Wählen Sie Ihre Nachrichten​

25 Jahre Srebrenica: Genozid mit Ansage
International 4 Min. 11.07.2020

25 Jahre Srebrenica: Genozid mit Ansage

Srebrenica als Inbegriff des schlimmsten Kriegsverbrechens in Europa seit 1945.

25 Jahre Srebrenica: Genozid mit Ansage

Srebrenica als Inbegriff des schlimmsten Kriegsverbrechens in Europa seit 1945.
Foto: AFP
International 4 Min. 11.07.2020

25 Jahre Srebrenica: Genozid mit Ansage

Es ist ein trister Jahrestag: Vor 25 Jahren trägt sich im bosnischen Srebrenica das schrecklichste Kriegsverbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu. 8000 Opfer sind zu beklagen - und die Welt schaut hilflos zu.

Als die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic am 11. Juli 1995 in die ostbosnische Muslim-Enklave Srebrenica einrücken, fallen kaum Schüsse. Die Männer in dem zur UN-Schutzzone erklärten Gebiet haben kaum Waffen. Die niederländischen UN-Truppen, das Dutchbat,  in ihrer Basis Potocari am Ortseingang von Srebrenica fordern Luftunterstützung der Nato an. Sie kommt nicht - abgesehen von der symbolischen Bombardierung eines einzigen Panzers der Eroberer. 

Wir sind viel zu schlecht ausgerüstet gewesen und hatten keine schweren Waffen.

Thom Karremans, Dutchbat-Kommandant

Blauhelme gewähren freies Geleit

Dem sichtlich vor Angst schlotternden Oberst Thomas Karremans, Kommandeur des UN-Bataillons, diktiert General Mladic die Bedingungen seiner Kapitulation - vor den laufenden Kameras des serbischen Fernsehens. Die „Blauhelme“ assistieren bei der Deportation von 23.000 Frauen und Kindern, ehe sie selbst bei freiem Geleit abziehen dürfen.

Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic (l.) haben den Völkermord von Srebrenica zu verantworten.
Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic (l.) haben den Völkermord von Srebrenica zu verantworten.
Foto: LW-Archiv

Zugleich beginnt am 11. Juli 1995, im vierten und letzten Jahr des Bosnienkriegs, der erste Völkermord auf europäischem Boden seit 1945. Mladic und Radovan Karadzic, der Führer der bosnischen Serben, hatten - unterstützt vom serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic - ihre Pläne nie verhehlt. Die „Türken“, wie sie die Muslime in den ostbosnischen Enklaven verächtlich nennen, stehen ihrem Projekt eines „Groß-Serbiens“ mit „ethnisch reinen“ serbischen Territorien in weiten Teilen des Vielvölkerstaats Bosnien im Wege.


Former Bosnian Serb commander Ratko Mladic (C) enters the International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY), on November 22, 2017, to hear the verdict in his genocide trial.
Dubbed "The Butcher of Bosnia," Mladic's trial is the last before the ICTY, and the judgement has been long awaited by tens of thousands of victims across the bitterly-divided region, seeking to close a chapter in the brutal 1990s Balkans conflicts.
 / AFP PHOTO / POOL / Peter Dejong
Kriegsverbrechertribunal: Lebenslange Haft für Mladic
Das UN-Tribunal in Den Haag hat Ratko Mladic, den berüchtigten Ex-General der bosnisch-serbischen Armee, des Völkermordes für schuldig gesprochen.

Die 15.000 Männer und männlichen Jugendlichen in der Enklave wissen, welches Schicksal ihnen droht. Noch am 11. Juli machen sich die meisten von ihnen zu Fuß auf den Weg, um sich durch Berge und Wälder ins 100 Kilometer entfernte Tuzla durchzuschlagen. Jene Männer und Jugendlichen, die zögern, werden von Mladic' Truppen gleich in Potocari und Umgebung erschossen.

In den nächsten Tagen eröffnet die Mladic-Armee eine Treibjagd auf den Tross der Fliehenden. Die meisten ergeben sich, wenn sie auf bosnisch-serbische Soldaten stießen. Sie werden an den Händen gefesselt und abgeführt. Wenig später werden sie auf Wiesen, Feldern, in Ställen oder Lagerhallen erschossen. Ihre Leichen verscharrt man in schnell ausgehobenen Massengräbern.

Noch immer werden Leichen gefunden

Wochen oder Monate später gräbt man sie wieder aus, um sie anderswo auf dem Gebiet der bosnischen Serbenrepublik (Republika Srpska) zu vergraben. Die Spuren sollen verwischt werden. Mehr als 8000 Männer und Jugendliche werden umgebracht. Heute noch werden Leichen und Leichenteile gefunden. Durch aufwändige DNA-Analysen werden sie den Opfern zugeordnet. Auch am 25. Jahrestag des Verbrechens von Srebrenica wird man wieder sterbliche Überreste von Opfern im Rahmen des Gedenkens in Potocari beisetzen. 

Die politische Klasse, die akademische Lehre, die Medien, selbst die Serbisch-Orthodoxe Kirche machen da mit. Es ist eine Kultur der Genozid-Verleugnung.

