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Von der Stahlkrise zur Gemeindekooperation
Wirtschaft 5 Min. 02.09.2018

Von der Stahlkrise zur Gemeindekooperation

Georges Engel, Bügermeister von Sassenheim, ist auch Präsident von ZARE

Von der Stahlkrise zur Gemeindekooperation

Georges Engel, Bügermeister von Sassenheim, ist auch Präsident von ZARE
Foto: Guy Jallay
Wirtschaft 5 Min. 02.09.2018

Von der Stahlkrise zur Gemeindekooperation

Marco MENG
Marco MENG
Die „Zone d'activité régionale d'Ehleringen“ (ZARE) war 1993 das erste als „regional“ deklarierte Gewerbegebiet. Regional bedeutet, dass mehrere Gemeinden zusammen eine solche Wirtschaftszone betreiben – ein Muster für die kommunale Zusammenarbeit im Wirtschaftsbereich, dem auch der neue „Plan Sectoriel“ Rechnung trägt. Am Anfang von ZARE stand die kriselnde Stahlindustrie, die massiv Stellen abbaute.

Wie der damalige Wirtschaftsminister Robert Goebbels erklärte, sollte mit gemeinsam von mehreren Gemeinden betriebenen Industriezonen der Verlust von Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie aufgefangen werden. „Ich glaube, die Initiative hat geholfen, die schwierige Situation, die es damals hier im Süden gab, aufzufangen“, sagt heute Georges Engel, Bürgermeister von Sassenheim und Präsident des ZARE-Syndikats.

Georges Engel, als sich die drei Gemeinden für ein gemeinsames Industriegebiet zusammentaten, war das schwierig?

Es war zumindest zuerst etwas Ungewohntes, denn das, was die drei Gemeinden Monnerich, Esch und Sassenheim taten, gab es noch nicht. Und obwohl nicht jede Gemeinde genau denselben Anteil an Gelände einbrachte, waren sich alle einig, dass man alles durch drei teilen würde, die Einnahmen genauso wie die Ausgaben. Sassenheim selbst hat fast die Hälfte des Geländes eingebracht, aber wir sagten gleich, dass es unsinnig ist, wenn jede Gemeinde ihre eigene Industriezone macht, wir drei machen das zusammen. Also teilen wir die Ausgaben und Einnahmen und machen uns nicht unnötig gegenseitig Konkurrenz.

Die Gemeinden Esch, Monnerich und Sassenheim sind zu gleichen Teilen am Gewerbegebiet beteiligt.
Die Gemeinden Esch, Monnerich und Sassenheim sind zu gleichen Teilen am Gewerbegebiet beteiligt.
Foto: Guy Jallay

Es macht ja keinen Sinn, wenn beispielsweise Esch unbedingt probiert, ein wachsendes Unternehmen dort zu behalten, wenn dort aber kein passender Platz zur Verfügung steht, und eine andere Gemeinde das Unternehmen dann „abluchst“. Darum sagten wir, wir kooperieren, machen es gemeinsam, und teilen alles miteinander. Jeder musste also auch etwas über seinen eigenen Schatten springen.

So wurde ZARE zu einem Vorbild für interkommunale Kooperation?

Ich denke ja. Inzwischen haben sich hier mehr als 50 Firmen mit zusammen fast 2 000 Mitarbeitern angesiedelt, darunter auch einige, die Muttergesellschaften im Ausland haben und auch eine kleine Niederlassung oder ein Büro in Luxemburg hatten und sich hier vergrößern wollten. Hauptsächlich ging es bei ZARE darum, Betrieben einen Platz zu bieten, die etwas produzieren. Darum sind es heute vor allem aus dem Handwerk viele Firmen hier, aber es gibt keine spezielle Branche, die besonders vertreten wäre.

Wie kam es dazu, dass neben Handwerksbetrieben hier nun auch Biomedizin zu finden ist?

Ursprünglich war im Sommet ein „Handwerkerhof“ geplant, das Projekt ging aber aus verschiedenen Gründen nicht richtig voran. Als die Regierung dann fragte, ob wir Gelände für Produktion, Innovation und Forschung im Bereich „Biohealth“ zur Verfügung stellen könnten, wofür auch die Nähe der Universität sprach, entstand hier das „House of Biohealth“ mit Laboren. Inzwischen wurden zwei Gebäude errichtet, ein drittes ist in Planung. Dann kommt auch demnächst das Südspidol hierhin, das 2023 fertiggestellt sein soll, was ebenfalls mit der Idee „Biohealth“ zusammenpasst.

Die Entwicklung des Gewerbegebiets spiegelt auch die Entwicklung der Wirtschaftsgeschichte des Landes wider: Erst Handwerksbetriebe, dann House of Biohealth mit Laboren.
Die Entwicklung des Gewerbegebiets spiegelt auch die Entwicklung der Wirtschaftsgeschichte des Landes wider: Erst Handwerksbetriebe, dann House of Biohealth mit Laboren.
Foto: Guy Jallay

Sie haben vorgeschlagen, dass ein Restaurant und ein Kinderhort ins ZARE kommen soll?

Ja, ich muss zugeben, das ist ein Projekt, das leider schon so alt ist wie ich Präsident von ZARE bin. ZARE hat das Projekt ausgeschrieben, darauf haben sich zwei Interessenten gemeldet, die das umsetzen wollten, aber dann auseinandergingen. Der eine wollte weitermachen, der andere nicht, wodurch die Rechte nicht mehr ganz klar waren... das hat immens viel Zeit gekostet. Wir wollen solche Strukturen wie Kinderhort, Restaurant, Fitnessstudio, Kleiderreinigung hierhinbringen, weil das den vielen Leuten, die im ZARE arbeiten, zugute käme.

