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35 Jahre Tschernobyl: Die Last der Zeitzeugen
International 5 1 4 Min. 25.04.2021

35 Jahre Tschernobyl: Die Last der Zeitzeugen

Der verlassene Freizeitpark der Geisterstadt Prypjat.

35 Jahre Tschernobyl: Die Last der Zeitzeugen

Der verlassene Freizeitpark der Geisterstadt Prypjat.
Foto: AFP
International 5 1 4 Min. 25.04.2021

35 Jahre Tschernobyl: Die Last der Zeitzeugen

Am 26. April 1986 zieht nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine radioaktive Wolke von der Ukraine nach Belarus bis Westeuropa. Der Schock sitzt tief. Auch 35 Jahre später beschäftigt die schwerste Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft noch viele Menschen.

(dpa) - Ein glänzender Sarkophag aus Stahl überspannt die Ruine des explodierten Reaktorblocks im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine. Die moderne knapp 100 Meter hohe Konstruktion überdeckt seit mehr als vier Jahren das ins Gedächtnis eingebrannte Bild der düsteren grauen Betonhülle. Doch auch 35 Jahre nach der schwersten Atomkatastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft ist die Erinnerung bei Zeitzeugen hellwach. „Die Telefonleitungen waren tot“, erzählt der frühere stellvertretende Gebietsverwaltungschef, Nikolaj Stepanenko, kurz vor dem Jahrestag emotional vom damaligen Chaos.

Es war der 26. April 1986, als im Reaktorblock vier des AKW in der damaligen Sowjetrepublik um 1.23 Uhr ein Test außer Kontrolle geriet. „Es war sommerlich heiß. Es herrschte Hitze“, sagt Stepanenko. Von einem Brand ist zunächst die Rede. Doch allmählich wird klar: Es ist ein Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall.  

Nikolaj Stepanenko (88) in seiner Wohnung. Er war nach der Reaktorkatastrophe für die Umsiedlung der Einwohner der Städte Prypjat, Tschernobyl und weiteren 27 Dörfern verantwortlich.
Nikolaj Stepanenko (88) in seiner Wohnung. Er war nach der Reaktorkatastrophe für die Umsiedlung der Einwohner der Städte Prypjat, Tschernobyl und weiteren 27 Dörfern verantwortlich.
Foto: Andreas Stein/dpa

Eine bis heute beispiellose Explosion mit anschließendem Großfeuer schleudert damals radioaktive Teilchen in die Luft. 190 Tonnen insgesamt, wie russische Experten in Moskau zum Jahrestag vorrechnen. Wolken mit der gefährlichen Strahlung breiten sich bis nach Nord- und Westeuropa aus. Sie trifft neben der Nordukraine vor allem das benachbarte Belarus und den Westen Russlands. 160.000 Quadratkilometer gelten als verstrahlt - eine Fläche etwa zweimal so groß wie Österreich. Westliche Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus.


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„Alte Dorfbewohner flehten darum, bleiben zu dürfen: "Es ist doch egal, ob ich hier oder irgendwo in der Fremde sterben werde"“, erinnert sich Stepanenko an die dramatischen Tage mit solchen Worten der Bürger von damals. Er muss damals die Evakuierung des Gebiets in einem Umkreis von zunächst zehn, dann 30 Kilometern organisieren. „Es wurde die Strahlung gemessen und festgestellt, dass die Radioaktivitätswerte überall weiter steigen“, erzählt der 88-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Geisterstadt Prypjat

Demnach verläuft die Räumung der damals von den Kommunisten als Symbol für Fortschritt konzipierten Vorzeigestadt Prypjat mit den 50.000 Einwohnern noch vergleichsweise einfach. Hunderte Busse und Lastwagen transportieren Menschen samt Hab und Gut ab. Die Funktionäre richten sich nach einen Zivilschutzplan für den Fall des Atomkriegs. Die fast durchweg jungen Familien werden zunächst nach Westen in einen Nachbarkreis gebracht. Ein Teil zieht gleich zu Verwandten. Seither ist Prypjat eine Geisterstadt.

Doch in der zwölf Kilometer entfernten Stadt Tschernobyl mit ihrer tausendjährigen Geschichte und den 27 umliegenden Dörfern tun sich viele der 19.000 Familien schwer. „Aus den Dörfern wurden ganze Wirtschaften abtransportiert“, sagt Stepanenko, während er noch heute die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Mehr als 50.000 Kühe, Schweine, Ziegen und Pferde sacken die Transporter ein. Federvieh und Hunde müssen bleiben.

Weil es keinen Plan gibt zu der Zeit, wohin die Umgesiedelten sollen, müssen benachbarte Kreise des Kiewer Gebiets aushelfen. Vor allem aber stellt sich schon damals die Frage nach dem Umgang mit der heftig strahlenden Atomruine. Zehntausende sogenannte Liquidatoren arbeiten in den ersten Tagen und Wochen fast ungeschützt an der Beseitigung der Trümmer - manche mit bloßen Händen. Helden sind gefragt.

