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54 Gräber an katholischen Schulen in Kanada entdeckt
International 1 4 Min. 16.02.2022 Aus unserem online-Archiv
Residential Schools

54 Gräber an katholischen Schulen in Kanada entdeckt

Ein undatiertes Foto aus St. Philip's zeigt offensichtlich eine Handarbeitsklasse.
Residential Schools

54 Gräber an katholischen Schulen in Kanada entdeckt

Ein undatiertes Foto aus St. Philip's zeigt offensichtlich eine Handarbeitsklasse.
Foto: National Center for Truth and Reconciliation
International 1 4 Min. 16.02.2022 Aus unserem online-Archiv
Residential Schools

54 Gräber an katholischen Schulen in Kanada entdeckt

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Indigene kanadische Kinder wurden bis 1969 in die Internate St. Philip und Fort Pelly in der Provinz Saskatchewan gezwungen. Es ist nicht der erste Gräberfund. Und wahrscheinlich nicht der letzte.

Die indigene Gemeinschaft der Keeseekoose First Nation im Osten der kanadischen Provinz Saskatchewan hat am Dienstag den Fund von 54 Gräbern auf dem Gelände zweier ehemaliger katholischer Internate bekannt gegeben. Die Gräber seien bei Bodenradar-Untersuchungen entdeckt worden. 42 Grabstätten befinden sich auf dem Gelände der ehemaligen Fort Pelly Residential School, weitere zwölf auf dem Gelände der St. Philip’s Residential School. 

Es ist nicht der erste Fund dieser Art in Kanada: Seit Mai 2021 waren mit dieser Methode Hunderte zum Teil unmarkierte Gräber in der Nähe von Internaten für indigene Kinder ausfindig gemacht worden.

Die Suche ist noch nicht vorbei

Ted Quewezance, der für die Keeseekoose First Nation die Suchaktion koordinierte, sagte bei einer Pressekonferenz: „Wir haben an den Stellen gesucht, von denen wir aus Erzählungen wussten. Das Bodenradar hat lediglich unsere mündlichen Überlieferungen [‚oral history‘] bewiesen.“ Weitere Suchaktionen seien wegen des Winterwetters vorerst unterbrochen worden. Quewezance, selbst ehemaliger Schüler der St. Philip’s Residential School, verwies weiter darauf, dass den entsprechenden Erzählungen der örtlichen indigenen Gemeinschaft über Jahre kein Glauben geschenkt wurde. 

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Der Erzbischof der Diözese Regina, Donald Bolen, war ebenfalls bei dem Pressetermin anwesend. Er wandte sich mit einer Entschuldigung an die Anwesenden: „Die Rolle, die Katholiken in diesem Schulsystem spielten, der Missbrauch, der Rassismus und das intergenerationelle Trauma, unter dem Sie zu leiden hatten, tut uns von Herzen leid.“ 


Pater Calmus und die Kinder von Vancouver Island
Kanada wird brutal an seine Vergangenheit erinnert. Auch ein Luxemburger war Direktor eines kirchlichen Internats in British Columbia.

Bolen kündigte an, es nicht bei der Bitte um Entschuldigung belassen zu wollen, die Kirche wolle gemeinsam mit der Keeseekoose First Nation erörtern, wie sie das Unrecht aufarbeiten könne, zum Beispiel mit Einsicht in die Akten. Eine Forderung an Papst Franziskus, sich auf kanadischem Boden zu entschuldigen, steht schon länger im Raum. Im Frühjahr 2022 will eine Abordnung kanadischer Indigener in den Vatikan reisen, um sich mit dem Kirchenoberhaupt zu treffen.

Ein Trauma über Jahrzehnte und seine Aufarbeitung

Kanada kämpft bereits seit einigen Jahren mit der Aufarbeitung des jahrzehntelangen Traumas, das die Schulpolitik unter den Indigenen ausgelöst hat. 2008 wurde dazu von der Regierung die „Truth and Reconciliation Commission“ (deutsch „Wahrheits- und Versöhnungskommission“) eingesetzt, die 2015 einen Abschlussbericht vorlegte. Sie nannte das System der Zwangsinternate, in denen die Kinder der Indigenen von ihrer Sprache und Kultur entfremdet wurden, einen „kulturellen Genozid“, den der Staat Kanada zusammen mit den Kirchen begangen habe. Kritische Stimmen bemängeln bis heute die Wortwahl: Der Zusatz „kulturell“ sei eine Einschränkung, die der Dimension nicht gerecht werde. 


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In den Residential Schools waren sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt bis hin zum Tod an der Tagesordnung - so offensichtlich auch in Fort Pelly und St. Philip.  Das Internat in Fort Pelly war von 1895 bis 1913 in Betrieb. Im Bericht der „Truth and Reconciliation Commission“ ist die Rede von einem Schulleiter, der 1911 wegen Trunkenheit entlassen wurde, nachdem er eine Gefahr für die Schüler und das Personal darstellte. Die St. Philip’s Residential School war von 1928 bis 1969 in Betrieb. Laut der Kommission gab es hier bis zur Schließung ausgeprägte Probleme mit sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt. Für beide Schulen waren im Abschlussbericht der Kommission von 2015 nur jeweils zwei Todesfälle in der Schülerschaft verzeichnet - eine Zahl, die sich jetzt wahrscheinlich drastisch geändert hat.


Ein Bild aus Kamloops in British Columbia, wo Ende Mai 215 tote Kinder auf dem Gelände eines ehemaligen katholischen Internats gefunden worden waren. Die neuen Funde liegen weiter östlich in der Provinz Saskatchewan.
751 Gräber an kanadischer Schule lokalisiert
Wieder sind auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen "residential school" Gräber entdeckt worden. Die Betroffenen fordern eine Reaktion der Kirche.

Beide Schulen standen unter der Trägerschaft der katholischen Kirche, genauer unter der Leitung der Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria. Der Orden betrieb insgesamt 48 der rund 140 Residential Schools in Kanada – darunter auch die beiden, an denen vor etwa einem Jahr die beiden größten Gräberfunde gemacht wurden: Auf dem Gelände der Kamloops Indian Residential School in British Columbia fand das Bodenradar 215 potenzielle Gräber, in Cowessess nahe der Marieval Indian Residential School waren es 751. 

Nach dem Fund in Cowessess, wie der jüngste Fundort ebenfalls in der Provinz Saskatchewan, hatte der Leiter der Oblaten, Ken Thorson, volle Transparenz der ordenseigenen Archive angekündigt.   

Scott Moe, Premier der Provinz Saskatchewan sprach über Facebook sein Bedauern über den neuerlichen Fund aus: „Saskatchewan trauert mit Euch - heute und an jedem Tag“, schrieb er an die Gemeinde gerichtet. Man werde in dieser Frage zusammenarbeiten, so Moe weiter.

 


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