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9,5 Minuten, die die Welt verändern
International 4 Min. 25.05.2021 Aus unserem online-Archiv

9,5 Minuten, die die Welt verändern

Der Aktivist Toussaint Morrison kniet auf dem Auto bei der Siegesfeier nach dem Schuldspruch gegen Derek Chauvin.

9,5 Minuten, die die Welt verändern

Der Aktivist Toussaint Morrison kniet auf dem Auto bei der Siegesfeier nach dem Schuldspruch gegen Derek Chauvin.
Foto: dpa
International 4 Min. 25.05.2021 Aus unserem online-Archiv

9,5 Minuten, die die Welt verändern

Der Mord an George Floyd löste vor einem Jahr eine ungeahnte Protestwelle gegen Diskriminierung und Rassismus in den USA aus. Was bleibt?

(dpa) - Jemand hat die Umrisse eines Körpers auf den Asphalt gemalt, daneben stehen Kerzen. Sie markieren den Ort, auf den die Welt vor einem Jahr in Schock starrte. Hier, an der trostlosen Ecke 38. Straße/Chicago Avenue im Süden von Minneapolis wurde am 25. Mai 2020 der Afroamerikaner George Floyd vom weißen Polizisten Derek Chauvin vor laufenden Handykameras auf brutalste Weise getötet. Es folgten Massenproteste und jüngst der historische Schuldspruch für Chauvin. Gerechtigkeit verspüren viele Amerikaner aber lange nicht.

Der Tod Floyds sei der erste Fall von Polizeigewalt gewesen, der ihn auf die Straße getrieben habe, erzählt Toussaint Morrison. „Ich glaube, in jedem wurde durch die Folter von George Floyd etwas ausgelöst“, sagt der 39-jährige Aktivist aus Minneapolis. Die neuneinhalb Minuten, die Chauvin auf Floyds Hals kniete, bis dessen Herz wegen Sauerstoffmangel aufhörte zu schlagen, hätten Parallelen zur Folter von Sklaven durch deren Besitzer.

Ich glaube, in jedem wurde durch die Folter von George Floyd etwas ausgelöst.

Toussaint Morrison, Aktivist aus Minneapolis

Keine 24 Stunden nach Floyds Tod, während sich das grausame Video des Polizeieinsatzes sich viral bis in die letzten Winkel der Erde verbreitete, stand Morrison - wütend und bestürzt - wie so viele Andere am Tatort. Bei einem Protest Tage später ergriff er erstmals das Mikro: „Ich weiß nicht, was es war, ich wollte nur etwas sagen“, erinnert er sich. Es sollten viele weitere Ansprachen folgen, mit denen der redegewandte Morrison bei den Demos bekannt wurde.

Die Umrisse eines Körpers wurden auf den Asphalt gemalt und Blumen, Kerzen sowie zahlreiche andere Gegenstände liegen zum Gedenken an den Tod von George Floyd an dem Ort, an dem er gestorben ist. An der Ecke 38. Straße/Chicago Avenue im Süden von Minneapolis wurde am 25. Mai 2020 der Afroamerikaner George Floyd vom weißen Polizisten Chauvin vor laufenden Handykameras auf brutalste Weise getötet.
Die Umrisse eines Körpers wurden auf den Asphalt gemalt und Blumen, Kerzen sowie zahlreiche andere Gegenstände liegen zum Gedenken an den Tod von George Floyd an dem Ort, an dem er gestorben ist. An der Ecke 38. Straße/Chicago Avenue im Süden von Minneapolis wurde am 25. Mai 2020 der Afroamerikaner George Floyd vom weißen Polizisten Chauvin vor laufenden Handykameras auf brutalste Weise getötet.
Foto: dpa

Auch er selbst sei oft von der Polizei angehalten und belästigt worden. Nach dem Tod Floyds habe er keine Wahl gehabt und musste aktiv werden: „Ich finde, dass jeder Schwarze in Amerika in das Prisma der Rasse gezwungen wird, egal ob wir es wollen oder nicht.“

Strukturelle Ungerechtigkeit

Die Sklaverei ist in den USA bereits seit mehr als 150 Jahren abgeschafft, seit gut fünf Jahrzehnten sind Schwarze rechtlich vollständig gleichgestellt - doch nur auf dem Papier. Die strukturelle Benachteiligung auf allen Ebenen zeigt sich an einigen Zahlen, zum Beispiel der geringeren Lebenserwartung oder das um etwa den Faktor zehn kleinere Durchschnittsvermögen einer schwarzen Familie im Vergleich mit einem weißen Haushalt.

Auch werden Afroamerikaner und andere Schwarze deutlich häufiger Opfer von Polizeigewalt. Aber manche Aspekte sind schwer messbar, darunter die alltäglichen Diskriminierungen, etwa beim Einkaufen oder im Berufsleben sowie die Angst vieler vor der Polizei. Dass die nicht unbegründet ist, zeigte sich in den Abendstunden des 25. Mai 2020, als die Polizei wegen des Vorwurfs einer Falschgeldzahlung in den Süden von Minneapolis gerufen wurde.

