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Afrika im Hexenwahn : Verstoßen und ermordet

Afrika im Hexenwahn : Verstoßen und ermordet

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International 5 Min. 18.03.2017

Afrika im Hexenwahn : Verstoßen und ermordet

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Ein Kind stirbt, ein Nachbar wird krank oder ein Betrieb geht pleite. In vielen Regionen in Afrika ist sofort klar, das ist kein Zufall, sondern hier ist Hexerei im Spiel. Ein Vorwurf, der tödlich enden kann, schreibt Markus Schönherr, Afrika-Korrespondent des "Luxemburger Wort".

Von LW-Korrespondent Markus Schönherr, Kapstadt

Die Stimme der 14-Jährigen klingt leise. „Immer als mein Vater von seinen Trinktouren zurückkam, wurde ich geschlagen“, flüstert die junge Südafrikanerin. „Später brachte er mich zu einem Sozialarbeiter. Er wollte sich nicht länger um eine Hexe kümmern.“

Provinz Ostkap, Südafrika: Zu Jahresbeginn hackte ein Wutmob eine 70-jährige Großmutter zu Tode, weil sie im Besitz von „Hexenkräften“ gewesen sein soll. Ältere Frauen in der Region leben seit dem Ritualmord in Furcht. „Lieber läge ich in dem Sarg statt in ständiger Angst zu leben. Die Mörder drohten, mich als nächste zu holen, sobald sie aus dem Gefängnis kommen“, sagt die Nachbarin der Getöteten. Am Tag der Bestattung die nächste Hiobsbotschaft aus Afrika: In Kenia töteten Dorfbewohner eine 40-jährige Frau und ihre 95-jährige Mutter. Anschließend verbrannten sie die beiden Frauen sowie drei ihrer Häuser mithilfe von Benzin.

In weiten Teilen Afrikas ist der Glaube an den bösen Zauber nach wie vor verbreitet. Ist die Anschuldigung einmal ausgesprochen, ändert sich das Leben der Beschuldigten - meist Frauen - grundlegend. Auch ihre Familien leben fortan in ständiger Angst und werden von der Gemeinschaft verstoßen. Die Ahnen und höheren Mächte, so der Glaube, könne jeder um Hilfe bitten. Jedoch setzten Hexen ihre Verbindung zur Überwelt ein, um Schaden anzurichten. Der Gedächtnisschwund eines Alzheimerpatienten oder das verlorene Vermögen eines Spielers - dem Glaube nach das Werk einer Hexe. Auch als 2013 ein Verkehrsunfall in Südafrikas Provinz Mpumalanga 30 Leben forderte, war die Schuldige schnell ausgemacht: eine 60-jährige „Hexe“. Unbekannte steckten ihr Haus in Brand. Die Polizei musste die Großmutter retten.

UNICEF schlägt Alarm

2010 schlug erstmals das UN-Kinderhilfswerk UNICEF Alarm. Demnach würden auch Kinder in West- und Zentralafrika zunehmend Opfer des Hexenwahns. Die 8- bis 14-Jährigen seien meist obdachlos, lebten mit Albinismus oder einer Behinderung. Von ihren Eltern werden die Hexenkinder verstoßen - und in vielen Fällen geschlagen, verbrannt oder hingerichtet. Laut UNICEF wurden allein in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, bislang 20.000 Straßenkinder als Hexen gebrandmarkt. „Eine Beschuldigung der Hexerei ist Gift: In derselben Minute, in der die Familie davon erfährt, bricht sie die Familienbande“, sagt der nigerianische Soziologe Leo Igwe der südafrikanischen Zeitung Daily Maverick. Zweimal hat der Hexenforscher an der Universität Bayreuth bereits ein Mädchen in seiner Heimat gerettet. Das erste Mal, als Nachbarn die Fünfjährige beschuldigten, ihre Mutter getötet zu haben.

In der Kulturgeschichte der Menschheit spielen Masken seit jeher eine gewichtige Rolle.
In der Kulturgeschichte der Menschheit spielen Masken seit jeher eine gewichtige Rolle.
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Malawi im April 2016: Das UN-Menschenrechtskommissariat (UNHCHR) ist „besorgt“ über die zunehmende Brutalität, mit der Banden gegen Zivilisten vorgehen. Spontan hätten Meuten in dem sonst friedlichen Land 16 Menschen auf grausame Weise umgebracht. So beschuldigte eine Menschenmenge vier ältere Dorfbewohner, Hexenrituale an einer Jugendlichen vollzogen zu haben. Der Mob prügelte so lange auf die Greise ein, bis diese starben. „Wir rufen Malawis Behörden zum schnellen Handeln auf, um die Schuldigen der Mobattacken ausfindig zu machen und vor Gericht zu bringen“, bekräftigte UNHCHR-Sprecherin Cécile Pouilly.

