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Als die Kathedrale von Metz brannte
International 4 Min. 17.04.2019

Als die Kathedrale von Metz brannte

Nach dem Brand wurde die Kathedrale zum "genuin gotischen Bauwerk" umgestaltet.

Als die Kathedrale von Metz brannte

Nach dem Brand wurde die Kathedrale zum "genuin gotischen Bauwerk" umgestaltet.
Foto: AFP
International 4 Min. 17.04.2019

Als die Kathedrale von Metz brannte

Der Dachstuhlbrand in der gotischen Kathedrale Notre-Dame in Paris erinnert in Vielem an den Brand des Daches der Kathedrale von Metz im Jahre 1877, ausgelöst durch ein Feuerwerk zu Ehren des Besuchs von Kaiser Wilhelm I.

Von Bodo Bost

Am 7. Mai 1877 besuchte Kaiser Wilhelm I. erstmals Metz, sieben Jahre nach der Annexion Elsaß Lothringens durch Deutschland. Der deutsche Kaiser war gegen die Annexion des Moseldepartements, das er, anders als das Elsass, für französisch hielt. Um seine Ankunft zu ehren, hatten sich städtische Angestellte, allesamt Deutsche, auf dem Dach der Kathedrale eingefunden, um ein Feuerwerk abzufeuern.

Um vier Uhr morgens brach auf dem Dachboden des Stephansdoms ein Feuer aus, das, wie in der Notre-Dame de Paris, einen Turm und die mehrere Jahrhunderte alte hölzerne Dachkonstruktion vollständig verschlang.

"Incendie de la Cathedrale de Metz, Dimanche 6 mai 1877", Kreidezeichnung von Hubert de Clerget (1877).
"Incendie de la Cathedrale de Metz, Dimanche 6 mai 1877", Kreidezeichnung von Hubert de Clerget (1877).
Grafik: Hubert de Clerget, Bibliothèque nationale de France, département Estampes et photographie. (Domaine Public)

Feuerwerksraketen waren für den Brand verantwortlich. Gegen 6 Uhr morgens beherrschten die Feuerwehrleute unterstützt von der kaiserlichen Reichswehr die Situation, gegen 10 Uhr war der Brand gelöscht, aber das Dach war zerstört.

Der Kaiser war noch in der Nacht zur Brandstelle zurückgekehrt und hatte sogar während des Feuers das Innere des Domes besichtigt. Wilhelm I., der bereits erlebt hatte, dass bei seinem Besuch in Frankfurt/Main 1866 der dortige Kaiserdom abgebrannt war, fühlte sich für die Katastrophe persönlich verantwortlich. Er versprach, die gesamte Restaurierung des Doms aus seiner persönlichen Schatulle zu bezahlen. Dennoch wurde gleichzeitig auch zu Spenden aufgerufen.

Die Arbeit dauerte fast dreißig Jahre, auch sein Enkel Kaiser Wilhelm II, der ab 1888 regierte, stand zu dem Wort seines Großvaters. Der Brand vom 7. Mai 1877 führte zur Renovierung des gesamten Doms, der seit dem Mittelalter nicht mehr umgebaut worden war und aus mehreren, nur schlecht zusammengefügten Kirchen und Bauteilen bestand.

Beauftragt wurde der Deutsche Paul Tornow (1848-1921), der seit 1874 Staatsarchitekt des Reichslandes Lothringen in Metz war. Tornow errichte zunächst in wenigen Wochen ein Notdach, dann unternahm er eine architektonische Studienreise zu den Kathedralen Frankreichs, um sich für die Neugestaltung des Liebfrauenportals inspirieren zu lassen. Seine dabei gefertigten Entwürfe dienten ab 1880 als Vorbild der Restaurierung.