Hier im Gewerbegebiet wie anderswo im Land: Das Parkplatzproblem muss gelöst werden.
Hier im Gewerbegebiet wie anderswo im Land: Das Parkplatzproblem muss gelöst werden.
Foto: Guy Jallay

Parkplätze und Verkehr sind ein bekanntes Problem in Luxemburg. Im ZARE auch?

Die Zufahrt zum ZARE ist relativ gut, da man direkt von der Autobahn ins Industriegebiet fahren kann ohne durch Wohngebiete zu müssen. Was ein Problem ist, sind die knapp werdenden Parkplätze, hier spitzt sich die Situation wirklich zu. Hier sind wir dabei zu schauen, dass der Zugang mit Fahrrad, zu Fuß und mit Bus so gut wie möglich wird. Es gab eine Buslinie, die ZARE bediente, aber sie wurde nicht genug nachgefragt. Das muss attraktiver gestaltet werden.

Gibt es denn noch freie Parzellen?

Das Gelände für das Südspidol gaben wir als ZARE an den Staat zurück, daneben bleibt noch eine Parzelle, die wir unterteilen können, am besten ebenfalls für Betriebe aus dem Biohealth-Sektor. Zudem wird ZARE Est Richtung Monnerich erweitert. Es können sich also noch einige Unternehmen hier ansiedeln.


Zone Industrielle Wolser, Foto Lex Kleren
Der große Hunger nach mehr Fläche
Statt 698 Hektar sieht der neue „Plan sectoriel“ 477 Hektar für Industriegebiete im Land vor – ein Spagat zwischen Re-Industrialisierung, einer nachhaltiger ausgerichteten Wirtschaft und dem viel beschworenen „qualitativen Wachstum“.

Der neue Plan sectoriel führt praktisch die Strategie, die mit ZARE begann, weiter?

So ist es. Weil sich die interkommunale Zusammenarbeit, die mit ZARE begann, bewährte. Wir waren praktisch Vorreiter, wenn man das so sagen kann. Das Wirtschaftsministerium ist darüber hinaus ein enger Partner und immer an unseren Komiteesitzungen beteiligt. Unsere Infrastrukturinvestitionen werden aus dem Wirtschaftsministerium zu 85 Prozent vorfinanziert, Geld, was wir dann dem Ministerium wieder zurückzahlen, genauso wie das Ministerium auch an den Pachtgebühren, die die Unternehmen zahlen, beteiligt ist.

Planung ist alles: Wegen der direkten Anbindung an die Autobahn muss der Lieferverkehr nicht durch die umliegenden Orte gehen.
Planung ist alles: Wegen der direkten Anbindung an die Autobahn muss der Lieferverkehr nicht durch die umliegenden Orte gehen.
Foto: Guy Jallay

Gelände, die dem Staat gehören, werden ZARE über ein „droit de superficie“ für 50 Jahre zur Verfügung gestellt; die Gemeinden selbst verpachten die Grundstücke an Unternehmen für 30 Jahre weiter. Ich glaube, dass ZARE den Weg für eine ganze Reihe anderer Syndikate geebnet hat, die danach entstanden sind. In diesem Zusammenhang finde ich auch die Initiative der Staatssekretärin Francine Closener gut, die verschiedenen Gemeindesyndikate zusammenzubringen, schließlich kann man voneinander lernen.

Wie kamen Sie selbst mit ZARE in Berührung?

Das Projekt hat mich immer interessiert, weil es dem Staat und den Gemeinden ein Mittel gibt, der Grundstücksspekulation Einhalt zu gebieten, indem die Grundstücke an die Unternehmen verpachtet werden. So können wir als Gemeinden mitbestimmen und bleiben Akteur.

Nun hat das Wirtschaftsministerium kürzlich an einen Joghurthersteller Gelände verkauft. Manche fürchten, dass ausländische Unternehmen den Boden wegkaufen.

Nun gut, ArcelorMittal hat auch viele Grundstücke im Land, obwohl man den Konzern nur noch schwer als luxemburgische Firma bezeichnen kann... Er hat zwar hier seinen Firmensitz, aber kaum luxemburgisches Kapital. Wenn wir nur noch auf Luxemburger warten, die hier investieren, wird es schwierig. Wir brauchen schon ausländisches Kapital.

Mehr als 50 Firmen verschiedenster Branchen haben sich inzwischen in der „Zone d'activité régionale d'Ehleringen“ (ZARE) angesiedelt.
Mehr als 50 Firmen verschiedenster Branchen haben sich inzwischen in der „Zone d'activité régionale d'Ehleringen“ (ZARE) angesiedelt.
Foto: Guy Jallay

Wie funktioniert die Verwaltung eines Gewerbegebiets wie ZARE praktisch?

Zum größten Teil ist ZARE zwar entwickelt, aber es gibt dennoch immer etwas zu tun, weswegen sich die ZARE-Verwaltung alle sechs Wochen trifft. Zum Beispiel werden wir als ZARE im Sommet ein Parkhaus bauen. Weil wir die erste Wirtschaftszone waren, an der verschiedene Gemeinden beteiligt sind, mussten wir Regeln aufstellen, Kommissionen mussten aufgestellt werden, das Gemeindesyndikat musste festlegen, welche Aktivitäten ZARE beherbergen soll, wie viel Prozent einer Fläche weiterverliehen werden können und so weiter. Auch die Firmenkonstrukte mit Gesellschaftern und Anteilseignern und dergleichen wurden mit der Zeit komplizierter, dem mussten wir uns selbst anpassen wie auch unsere Verträge. Es bleibt also immer zu tun.


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