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Welthandel: Erstmals rückt Afrikanerin an die Spitze der WTO
Wirtschaft 4 Min. 09.02.2021 Aus unserem online-Archiv

Welthandel: Erstmals rückt Afrikanerin an die Spitze der WTO

Ngozi Okonjo-Iweala wird für vier Jahre in das WTO-Chefbüro einziehen.

Welthandel: Erstmals rückt Afrikanerin an die Spitze der WTO

Ngozi Okonjo-Iweala wird für vier Jahre in das WTO-Chefbüro einziehen.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 09.02.2021 Aus unserem online-Archiv

Welthandel: Erstmals rückt Afrikanerin an die Spitze der WTO

Als erste Frau und erste Persönlichkeit aus Afrika wird die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala neue Generaldirektorin der kriselnden Welthandelsorganisation. Die Neue steht vor enormen Herausforderungen wie dem Einbruch des Warenaustausches durch die Corona-Krise.

Von LW-Korrespondent Jan Dirk Herbermann (Genf)

Bei der Welthandelsorganisation bricht eine neue Zeitrechnung an: Erstmals in der Geschichte der 1995 gegründeten Institution wird eine Frau die Position der Generaldirektorin übernehmen. Und erstmals kommt eine Persönlichkeit aus Afrika bei der Besetzung des Topjobs in Genf zum Zuge: Sie heißt Ngozi Okonjo-Iweala (66). Der Allgemeine Rat der WTO muss der Ernennung der Nigerianerin noch formal zustimmen.

Dann wird Okonjo-Iweala für vier Jahre in das WTO-Chefbüro einziehen. Dort dürfte die frühere Finanzministerin und kurzzeitige Außenministerin ihres Landes kaum Zeit und Muße finden, den grandiosen Blick auf den Genfer See und den Montblanc zu genießen.

Die ehemalige Finanzministerin von Nigeria Ngozi Okonjo-Iweala während ihrer Teilnahme an der 5. Jahrestagung der Clinton Global Initiative.
Die ehemalige Finanzministerin von Nigeria Ngozi Okonjo-Iweala während ihrer Teilnahme an der 5. Jahrestagung der Clinton Global Initiative.
Nancy Kaszerman/ZUMA Wire/dpa

Zu groß sind die Herausforderungen für die Neue: Die 164 WTO-Mitglieder streiten zu viel. Die Organisation, die einen regelgebundenen und möglichst freien weltweiten Handel garantieren soll, steckt seit Jahren in einer Krise. Ein Ursprung für die Kalamitäten liegt in der 2001 begonnenen und nie beendeten Welthandelsrunde. Das grundsätzliche Problem der WTO, die Abkehr von multilateralen Abkommen zwischen allen Mitgliedern zugunsten von bilateralen oder regionalen Pakten wie dem neuen Regional Comprehensive Economic Partnership im Pazifik-Raum, wird Okonjo-Iweala verfolgen.

Daneben wird die Corona-Katastrophe mit dem eingebrochenen Warenaustausch, der Protektionismus und die Handelskriege die Generaldirektorin in Atem halten. Sie wird helfen müssen, die Blockade der Berufungsinstanz des WTO-Schiedsgerichts aufzulösen. Und sie will den großen Erwartungen gerecht werden, die Entwicklungsländer an sie richten. Die Frau aus dem Erdölstaat Nigeria ist überzeugt: „Handel zieht die Entwicklungsländer aus der Armut heraus.“ Auch gelobt die designierte WTO-Chefin: „Wir wollen die WTO verjüngen und reformieren.“ Genaue Pläne für eine Modernisierung legte Okonjo-Iweala noch nicht auf den Tisch.

Sie skizziert ebenso eine neue Rolle für die WTO - im Kampf gegen die Krankheit Covid-19. "Es muss einen gleichen Zugang zu Medizin geben und die WTO könnte Teil der Lösung sein.“ Derzeit steht ein Vorschlag Indiens und Südafrikas im Raum: Sie wollen den Patentschutz im Handel mit Medikamenten und Impfstoffen gegen Covid-19 vorübergehend aussetzen, um armen Staaten zu helfen. Die EU und andere reiche WTO-Mitglieder wollen davon jedoch nichts wissen.

