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Wenn Flüchtlinge Unternehmer werden
Wirtschaft 5 Min. 24.02.2020

Wenn Flüchtlinge Unternehmer werden

Die meisten Flüchtlinge, die sich in Luxemburg selbstständig machen wollen, wollen einen eigenen Foodtruck oder ein kleines Restaurant eröffnen.

Wenn Flüchtlinge Unternehmer werden

Die meisten Flüchtlinge, die sich in Luxemburg selbstständig machen wollen, wollen einen eigenen Foodtruck oder ein kleines Restaurant eröffnen.
Foto: Shuterstock
Wirtschaft 5 Min. 24.02.2020

Wenn Flüchtlinge Unternehmer werden

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Fabienne Colling, Präsidentin der Vereinigung "Touchpoints", erklärt wie Zuwanderer den Weg in die Selbstständigkeit finden

Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen ist eine gigantische Herausforderung. Manche Flüchtlinge nehmen ihr Schicksal daher selbst in die Hand und gründen eigene Unternehmen. Aber der Weg dorthin ist steinig, die finanziellen und bürokratischen Hürden sind hoch. Die Vereinigung "Touchpoints" unterstützt Personen mit anerkanntem internationalen Schutzstatus bei der Gründung einer Firma. Die Präsidentin und Direktorin Fabienne Colling erklärt, was Migranten in die Selbstständigkeit treibt.

Fabienne Colling, vor zwei Jahren ging die Integration von neu Ankommenden auf dem Arbeitsmarkt nur sehr langsam voran. Hat sich die Lage mittlerweile verbessert?

In den Jahren 2015 und 2016 war der Zuzug von Flüchtlingen nach Luxemburg besonders stark; demnach lag der Schwerpunkt in der öffentlichen Debatte verhältnismäßig auf die ankommenden Flüchtlinge, die keinen Job fanden. Allerdings gab es 2017 bereits Erfolge geglückter Integration von Geflüchteten, selbst wenn diese nicht immer sichtbar waren. Die Integration war damals oft schwierig, aber nicht unmöglich. Fünf Jahre nach ihrer Ankunft sind die Beschäftigungschancen immer noch problematisch, vor allem auch weil der Arbeitsmarkt in Luxemburg wesentlich anders strukturiert ist als in Deutschland etwa.

Fabienne Colling.
Fabienne Colling.
Foto: Pierre Matgé

Welche Unterschiede gibt es zwischen beiden Ländern?

Wer in Deutschland ankommt und dort dauerhaft leben möchte, weiß: Er muss die deutsche Sprache lernen. Wer nach Luxemburg kommt, muss sich erstmals die Frage stellen: Welche Sprache ist wohl am sinnvollsten? Generell werden Flüchtlinge zum Erlernen der französischen Sprache orientiert, wenn sie sich aber für einen Handwerksberuf entscheiden, werden oft deutsche Sprachkenntnisse verlangt. 

Bei den sozialen Kontakten zu den Menschen in Luxemburg ist dann allerdings die luxemburgische Sprache sehr wichtig. Das heißt: Die Flüchtlinge, die nach Luxemburg kommen, werden sofort mit mehreren Sprachen konfrontiert, was deren Integration nicht leichter macht. 

Dazu kommt, dass Handwerk und manuelle Tätigkeiten in Luxemburg sehr restriktiv geregelt sind. Im Handwerk sind die entsprechenden Ausbildungen stark reglementiert, meist auch noch zweisprachig. Und für viele Menschen ist es oft ein zu langer Weg. Konkret bedeutet das, dass Flüchtlinge, die vorher eine manuelle Tätigkeit ausgeübt haben, wenig Möglichkeiten haben, einen Beruf in der Praxis zu erlernen, und zwar direkt im Betrieb.

Ist die Alternative – der Schritt in die Selbstständigkeit – nicht noch schwieriger zu bewältigen?

In vielen Herkunftsländern hat die Selbstständigkeit eine deutlich höhere Verbreitung als in Luxemburg. Viele Flüchtlinge waren bereits in ihrer Heimat Unternehmer. Da viele hierzulande keine Arbeit finden, wollen manche Flüchtlinge ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ein eigenes Unternehmen gründen. Was sie aber oft unterschätzen, sind die verschlungenen Wege der Bürokratie in Luxemburg. 