Wenig später war der 46-jährige Floyd tot. Seine letzten Worte „I can't breathe“ („Ich kann nicht atmen“) stehen heute unter den Umrissen seines Körpers am Tatort - ohne die Videos wären sie wohl für immer verhallt. Doch so wurden sie zum Schlachtruf für Millionen Amerikaner bei den folgenden Protesten. Nach Einschätzung der „New York Times“ entwickelte sich „Black Lives Matter“ („Schwarze Leben zählen“) zur womöglich größten Bewegung der US-Geschichte.

Gedenkmarsch an den Tod George Floyds in Minneapolis.
Gedenkmarsch an den Tod George Floyds in Minneapolis.
Foto: AFP

„George Floyd“ wurde auf den Straßen im ganzen Land skandiert - genauso wie die Namen anderer schwarzer Opfer von Polizeigewalt: Breonna Taylor, Rayshard Brooks, Atatiana Jefferson, Aura Rosser, Eric Garner, Tamir Rice oder zuletzt auch Daunte Wright, der erst vor wenigen Wochen getötet wurde. Die Liste ließe sich leicht erweitern.

Hoffnung weicht der Ernüchterung

Die Energie der Straße versetzte auch die Politik in Bewegung - obwohl sich der damalige US-Präsident Donald Trump weitgehend gegen die Demonstrationen positionierte und sich angesichts einiger Ausschreitungen als Präsident für „Recht und Ordnung“ inszenierte. Auf regionaler Ebene wurden dagegen teils große Versprechen gemacht: Stadträte in Minneapolis kündigten eine „neue, transformative“ Polizei an. Knapp ein Jahr später zieht sich das Vorhaben.

Aktivist Morrison sieht keine Fortschritte. Was sich in Minneapolis aber verändert habe, sei das Bewusstsein der Leute. Viele wüssten nun, wer ihre Abgeordneten sind und welche Details bei Reformen diskutiert würden. Auch gebe es Listen zu Polizisten, die durch brutales Verhalten aufgefallen seien.

Der wohl einflussreichste Neubeginn der vergangenen Monate fand aber in der 1500 Kilometer entfernten Bundeshauptstadt Washington statt: Der Präsident heißt seit Januar Joe Biden, seine Vize Kamala Harris ist die erste schwarze Frau in dem Amt. Biden und Harris sprechen so klar und unbeirrt über den strukturellen Rassismus in den USA, wie wohl noch keine US-Regierung vorher.

Das Justizministerium hat mehrere Untersuchungen zu Polizeien eingeleitet, unter anderem in Minneapolis oder Louisville (Kentucky). Im aufsehenerregenden Fall des von weißen Männern erschossenen schwarzen Joggers Ahmaud Arbery wurde zusätzlich eine Bundesanklage wegen des Vorwurfs des „Hassverbrechens“ erhoben.

Bidens Polizeireform steckt fest

Biden warb bei seiner ersten Ansprache vor beiden Kammern des US-Kongresses zudem für den Entwurf einer Polizeireform, die nach Floyd benannt ist. „Wir haben alle das Knie der Ungerechtigkeit auf dem Nacken des schwarzen Amerikas gesehen“, sagte Biden Ende April und drängte den geteilten Senat, das Gesetz zu verabschieden. Der Entwurf würde unter anderem ein Prinzip aufweichen, wonach Polizisten nicht zivil angeklagt werden können, sowie Standards herabsetzen, um Beamten leichter kriminelle Absichten nachweisen zu können.


TOPSHOT - A woman looks at a mural showing the face of George Floyd, an unarmed black man who died after a white policeman knelt on his neck during an arrest in the US, painted on a section of Israel's controversial separation barrier in the city of Bethlehem in the occupied West Bank on June 10, 2020, with text reading "I can't breathe, I want justice not O2". (Photo by Musa Al SHAER / AFP)
Was der Tod von George Floyd für die USA bedeutet: Bürgerprotest statt Rassenunruhen
Die USA erleben keine Rassenunruhen mit flächendeckenden Plünderungen wie 1968, sondern das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung, die auf breite Unterstützung in der Bevölkerung trifft. Eine Analyse.

Toussaint Morrison macht das nicht euphorisch. Der Rassismus in den USA sei noch genauso präsent wie vor einem Jahr - trotz politischem Wechsel in Washington, meint er. Ob „Black Lives Matter“ nun einen Verbündeten im Weißen Haus habe? „Ich würde nicht so weit gehen und “Verbündeter„ sagen. Ich würde sagen, dass es niemanden mehr im Weißen Haus gibt, der so offen rechtsradikal ist wie Trump.“

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