„Ich bin für die Aufgabe qualifiziert“

Die Kandidatin des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas setzte sich gegen fünf Bewerber und zwei Bewerberinnen durch. Zum Schluss zog die einzig verbliebene Rivalin, Handelsministerin Yoo Myung-hee aus Südkorea, ihre Kandidatur zurück. Okonjo-Iweala konnte in der entscheidenden Phase des Rennens auf die EU-Unterstützung zählen. Die USA unter Präsident Donald Trump blockierte jedoch die Ernennung der Afrikanerin über Monate. Die US-Regierung von Joe Biden stellte sich jetzt hinter sie.


World Trade Organization (WTO) director-general Roberto Azevedo attends a press conference on global trade growth forecasts for 2019-2020, on April 2, 2019 in Geneva. - Global trade growth is expected to be lower in 2019 than it was last year, the World Trade Organization forecast, citing widespread "tensions" and uncertainty. (Photo by Fabrice COFFRINI / AFP)
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Seit Bekanntgabe ihrer Kandidatur im Juni 2020 ließ die vierfache Mutter und Großmutter an ihren Ambitionen keine Zweifel. „Ich bin für die Aufgabe qualifiziert“, betonte die energische Frau, die allein schon mit ihren farbenfrohen Kostümen die Blicke in der WTO-Zentrale auf sich zieht. Fachleute wie die frühere Handelsministerin Costa Ricas, Anabel González, trauen „Ngozi“ zu, den Job bei der WTO zu meistern. Okonjo-Iweala habe eine „starke Reputation auf dem internationalen Parkett“. 

Skeptiker halten Okonjo-Iweala vor, dass sie sich in ihrer Karriere kaum mit Handelsfragen befasst habe und die WTO wenig kenne. „Es stimmt, ich bin kein WTO-Insider, aber das ist eine gute Sache“, sagt sie und verweist auf den „neuen Blick“, den sie auf die schwerfällige WTO werfen könne. Vielleicht wird auch die Führung durch eine Frau der WTO guttun – nachdem die Organisation und auch ihre Vorgängerin, das Allgemeine Zoll und Handelsabkommen Gatt, von einem Mann nach dem anderen geleitet wurden.

Dabei ist sich Okonjo-Iweala bewusst, dass sie als Generaldirektorin keine „direkte Entscheidungsbefugnis“ bei Verhandlungen der Mitgliedsländer hat. Aber sie will durch eine „proaktive Einflussnahme“ führen.

Das Selbstbewusstsein Okonjo-Iwealas speist sich einerseits aus ihrer Herkunft, sie stammt aus einer einflussreichen Familie. Andererseits kann sie eine beeindruckende Karriere vorweisen: Bis zum vergangenen Jahr bekleidet sie die Position des „Chair of the Board“ der globalen Impfstoffallianz Gavi. Und sie rückte in den Board der Standard Chartered Bank und den Board des Kurznachrichtendienstes Twitter ein – sie weiß also, wie Unternehmen ticken.

Als Chefin des Finanzressorts Nigerias erreichte sie einen Schuldenerlass für ihr Land. Bei der Weltbank schaffte sie es, zum „Managing Director“ aufzusteigen, also zur Nummer Zwei. Allerdings scheiterte ihr Versuch, ganz an die Spitze der Institution in Washington vorzustoßen.


Wi , PK ArcelorMittal , Site de Differdange , Stahl , Stahlindustrie , anc Arbed , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
US-Handelspolitik: Kehrtwende unwahrscheinlich
Selbst ein Regierungswechsel in den USA bedeutet für den Welthandel nicht zwangsläufig eine Rückkehr zur Normalität.

Die USA prägten die „Ngozi“ nachhaltig. Im Jahr 1973 zog es sie über den Atlantik, die Studentin machte den Ökonomie-Abschluss in Harvard und erwarb einen Ph. D. am Massachusetts Institute of Technology mit einem entwicklungspolitischen Thema. Schließlich erlangte sie auch die US-Staatsbürgerschaft. Dass in der WTO an den USA nach wie vor kein Weg vorbeiführt, weiß die kommende Chefin. Das Engagement der Amerikaner sei „absolut wesentlich“. 

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