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Von Beruf Schaustellerin: „Man wird hineingeboren“
Wirtschaft 5 Min. 27.08.2021
Fun um Glacis

Von Beruf Schaustellerin: „Man wird hineingeboren“

Victoria Schneider hat ein Internat nur für Kinder von Schaustellern besucht. Am Wochenende ging es zu den Eltern auf die Kirmes.
Fun um Glacis

Von Beruf Schaustellerin: „Man wird hineingeboren“

Victoria Schneider hat ein Internat nur für Kinder von Schaustellern besucht. Am Wochenende ging es zu den Eltern auf die Kirmes.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 5 Min. 27.08.2021
Fun um Glacis

Von Beruf Schaustellerin: „Man wird hineingeboren“

Marlene BREY
Marlene BREY
Zehn Monate im Jahr ist der Wohnwagen das Zuhause von Victoria Schneider. Sie ist Schaustellerin, genauso wie ihre Eltern und ihr Freund.

Viktoria Schneider, gemustertes Hemd und gemusterte Hose, goldene Ohrringe, die blonden Haare zum Dutt zurückgebunden, sitzt von elf bis 23 Uhr im Kassenhäuschen des Freifallturms mit dem Namen „Hangover“. Ihre Hände mit den rot lackierten Nägeln reißen routiniert die Fahrkarten ab, geben Wechselgeld zurück. 

Der Freifallturm „Hangover“ gehört den Eltern. Sie besitzen auch eine Achterbahn. Neupreis: drei Millionen Euro.
Der Freifallturm „Hangover“ gehört den Eltern. Sie besitzen auch eine Achterbahn. Neupreis: drei Millionen Euro.
Foto: Chris Karaba

Die Schaustellerin kommt schon ihr Leben lang zur „Kirmes“ am Glacis, wie sie sagt. Das Fahrgeschäft hinter ihrem Rücken gehört ihren Eltern. „Ja, was bin ich?“, fragt sie. „Juniorchefin“ kommt dann als Antwort. Solche Titel wie Geschäftsführer und Ähnliches gäbe es auf der Kirmes einfach nicht. Es gibt auch keine Lehre für die Schaustellerei. Es ist ein Leben, ein Beruf, in dem es kaum Quereinsteiger gibt. „Man wird hineingeboren“, sagt Victoria Schneider.

Im Internat für Schausteller

Als Kinder gingen sie und ihr jüngerer Bruder auf ein Internat nur für Schausteller. Es lag in Herford, im deutschen Nordrhein-Westfalen. Schon ihr Onkel ging dorthin. Im Alter von sechs Jahren folgten also Victoria und Ewald Schneider Junior. Das sei auch so eine Sache unter Schaustellern: Die Kinder tragen oft den Namen der Eltern und ein Junior dahinter. 


Lokales, Schueberfouer, Foto: Luxemburger Wort/Anouk Antony
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Seit dem vergangenen Samstag sind die sieben Tore der Coronakirmes für die Besucher offen. Schon gibt es erste zufriedene Gesichter.

Am Wochenende reisen die Kinder den Eltern hinterher, ab 14 Jahren auch alleine. Mal holt sie ein Fahrer ab, mal nehmen sie den Zug oder das Flugzeug. „Auf der Kirmes war es immer schön, denn wir durften ja alles umsonst fahren“, sagt sie. „Man musste sich vorstellen, sagen, wer die Eltern sind und dann hieß es: Darf ich mal fahren?“ 

Erstmal studieren

Sie wird älter und findet das Leben als Reisende noch immer schön. Auf den verschiedenen Jahrmärkten trifft sie ihre Freunde wieder. Denn die meisten sind wie sie: Schausteller. „Man sieht sich nur ein, zwei Mal im Jahr, weil ja alle unterwegs sind.“ Sie unterbricht, reißt zwei Tickets ab, reicht sie durch die Öffnung im Fenster. Den Schein, den sie dafür erhält, faltet sie, während sie auf weitere Münzen wartet. Egal, wie viele Besucher kommen, Victoria ist immer schneller als diese. 

Ihren Freund hat Victoria Schneider auf der Schueberfouer kennengelernt. Mittlerweile teilen die beiden eine Wohnung und einen Wohnwagen.
Ihren Freund hat Victoria Schneider auf der Schueberfouer kennengelernt. Mittlerweile teilen die beiden eine Wohnung und einen Wohnwagen.
Foto: Chris Karaba

War ihr von Anfang an klar, dass sie dieses Leben, den Betrieb ihrer Eltern weiterführen will? „Nein“, sagt sie. Mit 18 beginnt sie in München, Produktdesign zu studieren. „Dann war es im Prinzip wieder wie in der Schule: Ich habe studiert und bin am Wochenende zu meinen Eltern gefahren.“ 

Die geben in der Zwischenzeit ein zweites Fahrgeschäft in Auftrag: eine Achterbahn. Eine Handvoll Firmen bedient in Europa diesen Markt, erzählt sie: Reverchon war ein bekannter Hersteller von Achterbahnen aus Frankreich, eine Firma in Italien ist auf Autoscooter spezialisiert, ABC Rides aus der Schweiz produzieren unter anderem Wasserbahnen. Schneiders „Hangover“ wurde in Österreich von Fun Time gebaut. Das Vorgängermodell stammte aus München. 