Eine genuine gotische Kathedrale

Tornow nutzte die Renovierung um ganz neue architektonische Aspekte mit dem Umbau zu verbinden, die den Metzer Dom bis heute prägen. Für diese Architekten des 19. Jahrhunderts waren Restaurierungen eine Möglichkeit, ein Gebäude zu verbessern, um es in einem perfekten Zustand wiederherzustellen. So errichtete er nach gotischem Muster einen neuen, steileren Dachstuhl mit Hilfe einer Metallkonstruktion, was dazu führte, dass die Kirche höher wirkte aber die noch vorhandenen Türme gegenüber der Zeit vor dem Brand kleiner wirkten.


TOPSHOT - Inspectors are seen on the roof of the landmark Notre-Dame Cathedral in central Paris on April 16, 2019, the day after a fire ripped through its main roof. - A major fire broke out at the landmark Notre-Dame Cathedral in central Paris sending flames and huge clouds of grey smoke billowing into the sky, the fire service said. The flames and smoke plumed from the spire and roof of the gothic cathedral, visited by millions of people a year, where renovations are currently underway. (Photo by Lionel BONAVENTURE / AFP)
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Das größte Werk von Architekt Tornow war die Wiederherstellung des gotischen Liebfrauenportals, ein Projekt das bereits vor der deutschen Annexion geplant worden war. Dazu mussten zunächst die Umbauten des Domes aus der Zeit des 18. Jahrhunderts abgebrochen werden. In den Jahren von 1897 bis 1903 ersetzte er den klassizistischen Portikus des Liebfrauenprotals des Franzosen Jacques-François Blondel, das durch den Brand gar nicht zu Schaden gekommen war, durch ein neogotisches Marienportal mit gotischem Skulpturenschmuck. So kommt es, dass das heute verschlossene Westportal auf den Besucher den Eindruck macht, als stamme es aus dem Mittelalter, dabei ist es nur gut 100 Jahre alt.

Im jungen Kaiserreich verstand man irrtümlich die Gotik als original deutsche Baukunst. In den gotischen Kathedralen des Mittelalters sah man ein Sinnbild urdeutscher Schaffenskraft im Heiligen Römischen Reich unter den Staufer-Kaisern. An dieses mittelalterliche Kaiserreich wollte das 1871 begründete neue Kaiserreich anschließen und die Rufe nach Vollendung der seinerzeit noch unfertigen gotischen Kathedralen, wie z. B. des Ulmer Münsters, mehrten sich.

Der Kaiser als Prophet

Unter der Leitung von Dombauhüttenmeister Dujardin, der aus Paris stammte, wurden nach dem Vorbild nordfranzösischer Kathedralen 232 Figuren gemeißelt, die sich thematisch auf die Muttergottes bezogen. Auf persönlichen Wunsch von Kaiser Wilhelm II. erhielt die Skulptur des Propheten Daniel, eine der vier Kolossalfiguren des Marien-Portals, die Gesichtszüge des kaiserlichen Auftraggebers mit hochgezwirbeltem Schnurrbart.


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Der Kaiser hatte eine Vorliebe um sich in neu errichteten Kirchen oder Bahnhöfen bildlich zu verewigen; so in Jerusalem (Auguste-Viktoria-Hospital und Dormitio Abtei) oder in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg. Auch der Turm des damals errichteten neuen Bahnhofs in Metz, trägt die Züge des kaiserlichen Kopfes mit Pickelhaube.

Dem deutschen Architekten Tornow, war es zu verdanken, dass der gotische, eigentlich französische Stil der Metzer Kathedrale wieder mehr zur Geltung kam. Die Lothringer dankten es ihm, als 1918 alle zugewanderten Deutschen, sogar der sehr beliebte Metzer Bischof Benzler, nach Deutschland zurückkehren mussten, durfte Tornow, der 1906 wegen eines Skandals seiner Ämter enthoben worden war, in Lothringen bleiben und fand sein Grab 1921 in Szy Chazelles.

In der Nähe der Kathedrale wurde eine Straße nach ihm benannt, eine seltene Ehrung für einen Deutschen in Metz.


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