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Whistleblower Deltour vor Gericht: "Ich habe aus bürgerlicher Pflicht gehandelt"
Wirtschaft 3 Min. 03.05.2016

Whistleblower Deltour vor Gericht: "Ich habe aus bürgerlicher Pflicht gehandelt"

Bei seiner Aussage im LuxLeaks-Prozess legte Antoine Deltour die Karten auf den Tisch.

Whistleblower Deltour vor Gericht: "Ich habe aus bürgerlicher Pflicht gehandelt"

Bei seiner Aussage im LuxLeaks-Prozess legte Antoine Deltour die Karten auf den Tisch.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 3 Min. 03.05.2016

Whistleblower Deltour vor Gericht: "Ich habe aus bürgerlicher Pflicht gehandelt"

Volker BINGENHEIMER
Volker BINGENHEIMER
Zum ersten Mal spricht der Whistleblower Antoine Deltour im LuxLeaks-Prozess. Vor den Richtern beteuert der ehemalige PwC-Mitarbeiter, er habe die brisanten Dokument aus einem spontanen Impuls heraus kopiert. Später habe er dann die Kontrolle darüber verloren.

(vb) – Mit Spannung war die Aussage des Hauptangeklagten Antoine Deltour im LuxLeaks-Prozess erwartet worden. Am Dienstag legte der ehemalige PwC-Mitarbeiter die Karten auf den Tisch.

Der 31 Jahre alte Steuerexperte Deltour lieferte am Dienstag einen Einblick in seine Beweggründe, die umstrittenen Steuervorbescheide für 400 Unternehmen entgegen seiner Geheimhaltungspflicht zu veröffentlichen. Deltour gab sich vor dem Gericht unter Vorsitz von Marc Thill große Mühe, ehrlich und glaubwürdig aufzutreten. Er beteuerte mehrfach, dass er aus „staatsbürgerlichem Pflichtbewusstsein“ gehandelt habe. Um Geld sei es ihm nie gegangen.

Mit gerade einmal 25 Jahren leakte Antoine Deltour die rund 45 000 Seiten Dokumente, wofür er heute auf der Anklagebank sitzt. Deltour, der aus Lothringen stammt, kam für ein Praktikum zu PwC nach Luxemburg. Im Anschluss daran bekam er einen unbefristeten Vertrag als Steuerprüfer und verdiente 2600 Euro im Monat. Er zog in eine Wohngemeinschaft im Großherzogtum. Am Anfang war er „sehr zufrieden“ mit seinem Job in Luxemburg, aber dann „haben sich meine Erwartungen geändert“.

Die Frage des Richters, ob er Kontakt zu Luxemburgern hatte, verneinte Deltour: „Am Arbeitplatz und in der WG gab es keine.“

"Ich missbilligte diese Praxis"

Bei seiner Arbeit kam er in Kontakt zu den Tax Rulings, komplizierte Steuerkonstruktionen, die PwC für Firmenkunden zur Steuerersparnis entwickelte. „Mit der Zeit missbilligte ich diese Praxis“, so Deltour vor Gericht.

Der junge Steuerexperte fand heraus, dass sein Gehalt von 2600 Euro „weit über meinen Bedürfnissen“ lag, und dass „im Leben die Erfüllung nicht notwendigerweise in der Arbeit zu suchen ist“. Obwohl er eine Beförderung angeboten bekam, kündigte er bei PwC und nahm eine Stelle beim Statistikamt Insee in Nancy an. Um sich „sozialen Zwecken“ zu widmen, arbeitete er in Teilzeit und kam so auf ein Monatsgehalt von 1500 Euro.

Auf die brisanten Dokumente sei er durch Zufall gestoßen, berichtet der Angeklagte. Immer wieder beteuert er, ohne vorausgehende Planung gehandelt zu haben. An seinem letzten Arbeitstag bei PwC wollte er sich Weiterbildungs-Unterlagen sichern und sei dann auf die Tax Rulings gestoßen. Innerhalb von 29 Minuten kopierte er die Ruling-Dokumente über die Steuerpraxis von 400 Unternehmen.

"Dann habe ich die Kontrolle verloren"

Nach seiner Kündigung im Oktober 2010 lernt Deltour den Fernsehjournalist Edouard Perrin kennen und bietet ihm die Dokumente an. Bei einem Treffen in Deltours neuer WG in Nancy erlaubt Deltour dem Journalisten, die Dokumente zu kopieren. „Ich war mir bewusst, dass ich damit gegen die Geheimhaltungspflicht verstieß“, sagt Deltour.

Hier die erste kritische Nachfrage des Richters: „Sie hätten ihm von den Steuerrulings berichten können, ohne die Dokumente weiterzugeben“.

Eine Geldzahlung habe er nicht verlangt, vielmehr habe er aus ideellen Motiven gehandelt. Dass der Journalist die Namen der Unternehmen und Details ihrer Steuerkonstruktionen veröffentlichen werde, sei ihm allerdings nicht klar gewesen, sagt Deltour. Dass das Journalistenkonsortium ICIJ die Dokumente dann integral veröffentlichte, habe ihn „überrascht“. „Ich fühlte, dass ich die Kontrolle verloren hatte“.

Trotz der vielen Polizeiverhöre, der Festnahme und der Anklage scheint es Deltour nicht zu bereuen, die Dokumente weitergegeben zu haben. Auf die Frage, ob er es heute noch einmal tun würde, sagt er: "Die Sache wäre es wert, es noch einmal zu tun."

Journalist Perrin auf der Anklagebank

Im Anschluss befragen die Richter den Journalisten Edouard Perrin, der die vertraulichen Dokumente für die Sendung "Cash Investigation" am 11. Mai 2012 auf France 2 verarbeitet hat. Die Vorwürfe der Anklage gegen Perrin beziehen sich auf den zweiten Whistleblower  Raphaël Halet. Halet arbeitete ebenfalls bei PwC und kontrollierte die Tax Rulings. Er meldete sich kurz nach der Ausstrahlung von "Cash Investigation" bei Perrin.

Am Mittwoch wird der Prozess mit dem Plädoyer der Zivilpartei (PwC) fortgesetzt. Am Dienstag kommender Woche verliest die Staatsanwaltschaft dann die Anklageschrift.


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