Ein Fahrgast kauft drei Karten, Victoria greift zum Funkgerät und gibt durch, dass die Gondel noch nicht abheben soll. „Gleich geht es los! Es kommen noch drei Fahrgäste“, wiederholt eine Männerstimme, das dröhnende Echo hallt in der Popmusik wider. „Wir haben eine Hupe, die wir drücken, kurz bevor man losfahren will, damit die Mitarbeiter wissen, dass sie die Bügel schließen sollen“, erklärt Victoria ihre hellseherischen Fähigkeiten. Sie scheint für diesen Ort gemacht zu sein. Dennoch dauerte es, bis die Entscheidung für dieses Leben gefallen war. 

Im Wohnwagen zuhause 

Nach dem Bachelor macht sie auch den Master – zum Großteil online. Sie fährt die verschiedenen Volksfeste an und verkriecht sich zum Studieren im Wohnwagen. „Ich war häufiger im Geschäft als geplant und habe gemerkt: Da werde ich gebraucht.“ 


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Vor fünf Jahren steigt sie dann offiziell in den Familienbetrieb ein. In diesen Tagen trägt die 28-Jährige die Verantwortung für den „Hangover“ zusammen mit ihrem Bruder. Die Eltern bauen in München noch die Achterbahn ab und stoßen in ein paar Tagen dazu. Sechs weitere Mitarbeiter arbeiten für den Freifallturm. Gemeinsam vereinen sie alles, was ein Schaustellerbetrieb braucht. Es sind viele Berufe, ohne dass hier jeder die entsprechenden Titel tragen würde: Schlosser, Elektriker, Kraftfahrer. „Als Selbstständiger musst du alles können“, sagt Victoria Schneider. 

Vor allem muss man als Schausteller eines können: Immer auf dem Sprung sein. Auf die Kirmes folgen die Weihnachtsmärkte. Nur im Februar und März haben die Schausteller fast komplett frei. Dann kehrt Victoria Schneider in ihre Wohnung in München zurück. Unterwegs ist ihr Zuhause der Wohnwagen. 

Was hat sie alles dabei, damit sie sich auch zu Hause fühlt? „Die Frage ist eher, was habe ich nicht in meinem Wohnwagen“, sagt sie lachend. „Wahrscheinlich habe ich alles, was in Ihrer Wohnung steht, auch in meinem Wagen.“ Schließlich verbringt sie fast das ganze Jahr dort. 

Zum Stillstand gezwungen

Was bedeutet der Begriff Zuhause für sie? „Das ist eine schwierige Frage“, sagt Victoria Schneider. „Seit ich klein war, sind wir nach Düsseldorf zur Kirmes gefahren. Dorthin zu kommen, ist kein Nach-Hause-kommen, aber es ist doch vertraut. So ist das auch, wenn wir nach Luxemburg kommen. Hier fühle ich mich gut aufgehoben.“ 

Kann eine Schaustellerin lange an einem Ort bleiben oder zieht es sie immer weiter? „Es muss immer weitergehen. Ich glaube, für uns Schausteller war Corona auch deshalb ganz schlimm – dieses Gefühl dass es nicht raus geht.“


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Auch finanziell war die Pandemie eine Katastrophe. „Wir hatten letztes Jahr 100 Prozent Einbußen“, sagt sie. In der Not machte sie einen Imbisswagen auf. Die Eltern hat es noch härter getroffen, denn sie müssen noch die beiden Fahrgeschäfte abzahlen. Die Achterbahn hat drei Millionen gekostet. 

„Fun um Glacis“ ist die zweite Kirmes für die Familie in diesem Jahr. Wo es danach hingeht, wissen sie wegen Corona noch nicht. Zwei Veranstaltungen waren in Aussicht, aber sie wurden abgesagt. 

Schausteller lieben Schausteller

Victorias Freund betritt das Kassenhäuschen und nimmt sich eine Cola aus dem Kühlschrank. Auch er kommt aus einer Schaustellerfamilie. Zum ersten Mal getroffen haben die beiden einander hier in Luxemburg – da waren sie ein und zwei Jahre alt. Ihre Familien kennen sich seit Generationen. Geht es zur Schueberfouer wusste sie immer, hier sieht sie Philipp wieder. 


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Mittlerweile teilen sich die beiden einen Wohnwagen und eine Wohnung, fahren gemeinsam von Kirmes zu Kirmes. „Die meisten Schausteller sind mit einem Schausteller zusammen. Ein Außenstehender versteht diesen Lebensstil gar nicht“. Können die beiden sich vorstellen, jemals etwas anderes zu machen? Beide schütteln den Kopf. Corona hat ihnen gezeigt, wie sehr sie es lieben, unterwegs zu sein.

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