Zukunftsmodell für Luxemburg: Ein Coworking Space mit Kinderbetreuung
„Uns ist wichtig, dass es ein Ort ist, wo jeder arbeiten kann und dass es normal ist, dass Kinder mit dazugehören“, erklärt Silvia Steude.

Zukunftsmodell für Luxemburg: Ein Coworking Space mit Kinderbetreuung

Foto: juggleHUB
„Uns ist wichtig, dass es ein Ort ist, wo jeder arbeiten kann und dass es normal ist, dass Kinder mit dazugehören“, erklärt Silvia Steude.
Wirtschaft 4 Min.13.03.2017

Zukunftsmodell für Luxemburg: Ein Coworking Space mit Kinderbetreuung

Coworking Spaces sind inzwischen nichts Neues mehr. Coworking Spaces mit Kinderbetreuung dagegen schon. In Berlin öffnete vor einigen Monaten das „juggleHUB“ seine Türen und bietet ein Konzept das vielleicht schon bald auch in Luxemburg Schule machen könnte.

(M.G.) - Das Konzept ist so simpel wie genial: Einen Ort schaffen, an dem Eltern ruhig arbeiten können während ihr Kind nebenan von einer Betreuerin beschäftigt wird. Diese Idee hat auch die Luxemburger Staatssekretärin für Wirtschaft, Francine Closener, veranlasst, sich bei einem Besuch in Berlin selbst ein Bild von dem jungen Unternehmen juggleHUB zu machen.

Das Angebot richtet sich hauptsächlich an Eltern mit kleinen Kindern im Alter zwischen zwei Monaten und etwa fünf Jahren. Allerdings seien fast die Hälfte der aktuellen Mitglieder Menschen ohne Kinder, die einfach die Atmosphäre der neuen Einrichtung schätzen, erzählt Silvia Steude.

Ein Selbstläufer ist das frisch gegründete Unternehmen allerdings nicht. Knapp neun Monate nach der Eröffnung hat das juggleHUB etwa die Hälfte seiner Kapazitäten erreicht. Nach einer Durststrecke von einigen Monaten habe sich die Besucherzahl seit Anfang des Jahres etwas eingependelt, erzählt Silvia Steude, eine der beiden Gründerinnen. Inzwischen nutzen rund 30 Mitglieder das juggleHUB.

Flexible Kinderbetreuung anzubieten, stellte sich als größte Herausforderung für die Gründerinnen heraus.
Flexible Kinderbetreuung anzubieten, stellte sich als größte Herausforderung für die Gründerinnen heraus.
Foto: juggleHUB

Flexibilität wird großgeschrieben

Die Arbeitsplätze können flexibel eingerichtet und die Kinderbetreuung je nach Bedarf dazugebucht werden. „Es soll etwas Flexibilität in den Alltag bringen, vorrangig für Selbstständige, die sich die Zeit und ihren Arbeitsplatz frei einteilen können“, erklärt Silvia Steude. „Wir haben einen separaten Raum, der für Kinder eingerichtet ist.“ Das juggleHUB erhebt aber keinesfalls den Anspruch die Kindertagesstätte oder die Tagesmutter zu ersetzen. „Es soll ein flexibles Zusatzangebot sein“, so Silvia Steude weiter.

Das Kinderbetreuungsangebot ist ihr bestes Verkaufsargument und gleichzeitig ihre größte Herausforderung. Sind keine Kinder angemeldet (bis 16 Uhr am Vortag), wird auch kein Betreuungspersonal benötigt. Um zu gewährleisten, dass trotzdem immer ein Betreuer verfügbar ist, bekommen diese ein Teilgehalt als Bereitschaftspauschale. Der Rest des Gehalts hängt dann von den geleisteten Stunden ab.

Gründerinnen auf sich gestellt

Das juggleHUB bekam keine Unterstützung von Seiten der Behörden. Die beiden Gründerinnen nahmen lediglich jeweils einen sogenannten „Gründerkredit“ zu etwas günstigeren Konditionen auf. Zusammen mit etwas Eigenkapital investierten die beiden insgesamt 80 000 Euro in ihr Unternehmen. Das meiste wurde zur Einrichtung der Räume genutzt.

In Zukunft wollen die beiden vermehrt mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Aktuell läuft beispielsweise ein Pilotprojekt bei dem ein größeres Unternehmen seinen Mitarbeitern anbietet an einigen Tagen nicht im Firmenbüro, sondern im juggleHUB zu arbeiten. „An Tagen, an denen die KiTa geschlossen ist oder wenn einfach viel los ist und vielleicht noch ein Arzttermin zwischendurch ansteht, können die Mitarbeiter dann im juggleHUB arbeiten anstatt ins Firmenbüro zu fahren“, erklärt Silvia Steude.

