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Von der Garage in Junglinster zum Weltmarkt
Wirtschaft 19 6 Min. 15.06.2019

Von der Garage in Junglinster zum Weltmarkt

Bekannt wurde Hitec vor allem durch Antennen. Philippe Osch und Yves Elsen (v.l.) haben noch weitere Pläne.

Von der Garage in Junglinster zum Weltmarkt

Bekannt wurde Hitec vor allem durch Antennen. Philippe Osch und Yves Elsen (v.l.) haben noch weitere Pläne.
Foto: Pierre Matgé
Wirtschaft 19 6 Min. 15.06.2019

Von der Garage in Junglinster zum Weltmarkt

Marco MENG
Marco MENG
Hitec, der Luxemburger Spezialist für Messungen, fing mit Ruß-Messungen an und mausert sich zu einem Player in der Satellitentechnik.

Angefangen hat alles so, wie man es von den Tech-Größen aus dem Silicon Valley kennt: in einer Garage. „Wir sind da also in guter Gesellschaft“, scherzt Yves Elsen, Geschäftsführer und Miteigentümer von Hitec. „Nur war es bei uns in Junglinster.“

1986 gegründet von Pierre Hirt, Nicolas Comes und Marco Trauffler sind heute die drei Eigentümer des Unternehmens Yves Elsen, Philippe Osch und Nicolas Comes. Ende letztes Jahr ist Hitec dann von Hollerich, wo das Unternehmen 25 Jahre seinen Sitz hatte, in die Industrie- und Gewerbezone Mamer umgezogen: Der neue Standort hat viele Vorteile, vor allem einer: mehr Platz.

„Ein Umzug ist auch immer eine Infragestellung“, sagt Elsen. „Trennt man sich von etwas, passt man Prozesse an? Auch für unsere 49 Mitarbeiter ist der neue Standort von Vorteil.“ Ende Oktober fuhr Hitec mit der Produktion runter, die Maschinen wurden abgebaut und nach Mamer transportiert. „Im laufenden Geschäftsbetrieb war das schon fast wie eine Operation am offenen Herzen“, sagt Elsen.

Messung der Härte und Beschaffenheit von Rußperlen

Mehr als die Hälfte der Hitec-Mitarbeiter lebt in Luxemburg. Es sind Maschinenbau- und Elektroingenieure, Informatiker, Physiker, Betriebswirte und Techniker. Bekannt ist das Unternehmen vor allem als Spezialist im Antennenbau, womit Hitec 1999 begonnen hatte.

Messinstrumente für Rußperlen stellen nur wenige her.
Messinstrumente für Rußperlen stellen nur wenige her.
Foto: Pierre Matgé

Das Unternehmen rechnet mit seinen Bodenantennen die genaue Position von Satelliten aus. Weniger bekannt ist, dass Hitec auch Geräte entwickelt und baut, womit die Beschaffenheit und Härte von Rußperlen (gepresste Rußpartikel) gemessen wird, die bei der Reifenproduktion in den Kautschuk gemischt werden. „Damit hat alles angefangen“, sagt Elsen. Das Gerät dazu – das erste Produkt von Hitec – verkauft das Unternehmen mit dem Label „Made in Luxembourg“ in der ganzen Welt. Außer Hitec bietet solche Rußmessungen kaum jemand an.

„Ursprung und Schwerpunkt unseres Unternehmens sind also technische, hochpräzise Messungen“, erklärt Elsen, der einst bei SES als 13. Angestellter seine berufliche Karriere gestartet hat, als der Satellitenbetreiber noch ein Start-up gewesen war. 2003 wechsele Elsen dann zu Hitec.

Die Firma hat vier Geschäftsbereiche: das Segment Industrie mit Messgeräten und Antennen, die Informations- und Kommunikationstechnologien, Projektmanagement sowie Verkehrsplanung. Hinzu kommen Wartung und Instandhaltung von Antennenanlagen, sowohl von eigenen als auch von anderen Produzenten. „Diese Geschäftsbereiche bei uns sind aber keine voneinander abgetrennten Bereiche. So können unsere Mitarbeiter die Erfahrungen in einem Bereich in den anderen mitnehmen.“

Hitec programmiert auch die Software für die eigenen Geräte selbst. Zu den rund 100 privaten und institutionellen Kunden gehören Goodyear und Michelin genauso wie SES, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Airbus, Thales und die Europäische Raumfahrtbehörde ESA.

Unser Schwerpunkt sind technische, hochpräzise Messungen.

„Wir können als kleine Firma schnell reagieren und Speziallösungen anbieten, was ein Vorteil gegenüber großen Mitbewerbern ist“, erklärt Philippe Osch, Senior Partner und CTO von Hitec. Osch, der an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich studierte und dort seinen Master of Science in Mechanical Engineering machte, kam 2010 zum Unternehmen und ist dort seit 2015 Chief Technology Officer.

Als kleiner Player auf dem großen Technikmarkt sucht Hitec stets qualifizierte Mitarbeiter, die auch unternehmerisch denken können. „Eigeninitiative ist bei uns verlangt“, sagt Elsen. Ingenieursstellen zu besetzen, ist aber nicht immer einfach. „Das ist ein Problem in der ganzen westlichen Welt“, erklärt Elsen. China und Indien haben in diesen Studienfächern in einem Jahr mehr Abgänger als Japan, Nordamerika und Europa in fünf Jahren zusammen, veranschaulicht er.