Mittelalter in Gambia

Allerdings: Nicht selten sind Regierungen das Problem, etwa wenn Politiker die Stimmung gegen vermeintliche Hexen weiter anheizen. Gambia, Westafrika im Jahr 2009. Rund Tausend Dorfbewohner werden von Sicherheitskräften verschleppt und in Gefängnisse gesteckt, wo sie einem Ritual zur geistigen Reinigung unterzogen werden. Angeordnet hatte den Exorzismus der jüngst abgewählte Präsident Yahya Jammeh persönlich. Der Despot glaubt fest an Hexenkräfte. „Ich wurde entwürdigt und missbraucht“, berichtete eines der Opfer der Organisation Amnesty International. Nachdem man ihn und seine Nachbarn verschleppt hatte, zwang man sie, schmutziges Wasser und Kräuter einzunehmen. Binnen Minuten litten sie an Brechdurchfall. „Unglaublich, dass so etwas in Gambia passiert. Es ist mittelalterlich.“

Der Hexenglaube kennzeichnet den schwierigen Wandel vieler afrikanischer Gesellschaften in Zeiten von Globalisierung und Kapitalismus. „Zum Teil fehlt es auch an gesundem Menschenverstand“, sagt Igwe. „Wirst du krank, denkst du nicht daran, etwas Falsches gegessen zu haben. Stattdessen wird das Problem spiritualisiert.“ Dies machen sich einige zunutze, um an Macht oder Reichtum zu gelangen. Häufige Ursache für „Hexenverfolgungen“ sind Konflikte um Grenzen oder Land. Um seine ungeliebte Vizepräsidenten Joice Mujuru loszuwerden, beschuldigte auch Simbabwes Präsident Robert Mugabe sie der Hexerei. Mujuru habe versucht, ihn durch ein bizarres Ritual zu töten.

500 Hexentötungen in Tansania

Länder wie Südafrika oder Malawi haben das Problem erkannt. Sie erließen Gesetze, die Beschuldigungen der Hexerei unter Strafe stellen. Allerdings bleibt es größtenteils an Hilfsorganisationen, die Einhaltung zu kontrollieren. In Malawi setzen die Helfer auf eine mobile Kanzlei, die von Dorf zu Dorf fährt und Bewohner über die Rechtslage und Strafen aufklärt. Und in Südafrika und Burkina Faso betreiben sie Camps für Frauen, die nach ihrer Stigmatisierung als Hexe nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren können. Doch es ist ein verzweifelter Kampf gegen einen Tausend Jahre alten Aberglauben. Denn präventive Aufklärung vonseiten des Staats fehlt in den meisten Regionen. Etwa in Tansania, wo jährlich 500 Hexentötungen stattfinden. „Anti-Hexerei-Programme sollten in den Lehrplan aufgenommen werden. Junge Tansanier müssen von klein an lernen, Traditionen infrage zu stellen und nach Beweisen zu suchen“, appelliert Igwe.

Egungun-Tänzerinnen der Yoruba in Nigeria. Ein Egungun ist im Ahnenkult der Yoruba ein Medium, das als Maskentänzer in einem Ritual auftritt, in dem es vom Ahnen besessen ist.
Egungun-Tänzerinnen der Yoruba in Nigeria. Ein Egungun ist im Ahnenkult der Yoruba ein Medium, das als Maskentänzer in einem Ritual auftritt, in dem es vom Ahnen besessen ist.
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Kirchen schüren Angst

Auch religiöse Führer können die Anhänger des Hexenglaubens beeinflussen. „In Afrika ist es nicht abwegig, dass vor allem die Mitglieder von christlichen Freikirchen an Hexenkräfte glauben und traditionelle Heiler besuchen“, sagt Theodore Petrus, Sozialwissenschaftler an Südafrikas Universität Fort Hare. Dabei schüren vor allem evangelikale Kirchen Angst mit Predigten über Teufeln, Dämonen und Hexen. Glaubt man der Organisation Stepping Stones, wurden 31 Prozent der verfolgten Kinder in Nigeria zuvor von einem Pastor der Hexerei beschuldigt.

Südafrikas Katholiken feierten 2015 die erste Seligsprechung des Landes. Im Zentrum der Würdigung: Benedict Daswa. Der Lehrer war 1990 gesteinigt und verbrannt worden, weil er sich weigerte, an Hexenverfolgungen in seinem Dorf teilzunehmen. Papst Franziskus erkannte Daswa später als Märtyrer an. Kritik übt Menschenrechtler Igwe aber auch am Vatikan: „Während die UNO nach Wegen sucht, den furchtbaren Missbrauch von Hexenbeschuldigungen zu tilgen, ist die päpstliche Anerkennung von Exorzisten ein Rückschlag.“ Diese könne als Befürwortung von Hexenverfolgungen verstanden werden. 177 Millionen afrikanische Katholiken erhielten dadurch ein falsches Signal aus dem Vatikan.