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Daher besteht ein großer Teil unserer Arbeit darin, die angehenden Unternehmer für eine verantwortungsvolle Firmengründung zu sensibilisieren und die notwendigen Prozesse zu erklären. Die ersten Schritte sind relativ einfach, eine Niederlassungsgenehmigung bekommt man in den meisten Fällen relativ schnell, aber was danach kommt, muss auch gründlich vorbereitet und geplant werden. Das heißt: Wir nehmen den Flüchtlingen erst einmal ihre Illusionen, erklären Ihnen in einem weiteren Schritt, dass sie nicht an einer umfangreichen Planung und Vorbereitung vorbeikommen. Mit unserem Programm "Sleeves Up" bieten wir Ihnen einen Vorbereitungskurs an und organisieren Workshops, in denen sie lernen, wie sie am besten einen Betrieb in Luxemburg gründen können. 

Die meisten Flüchtlinge, die sich in Luxemburg selbständig machen wollen, haben ganz einfache Geschäftsideen, wollen einen eigenen Foodtruck oder ein kleines Restaurant eröffnen.

Fabienne Colling

Neben unserem Programm "Sleeves Up" bieten wir einmal im Monat auch die Möglichkeit an, einen Unternehmer kennenzulernen, der es in Luxemburg bereits geschafft hat. Das erlaubt den Austausch von Erfahrungen, Ideen und Ratschläge.

Manche Flüchtlinge haben Probleme damit, die nötige Berufserfahrung im Herkunftsland zu belegen...

Die meisten Flüchtlinge, die sich in Luxemburg selbständig machen wollen, haben ganz einfache Geschäftsideen, wollen einen eigenen Foodtruck oder ein kleines Restaurant eröffnen. Im handwerklichen Bereich sind Berufe wie Elektriker, Friseur und Gärtner besonders gefragt. Viele bringen langjährige Berufserfahrung mit: Wenn sie das beweisen können, gibt sich das Wirtschaftsministerium sehr viel Mühe, um eine Lösung zu finden und formelle Hürden zu überwinden. 

Die Türen sind nicht komplett verschlossen. Aber: Manche Flüchtlinge wollen eine Tätigkeit ausüben, die in Luxemburg nicht als reglementierter Beruf anerkannt ist und für die es keine offizielle Niederlassungsgenehmigung gibt.


IPO , PK Jean Asselborn , Aussenminister , über Immigration und Flüchtlinge , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
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Nennen Sie ein Beispiel...

In Luxemburg gibt es den Beruf des Barbiers nicht. Wer ein Barbershop öffnen will, muss im Prinzip Friseur sein. Trotzdem muss man sagen, dass im Wirtschaftsministerium eine positive und offene Einstellung gegenüber Unternehmertum herrscht. Allerdings muss sich der Staat an die eigenen Gesetze halten. Diese gilt es, unserer Meinung nach, zu überarbeiten.

Wo wünschen Sie sich sofortige Änderungen?

Wie ich schon vorhin angedeutet habe, sind die sogenannten "reglementierten Berufe" in Luxemburg sehr restriktiv, weil wir große Angst vor der ausländischen Konkurrenz haben. Und die Liste der Berufe ist bei weitem nicht vollständig. Durch die Digitalisierung entstehen zudem neue Bildungschancen: Man kann vieles im Internet lernen oder mit der Nutzung digitaler Geräte – nicht immer ist ein Diplom notwendig. Wir sehen etwa auch sehr großes Potenzial im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen, der allerdings auch wiederum eine geschützte Berufsbranche ist.

Trotz vieler Hürden schaffen manche Flüchtlinge den Sprung in die Selbstständigkeit. Können Sie uns ein paar Zahlen nennen?

Wir haben im vergangenen Jahr 260 Dossiers eröffnet. Rund 50 Menschen haben an unseren Workshops teilgenommen und 17 Flüchtlinge eine Niederlassungsgenehmigung beim Wirtschaftsministerium angefragt. Generell freuen wir uns immer, wenn es uns gelingt, jemanden von einer schlechten Idee abzubringen. Viele träumen davon, ihr eigenes Restaurant zu eröffnen. Das birgt aber auch viele Risiken und Geld verdienen ist in diesem Beruf nicht immer einfach.


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Um eine Firma zu gründen, sind Flüchtlinge auch auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Es ist immer besser, wenn Gründer ohne Geld starten können und Projekte entwickeln, die sie graduell aufbauen können. Wenn sie Geld brauchen, ist die einzige Möglichkeit, einen Mikrokredit bei Microlux zu beantragen. Ansonsten ist es immer noch schwierig, ein Bankkonto in Luxemburg zu eröffnen, trotz Recht auf ein Basiskonto in Europa. 

Noch komplizierter ist es, ein Kredit zu bekommen. Seit wir mit unserer Arbeit im Jahr 2016 begonnen haben, hat soweit wir wissen kein einziger Flüchtling einen Kredit von einer "traditionellen" Bank bekommen. Bis Migranten hierzulande komplett selbstständig sind, ist es noch ein langer Weg.


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