foto: dpa

Die Bevölkerung Somalias muss deshalb dafür gewappnet werden. „Wir fangen mit dem ganz Wesentlichen an“, sagt Steven Lauwerier, Leiter des UN-Kinderhilfswerks in Somalia. Das heißt unter anderem, die Gesundheit von Babys und Kleinkindern zu stärken.

Lebensbedrohliche Mangelernährung

Denn in Somalia stirbt Unicef zufolge jedes achte Kind vor dem fünften Lebensjahr, bei einem Drittel spielt die Ernährung eine Rolle. In diesem Jahr allein werden demnach voraussichtlich eine Million Kinder mangelernährt sein - 232 000 davon lebensbedrohlich.

Dagegen soll etwa ein neues Projekt des Welternährungsprogramms (WFP) und Unicef helfen, das mit 50 Millionen Euro für drei Jahre von der Bundesregierung finanziert wird. Dies soll bereits 2018 etwa 315 000 Mütter und Kinder erreichen, etwa in Kabasa.

Im Lager Kabasa messen UN-Helfer wie stark die Kinder unterernährt sind.
Im Lager Kabasa messen UN-Helfer wie stark die Kinder unterernährt sind.
Foto: dpa

Dort werden unter anderem mangelernährte Kinder gewogen und gemessen, Mütter geschult und Nahrungsmittel ausgegeben. Auch werden die Daten dazu digital auf eine Art Kreditkarten gespeichert, damit der Gesundheitszustand der Kinder genau beobachtet und wenn nötig früh Alarm geschlagen werden kann.

Doch allein wird dies die nächste Hungersnot nicht abwehren. Die meisten Somalier sind Viehhirten oder Bauern, ihre Lebensgrundlage ist stark vom Klima abhängig. In manchen Gegenden sind durch die jüngste Dürre laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation bis zu 60 Prozent der Herden gestorben.

Helfen autonomer zu werden

Den Menschen müsse gezeigt werden, wie sie sich anpassen können, sagt Liljana Jovceva, Leiterin der WFP-Programmarbeit in Somalia: etwa unterschiedliche Tierarten statt nur einer Art zu halten, Dürre-resistente Pflanzen anzubauen, ihre Ressourcen besser zu managen. „Sie müssen langsam aber stetig ihre Fähigkeit aufbauen, mit Krisen umzugehen.“

Die immer wiederkehrenden humanitären Krisen hängen aber nicht nur mit dem Klima zusammen, sondern auch stark mit den Konflikten im Land, wie der höchste Vertreter der UN in Somalia, Michael Keating, erklärt. Fast täglich kommt es durch die Terrormiliz al-Shabaab zu Anschlägen, auch andere Kämpfe toben in dem Land.

Die Menschen erhalten im Flüchtlingslager die dringend notwendigen Nahrungsmittel für sich und ihre Kinder.
Die Menschen erhalten im Flüchtlingslager die dringend notwendigen Nahrungsmittel für sich und ihre Kinder.
Foto: dpa

„Wenn wir die Menschen in Not erreichen könnten, müssten sie nicht zu uns kommen“, sagt Lauwerier. So sind derzeit rund zwei Millionen Somalier im Land auf der Flucht - etwa die Hälfte davon sind 2017 geflohen. Es sei schwierig, sich eine nachhaltige Entwicklung in Somalia vorzustellen, wenn sich die Sicherheitssituation nicht verbessert, sagt die deutsche Botschafterin für Kenia und Somalia, Jutta Frasch.

Für Isaak und ihre Familie ist das Leben im Lager Kabasa schwer, aber sie wollen bleiben. Sie hat Arbeit gefunden, sie wäscht für Bewohner der Stadt Kleider. „Wir sind von diesen Einnahmen und der humanitären Hilfe abhängig“, sagt sie. Ob es auch ohne die Unterstützung der Hilfsorganisationen ginge? „Ohne wäre das Leben sehr schwer.“


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