Mit der neuen Vorrichtung können Antennensteuerungen simuliert werden.
Mit der neuen Vorrichtung können Antennensteuerungen simuliert werden.
Foto: Pierre Matgé

Auch Elsen studierte an der ETH, allerdings nicht Maschinenbau, wie man vielleicht denken mag, sondern Bauingenieurswesen – mit Vertiefungen in Statik sowie Transportsysteme und Verkehrsplanung: Steuerungsanlagen, die Verkehrsflüsse berechnen, ist auch etwas, was Hitec macht. Hier rechnet sich das Unternehmen angesichts der viel diskutierten Verkehrsproblemantik in Luxemburg, aber auch andernorts, großes Potenzial aus.

140 Quadratmeter in Mamer hat Hitec im neuen Gebäude an das Start-up Earthlab Luxembourg, das im Bereich Künstliche Intelligenz und Erdbeobachtung tätig und an dem Hitec beteiligt ist, untervermietet.

Hitec macht bei Projekten der europäischen Luft- und Raumfahrtbehörde ESA genauso mit, wie es sich an internationalen Ausschreibungen für Wartungsarbeiten an Bodenstationen und Antennen beteiligt. Eine solche Antenne von sechs oder neun Metern Durchmesser mit einem Gewicht von mehr als 20 Tonnen, hat die Lebensdauer von etwa 30 Jahren, ein Satellit von 15 Jahren: Eine Bodenstation kann also die Einsatzdauer von zwei Satellitenmissionen abdecken. Dass die Anlagen in dieser Zeit gewartet und auf den neuesten Stand gebracht werden müssen, liegt auf der Hand. Zum Beispiel stellt Hitec bestehende Antennen mit größtenteils analogen Steuerungssystemen auf digitale um.


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Entwicklung, Produktion und Aufbau einer Antenne dauert zwei bis drei Jahre, wobei es durchaus vorkommen kann, dass der Platz, an dem sie installiert wird, seine Tücken hat. Elsen erinnert sich an ein Projekt, als Hitec eine Anlage in Schweden nördlich des Polarkreises aufbaute.

Als relativ kleines Unternehmen auf einem weltweiten Markt fühlt sich Hitec durchaus gut aufgestellt. „Der Vorteil bei uns ist auch: Man trifft die Geschäftsführer und Eigentümer tagtäglich auf dem Korridor und braucht nicht einen Monat im Voraus einen Termin anzufragen“, sagt Elsen. „Man muss seine Stärken kennen, dann kann man sie auch ausspielen“, sagt Osch. „Und als kleine Firma hat man auch den Vorteil, dass man sofort spürt, wenn irgendetwas nicht läuft“, fügt Elsen hinzu.

In allen Geschäftssegmenten Wachstumspotenzial

Elsen und Osch führen ins „Legoland der Ingenieure“: ein Raum, in dem Hitec alle seine Geräte testen kann. Dazu gehört auch ein Prüfstand, wo die Kameras aus den Straßentunnels getestet werden. Wie man den Verkehrsfluss verbessern und den CO2-Ausstoß minimieren kann, das werden für Hitec in diesem Geschäftssegment die nächsten Aufgaben sein.

Besonders stolz ist man auf eine Vorrichtung aus Motoren, Übersetzungen und Gewichten nebst Schaltschrank, womit Antennen simuliert und verschiedene Steuerungssysteme dafür getestet werden können.

Eine Neuentwicklung in diesem Bereich hat Hitec gerade zum Patent angemeldet. Das mehrfach für Innovation ausgezeichnete Unternehmen hat auch ein „Rapid Deployment Kit“ in der Initiative emergency.lu in einer Public-Private-Partnership zwischen Staat, Hitec, SES und Luxembourg Air Ambulance entwickelt: mobile Satelliten-Bodenstationen.

Das von Hitec entwickelte Gerät optimiert die Bandbreite für Datenübertragungen, was vor allem beim Einsatz in Krisengebieten hilfreich ist. Die Initiative zur Nutzung von Weltraumrohstoffen („Spaceresourcees.lu“) sieht Hitec als eine interessante Entwicklungsmöglichkeit an.

„Das muss man natürlich mit einem Zeithorizont von 20 bis 30 Jahren sehen“, meint Elsen dazu. Neben dem Wachstum in den bestehenden Geschäftsbereichen plant das Unternehmen einen Schritt in die Satellitentechnik. Ein erstes Projekt wurde 2018 gestartet und heißt „PLATO“, eine Wissenschaftsmission der ESA, die im Jahr 2026 starten soll. Hitec wird dazu den Satellitenbauer OHB in Bremen bei der Qualitätssicherung von Satellitenkomponenten unterstützen.

„Das machen wir alles Schritt für Schritt“, so Elsen. Hinzu kommt die Weiterentwicklung der Steuergeräte für Antennen: Sie werden intelligenter und irgendwann selbst sagen, wann sie gewartet werden müssen.

Kommen große Antennenprojekte, macht das Unternehmen mit diesem Geschäftssegment den stärksten Umsatz, doch normalerweise halten sich alle Geschäftssparten die Waage mit einem Beitrag zwischen 15 bis 30 Prozent zum Gesamtumsatz von 7,5 bis acht Millionen Euro. „Zwischen zwei und fünf Prozent davon geben wir wieder für Forschung und Entwicklung aus“, erklärt Elsen.

„Eines unserer Erfolgsrezepte ist die Interdisziplinarität und Kundenzentrierung“, fährt er fort. „Alle unsere Geschäftsbereiche arbeiten seit Tag eins zusammen und miteinander, um den hohen Anforderungen unserer Kunden gerecht zu werden.“


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