„Wir haben nur unsere Arbeit gemacht“

Ilja Suslow reist damals als 25-Jähriger aus dem zentralasiatischen Usbekistan in die Ukraine. Von Mitte August bis Mitte Oktober baut er mit an einem Betonsarkophag für den Trümmerhaufen. „Es war ein seltsames, unangenehmes Gefühl“, erinnert sich der 60-Jährige. Kaum einen der Verantwortlichen kümmert die Strahlendosis, die die Arbeiter abbekommen. Russische Experten gehen in aktuellen Studien davon aus, dass die Strahlenbelastung für die Bevölkerung 90 Mal höher war als in Japan nach dem Abwurf der US-Atombombe in Hiroshima 1945.

Als Student reiste Ilja Suslow 1986 aus dem 3000 Kilometer entfernten Navoiy in Usbekistan zum havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl. Von Mitte August bis Mitte Oktober arbeitete der damals 25-Jährige als Vorarbeiter bei der Errichtung des ersten Betonsarkophags.
Als Student reiste Ilja Suslow 1986 aus dem 3000 Kilometer entfernten Navoiy in Usbekistan zum havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl. Von Mitte August bis Mitte Oktober arbeitete der damals 25-Jährige als Vorarbeiter bei der Errichtung des ersten Betonsarkophags.
Foto: Andreas Stein/dpa

„Wir haben einfach nur unsere Arbeit gemacht“, sagt der Rentner Suslow, der wegen einer Strahlenkrankheit „Invalide“ ist, wie es in der Ukraine heißt. Schwerbehindert. Was ihn damals getrieben hat, sich freiwillig zu den Arbeiten zu melden, kann er bis heute nicht richtig erklären. Vielleicht ein wenig Abenteuerlust, sich ausprobieren. Geld sei trotz der ungewöhnlich hohen Zuschläge keine Motivation gewesen. Den neuen, für mehr als zwei Milliarden Euro und auf 100 Jahre gebauten Sarkophag kennt er nur von Bildern.

Nach der Errichtung der ersten 17 Meter hohen Kaskade des ersten Betonsakophargs am explodierten Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl posiert Ilja Suslow (r.) mit zwei Kollegen für ein Erinnerungsfoto.
Nach der Errichtung der ersten 17 Meter hohen Kaskade des ersten Betonsakophargs am explodierten Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl posiert Ilja Suslow (r.) mit zwei Kollegen für ein Erinnerungsfoto.
Foto: ---/Ilja Suslow/dpa

Findige Reiseanbieter organisieren heute Touren in die Sperrzone. Immer wieder sorgen dort auch Wald- und Flächenbrände für Aufsehen, bei denen radioaktive Teilchen aus dem Boden wieder aufgewirbelt werden. Die Ukraine will das Gebiet zunehmend wirtschaftlich nutzen. Im Juli soll dort ein Atommüllzwischenlager in Betrieb gehen. Damit soll der bisherige Export von radioaktiven Abfällen und verbrauchten Brennelementen aus der Ukraine nach Russland überflüssig werden.

Gemeinsamer Nenner: Atomkraft

Die beiden Staaten sind heute - 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - tief verfeindet wegen russischer Aggressionen gegen das Nachbarland. Ein Abschied von der Atomenergie ist aber ungeachtet der schweren Katastrophe weder in der Ukraine noch in Russland je ein größeres Thema gewesen. Die vier Atomkraftwerke der Ukraine produzieren mehr als 50 Prozent des Stroms des Landes.


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Der ukrainische Präsident will zum 35. Jahrestag mit dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation Rafael Grossi eine Ausstellung eröffnen - „vorläufig“, da wegen der Quarantäne ein Publikumsverkehr verboten ist. Wissenschaftler in Russland wollen derweil an diesem Montag vor allem auf Fortschritte bei der Sicherheit von Atomkraftwerken verweisen. Russlands Atomkonzern Rosatom baut in vielen Staaten neue Reaktoren und hat auch ein schwimmendes Atomkraftwerk in Betrieb genommen.

Und nicht zuletzt im Kino ist das Unglück aktuell wieder ein Thema: „Tschernobyl“ heißt der erste Film von Regisseur und Schauspieler Danila Koslowski, der sich in dem Mix aus Katastrophenfilm und Liebesdrama selbst in der Hauptrolle eines Feuerwehrmanns besetzt hat, der mithilft, das Schlimmste zu verhindern. Das Heldenepos ist Russlands Antwort auf die international erfolgreiche HBO-Miniserie „Chernobyl“. In der Ukraine ist der Streifen von vornherein verboten.

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Foto: epa Tass/Tass/dpa



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