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40 Jahre nach Nelkenrevolution: Portugal-Krise regt alte Helden auf
International 4 Min. 25.04.2014 Aus unserem online-Archiv

40 Jahre nach Nelkenrevolution: Portugal-Krise regt alte Helden auf

25. April 1974: Soldaten und Zivilisten feiern die Revolution

40 Jahre nach Nelkenrevolution: Portugal-Krise regt alte Helden auf

25. April 1974: Soldaten und Zivilisten feiern die Revolution
Foto: Reuters
International 4 Min. 25.04.2014 Aus unserem online-Archiv

40 Jahre nach Nelkenrevolution: Portugal-Krise regt alte Helden auf

In Portugal jährt sich zum 40. Mal die Nelkenrevolution. Die alten Helden wollen an den offiziellen Feiern aber nicht teilnehmen. Die schlimme Lage im Land macht sie wütend.

(dpa) - Die Wirtschafts- und Sozialprobleme im Krisenland Portugal treiben vier ältere Herren dieser Tage besonders zur Weißglut.

Die noch lebenden Führer der Nelkenrevolution vom 25. April 1974, die die damals älteste Diktatur Westeuropas ohne einen einzigen Schuss in die Knie zwangen, würden am liebsten auch die jetzigen Machthaber in Lissabon davonjagen. „Unsere aktuellen Politiker sind wie kleine Jungs, ungebildet und ohne jede Erfahrung“, klagte kurz vor dem 40. Jahrestag der Revolution der General im Ruhestand, Amadeu Garcia dos Santos.

Der rüstige 78-Jährige ist davon überzeugt, dass die konservative Regierung von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho mit ihrer strengen Sparpolitik Portugal „in ein Loch führt“, aus dem das Land nur schwer herauskommen werde. Als Garcia diese Worte ausspricht, nicken seine drei Putschkollegen von damals übereinstimmend. 

Protest

Die portugiesische Nachrichtenagentur Lusa organisierte das Treffen anlässlich des Jahrestages. Auch die von anderen Teilnehmern des Putsches gegründete „Organisation 25. April“ will aus Protest gegen die Regierungspolitik an den offiziellen Feiern unter anderem im Nationalparlament nicht teilnehmen.

Garcia, Otelo Saraiva de Carvalho, Vítor Crespo und José Sanches Osório sowie die bereits verstorbenen Nuno Fisher Lopes Pires und Hugo dos Santos hatten sich am Vorabend des Aufstands heimlich im Militärquartier Pontinha am nordwestlichen Stadtrand Lissabons getroffen, um von einem abseits gelegenen Schuppen mit abgedeckten Fenstern mit Funkgeräten und anderen Kommunikationsmitteln die gut geplante Operation „Ende des Regimes“ zu leiten.

Respektierter Diktator

Diktator António de Oliveira Salazar (1889 - 1970) hatte nach der Ausrufung des Estado Novo, des „Neuen Staates“, im Jahr 1932 die Bürger und das Militär mit einer soliden Wirtschaftspolitik jahrzehntelang zufriedengestellt.

Der gelernte Ökonom war trotz einer brutalen Repression seiner Gegner so respektiert, dass er noch 2007 in einer Fernsehsendung zum beliebtesten Portugiesen aller Zeiten gewählt wurde.

Rückblick: Als Salazar 1968 vom kaputten Liegestuhl fiel, eine Hirnblutung und wenige Tage nach einer Operation auch einen Schlaganfall erlitt und gelähmt blieb, musste er dem Bürokraten Marcelo Caetano (1906 - 1980) die Regierungsgeschäfte überlassen.

Kolonialkriege und Putsch

Das Ansehen des Regimes fiel daraufhin rapide. Nach 48 Jahren Diktatur vermissten nicht nur die Mehrheit der Zivilbevölkerung, sondern auch immer mehr Militärs die fehlenden Freiheiten.

Dass es aber zum Putsch kam, führten Beobachter in erster Linie auf die seit Anfang der 1960er Jahre aufflammenden Kolonialkriege zurück. Die Bekämpfung des bewaffneten Widerstandes in Afrika kostete umgerechnet eine Million Euro täglich.

Die einstige Weltmacht verwandelte sich schnell in ein Armenhaus. Die portugiesischen Soldaten starben in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau zu Tausenden. Führende Militärs, allen voran General António de Spínola, drängten auf eine Einstellung der Kampfhandlungen, weil die Kriege nicht zu gewinnen seien.

Startschuß über Radio

Die Startsignale für den Putsch kamen aus dem Radio. Um 22.50 ertönte das Liebeslied „Depois do Adeus“ (Nach dem Abschied), kurz nach Mitternacht folgte dann eine vom Regime verbotene Ode des oppositionellen kommunistischen Liedermachers Zeca Afonso an ein Landarbeiterstädtchen 100 Kilometer südlich von Lissabon, „Grândola, Vila Morena“ (Grândola, braun gebrannte Stadt). Spätestens da war den Revolutionären der selbst ernannten „Bewegung der Streitkräfte“ (MFA) klar: Der Aufstand beginnt!

Die Putschisten stießen bei ihrem nächtlichen, vom Hauptmann Salgueiro Maia angeführten Eroberungsmarsch durch Lissabon auf keinen echten Widerstand. Bereits kurz nach drei Uhr morgens hatten sie friedlich die Schlüsselpunkte der Hauptstadt inklusive des Flughafens, Ministerien und Radiosender besetzt. Caetano verbarrikadierte sich im Quartier der Geheimpolizei, gab aber nach 17 Stunden auf und wurde ins Exil nach Brasilien geflogen.

Unblutige Revolution

Einzige Kapitulationsbedingung war, dass der als neutral geltende General de Spínola an der Spitze einer „Junta der Nationalen Rettung“ die Regierungsgewalt übernimmt. Der ließ dann im Radio am Abend des 25. verlauten: „Was wir heute erleben, ist das wichtigste historische Ereignis seit dem Aufstand gegen die spanische Besatzung 1640. Heute feiern wir die Befreiung unserer Heimat.“

Die Revolution verlief weitgehend unblutig. Es gab vier Tote, als regimetreue Truppen vor dem Sitz der Geheimpolizei auf unbewaffnete Demonstranten feuerten. Die Menschen auf den Straßen steckten den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe und feierten ausgelassen das Ende der Diktatur.

Dominoeffekt

Die Nelkenrevolution war der Anfang einer neuen Welle von Demokratiebestrebungen in Europa. Bald stürzten auch die Diktaturen in Griechenland und Spanien. Die damaligen Hoffnungen der Portugiesen hätten sich aber letztendlich als zu groß erwiesen, meint heute Revolutionsführer Saraiva de Carvalho. Er wolle nicht in die „schmutzige Politik“. „Ich stehe aber zur Verfügung, um eine Massenbewegung anzuführen, die wirklich Veränderungen erreichen kann“, sagte der 77-Jährige Opa in einem Interview kämpferisch.


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