Die beiden Gründerinnen von juggleHUB: Silvia Steude (l.) mit ihrem Sohn und Katja Thiede (r.) mit ihrer kleinen Tochter.
Die beiden Gründerinnen von juggleHUB: Silvia Steude (l.) mit ihrem Sohn und Katja Thiede (r.) mit ihrer kleinen Tochter.
Foto: juggleHUB

Kosten als Problem

Die Betreuung muss im Gegensatz zur KiTa privat finanziert werden. Ähnlich wie für einen Babysitter müssen die Eltern also pro Betreuungsstunde bezahlen. Und genau das könnte auch der Grund für das bisher eher verhaltene Interesse an der neuen Idee sein, glaubt Silvia Steude. Im Prinzip würden viele das Angebot nutzen wollen, allerdings sei man es in Berlin nicht gewöhnt für Kinderbetreuung zahlen zu müssen, da die KiTa in der Regel kostenlos ist.

In Luxemburg sieht das anders aus, erklärt Larissa Best vom ThinkTank „Equilibre“. „In Luxemburg müssen Eltern ohnehin im Durchschnitt zwischen 400 und 1100 Euro pro Monat in die Betreuung ihrer Kinder investieren. Dass die Betreuung kostenpflichtig ist, wäre hier kein wirkliches Problem“, so Larissa Best.

Bedarf besteht auch in Luxemburg

In Luxemburg gibt es hauptsächlich Coworking Spaces für Start-up-Unternehmen und Gründerzentren für Jungunternehmer. Karin Schintgen vom Lux Future Lab konnte allerdings noch nicht feststellen, dass ein nennenswertes Interesse an Kinderbetreuung in diesem Rahmen bestünde. Da die Atmosphäre aber wesentlich legerer sei als in traditionellen Büros, würden einige ihrer Mitglieder auch ab und zu ihre Kinder mitbringen, so Karin Schintgen weiter.

Nach Meinung von Lucile Barberet, Kommunikationsmanagerin bei Nyuko, die ebenfalls ein Coworking Space betreiben, gebe es sehr wohl eine Nachfrage für ein Kinderbetreuungsangebot im Rahmen des Coworking. Tatsächlich hätten einige ihrer Mitglieder bereits Interesse an einer solchen Lösung gezeigt. „Nur weil man Kinder hat, sollte man sich nicht einschränken müssen, so zu arbeiten wie man es möchte“, fügt Lucile Barberet noch hinzu.

Betreuung für Kinder ab zwölf

Auch Larissa Best ist sicher, dass noch reichlich Bedarf im Bereich der Kinderbetreuung besteht. Obwohl Luxemburg, besonders im Bereich der Kinderkrippen, bereits sehr gut aufgestellt sei, wie sie sagt. Daher bestünde ihrer Meinung nach aktuell der größte Bedarf in Luxemburg im Bereich der Betreuung von Kindern ab zwölf Jahren für die Zeit nach der Schule.

„Kann man nicht auf die Hilfe von Großeltern, Tanten und Onkel zurückgreifen ist es sehr schwierig. Oder die Kinder gehen alleine nach Hause“, stellt Larissa Best fest. Equilibre schlägt hier ein Konzept vor mit Kursen, die Nachmittags für Kinder im Teenageralter organisiert werden könnten.

Außerdem gebe es eine relativ große Zahl an sogenannten „Expats“ in Luxemburg, deren Kinder nicht im Luxemburger Schulsystem sind, gibt Larissa Best zu bedenken. „Das bringt fantastische Talente nach Luxemburg, allerdings kann lediglich ein Elternteil Vollzeit arbeiten, weil sie keine Auffangmöglichkeiten für die Kinder gefunden haben.“ Würde man hier Lösungen finden, wäre das für Luxemburg wirtschaftlich durchaus interessant, glaubt die Leiterin des ThinkTank.

Der politische Wille, neue Wege in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu finden, ist da. Nach ihrem Besuch in Berlin erklärt Francine Closener: „Ich werde verschiedene Konzepte mit den Verantwortlichen von Equilibre diskutieren und sehen welche Ideen sich in Luxemburg, zusammen mit den verschiedenen Akteuren, umsetzen lassen.“


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