Emir Suljagic, Direktor des Gedenkzentrums in Potocari

Das Töten gefangener Gegner stellt ebenso ein Kriegsverbrechen dar wie die systematische Vertreibung von Zivilisten. Das Internationale Jugoslawien-Tribunal in Den Haag hat die Untaten von Srebrenica in mehreren Urteilen als Genozid bewertet. Tatsächlich hatte Mladic die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica vertreiben oder ermorden lassen.

Auch 25 Jahre nach dem Massaker werden noch Leichenteile gefunden; durch aufwändige DNA-Analysen werden sie den Opfern zugeordnet.
Auch 25 Jahre nach dem Massaker werden noch Leichenteile gefunden; durch aufwändige DNA-Analysen werden sie den Opfern zugeordnet.
Foto: AFP

Im November 2017 verurteilte das Haager UN-Tribunal den heute 77-Jährigen wegen Srebrenica und anderer Verbrechen in erster Instanz zu lebenslanger Haft. „Sie zählen zu den abscheulichsten, die die Menschheit je gesehen hat“, befand Richter Alphonse Orie. Im Herbst steht die Berufungsverhandlung an. Karadzic erhielt im Vorjahr lebenslänglich, sein Urteil ist rechtskräftig.


25 Jahre nach der Tragödie von Srebrenica zeigt sich bei den politischen Eliten in Serbien und in der Republika Srpska wenig Schuldeinsicht - trotz der akribisch begründeten Haager Urteile. „Es ist eine Situation der durchgängigen Genozid-Verleugnung“, sagt Emir Suljagic, der Direktor des Gedenkzentrums in Potocari. „Die politische Klasse, die akademische Lehre, die Medien, selbst die Serbisch-Orthodoxe Kirche machen da mit. Es ist eine Kultur der Genozid-Verleugnung.“

Suljagic ist selbst ein Überlebender des Massakers von Srebrenica. Als damals 19-Jähriger war er Dolmetscher bei den „Blauhelmen“ und durfte mit ihnen die Enklave verlassen. Später studierte er Politikwissenschaften, wurde Journalist und Politiker. Sein auch auf deutsch erschienenes Buch „Srebrenica - Notizen aus der Hölle“ zählt zu den eindringlichsten Zeitzeugen-Berichten, die vom Leiden und Sterben der Menschen im belagerten und eroberten Srebrenica künden.  


Former Bosnian Serb leader Radovan Karadzic reacts at the court room of the International Residual Mechanism for Criminal Tribunals in The Hague, Netherlands, on March 20, 2019, while waiting to hear the final judgement on his role in the bloody conflict that tore his country apart a quarter of a century ago. - Karadzic was notorious for his role in the 1995 Srebrenica massacre where more than 8,000 Muslim men and boys were slaughtered in the worst bloodletting on European soil since World War II. In one of the last remaining cases from the break-up of Yugoslavia, UN judges in The Hague will rule on his appeal against his 2016 conviction for genocide and war crimes, and his 40-year jail sentence. (Photo by Peter Dejong / various sources / AFP)
Lebenslang für Ex-Serbenführer Karadzic
Gut 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ist der politisch Hauptverantwortliche zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Schuld ohne Schuldspruch 

Der Europäischen Union (EU) nimmt es Suljagic übel, dass sie zu Beginn der 2010er Jahre die internationalen Richter „ohne Not“ aus dem bosnischen Justizwesen abzog. Das Haager Tribunal hat seine Tätigkeit inzwischen an einen Nachfolgemechanismus übergeben. Es sollte ohnehin nur die großen und prominenten Fälle behandeln. Doch Tausende beteiligten sich an Kriegsverbrechen, ihre Schuld sollten bosnische Gerichte verhandeln. „Die Zahl dieser Verfahren ging drastisch zurück“, stellt Suljagic fest. „Die, die Schuld auf sich geladen haben, fühlen sich ermutigt und auf der Siegerseite. Ihre Sympathisanten kontrollieren die Justiz.“ 

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

20 Jahre nach dem Völkermord: 136 Srebrenica-Opfer beerdigt
Zehntausende haben am Samstag in Srebrenica 136 neu identifizierte Opfer zu Grabe getragen. Persönlichkeiten wie Bill Clinton nahmen an dem Totengedenken teil. Serbiens Regierungschef Vucic wurde als einstiger Vertreter der Kriegspolitik angegriffen und verletzt.
A Bosnian woman (C) mourns at the freshly dug grave of her brother on July 11, 2015 at the Potocari Memorial Center near the eastern Bosnian town of Srebrenica, where 136 bodies found in mass grave sites in eastern Bosnia will be reburied on 20th anniversary of the Srebrenica massacre. Thousands of people were pouring into Srebrenica today to commemorate the 20th anniversary of the massacre of thousands of Muslims in the worst mass killing in Europe since World War II. The remains of 136 newly-identified victims were to be laid to rest alongside more than 6,000 others already buried at a memorial centre just outside the eastern Bosnian town.  AFP PHOTO / DIMITAR DILKOFF