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"Vom Weltall aus sieht man keine Grenzen"
Wirtschaft 5 Min. 16.10.2019

"Vom Weltall aus sieht man keine Grenzen"

ESA-Direktor David Parker vor einer Orion-Raumkapsel mit dem ESA-Modul ESM.

"Vom Weltall aus sieht man keine Grenzen"

ESA-Direktor David Parker vor einer Orion-Raumkapsel mit dem ESA-Modul ESM.
Foto: Matic Zorman
Wirtschaft 5 Min. 16.10.2019

"Vom Weltall aus sieht man keine Grenzen"

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
David Parker, Direktor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, setzt auf internationale Zusammenarbeit.

David Parker ist Direktor für menschliche Raumfahrt und Roboter-Erforschung bei der Europäischen Weltraumagentur ESA. Sein Ziel: Eine permanente Mondstation, um zu lernen und bessere Technologien zu entwickeln. Erst danach kommt der Sprung zum Mars. Das „Luxemburger Wort“ traf den promovierten Raumfahrt-Ingenieur bei der „Space Resources Week“ in Kirchberg.

David Parker, ist bemannte Raumfahrt notwendig? Es wäre doch viel einfacher, die Erkundung des Weltraums mit Robotern zu betreiben?

Bei der bemannten Raumfahrt geht es fundamental um die Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein. Das heißt vor allem, sich dem Unbekannten zu stellen. Wenn wir Menschen aufhören, das Unbekannte zu erforschen, werden wir einen Rückschritt machen und wieder in Höhlen wohnen. Von einem praktischen Standpunkt aus gesehen sind Menschen weitaus fähiger und flexibler als jeder heutige Roboter. Bei der letzten Mondexpedition legten Astronauten mit ihrem Rover 30 Kilometer in drei Tagen zurück. Der Mars-Rover brauchte für die gleiche Distanz ein Jahr.

Der Mond ist ein Museum für die Geschichte des Sonnensystems, sagt ESA-Direktor David Parker.
Der Mond ist ein Museum für die Geschichte des Sonnensystems, sagt ESA-Direktor David Parker.
Foto: ESA

Bei der bemannten Raumfahrt geht es also auch darum, eine gute Geschichte erzählen zu können. Roboter haben keinen Entdeckerdrang.

Es gibt mehrere Gründe für die Weltraumforschung – wissenschaftlicher Entdeckerdrang ist einer davon. Die technologische Innovation der Erkundung ist vielleicht der wichtigste Treiber. Der Versuch, etwas zu tun und etwas zu erfinden, was es noch nie gab – das bringt Innovation. Ein weiterer Grund ist die internationale Zusammenarbeit – derzeit arbeitet einer der Astronauten meines Teams, Luca Parmitano, an Bord der Internationalen Weltraumstation zusammen mit Amerikanern, Japanern und Russen. Trotz geopolitischer Spannungen funktioniert die Kooperation prächtig – vom Weltall aus sieht man keine Grenzen. Ein weiterer Grund ist die Inspiration, die Begeisterung, die Weltraumforschung entfacht. Jeder Mensch spürt im Herzen, dass Weltraumforschung die Mühe wert ist. Wissen Sie, wie viel der europäische Steuerzahler dafür ausgibt?

Ich habe mich auf dieses Gespräch vorbereitet. Das Jahresbudget der ESA liegt bei sechs Milliarden Euro.

Das ist das Budget für das gesamte Weltraumprogramm. In die Erforschung werden 500 Millionen Euro pro Jahr investiert, etwa ein Euro pro Einwohner in Europa.

Warum will der Mensch wieder zum Mond fliegen?

Der Mond wird der nächste Ort sein, an dem wir leben und arbeiten werden. Der Mond ist ein Museum für die 4,5 Milliarden Jahre unseres Sonnensystems. Das Verständnis für unser Sonnensystem hilft bei dem Verständnis anderer Systeme. Der Physik-Nobelpreis ging dieses Jahr an drei Forscher für die Entdeckung eines Exoplaneten. Der Mond ist unser Hinterhof. Alles auf der Erde wurde umgewälzt, durch tektonische Verschiebungen, Erosion, Eruptionen. Der Mond hingegen ist tiefgefroren. Da ist die Geschichte des Sonnensystems eincodiert.

Die Mondstation muss die Astronauten vor der kosmischen Strahlung, großen Druckunterschieden und extremen Temperaturschwankungen schützen.
Die Mondstation muss die Astronauten vor der kosmischen Strahlung, großen Druckunterschieden und extremen Temperaturschwankungen schützen.
Foto: Matic Zorman

Wenn wir den Mond verstehen, kennen wir auch die Erdgeschichte?

So ist es. Wir erhalten zum Beispiel Antworten auf die Frage, wo das Wasser herkommt. Schon seit Jahren nehmen Wissenschaftler an, dass es vereistes Wasser auf dem Südpol des Mondes gibt. Es ist noch immer ein Rätsel, wie es dorthin gelangt ist.

Der Mond soll doch auch als erste Station auf dem Weg in die Tiefen des Sonnensystems dienen?

Der Mars ist sicherlich nach dem Mond die nächste Station. Der Mond ist unser Hinterhof, auf dem wir den Sprung zum Mars üben können.


NASA's Dawn spacecraft is pictured in this August 30, 2012 handout artist's rendition of its arrival at the giant asteroid Vesta on July 15, 2011. The spacecraft is scheduled to leave Vesta on September 4 PDT (September 5 EDT) to start its two-and-a-half-year journey to the dwarf planet Ceres. Dawn began its 3-billion-mile (5-billion kilometer) odyssey to explore the two most massive objects in the main asteroid belt in 2007.  REUTERS/NASA/JPL-Caltech/Handout    (UNITED STATES - Tags: SCIENCE TECHNOLOGY) THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS
Wer zuerst kommt
Ein Land, das sich früh im lukrativen Geschäft mit den Weltraumressourcen positioniert, kann zu einem wichtigen Player werden.

Wir Europäer übernehmen immer nur die Rolle des Juniorpartners, wenn es um die internationale Zusammenarbeit in der Erforschung des Weltalls geht. Warum gibt es keine europäische Marsexpedition?

Das ExoMars-Projekt, bei der Europa und Russland gemeinsam nach Spuren von Leben auf dem Roten Planeten suchen, ist die fortschrittlichste wissenschaftliche Erkundung, die es bislang gab. Unser Mars-Rover, der nach der Biochemikerin Rosalind Franklin benannt ist, der 2020 von der ESA im Rahmen dieses Projekts zum Mars geschickt werden soll, wird mittels Bohrungen Gesteinsproben zwei Meter unter der Marsoberfläche entnehmen. Das ist Wissenschaft auf Pionierniveau, die von Europa ausgeht. Richtig ist allerdings auch, dass wir nicht annähernd so viel in die Weltraumfahrt investieren wie die USA oder China. Wir investieren 500 Millionen Euro im Jahr, die NASA 200 Millionen Dollar pro Woche.

Ein Ziegelstein aus Mondstaub für den Bau einer Mondbasis.
Ein Ziegelstein aus Mondstaub für den Bau einer Mondbasis.
Foto: Matic Zorman

Weltraumforschung ist also vor allem eine Frage des Geldes?

Wir Europäer haben die intellektuellen Fähigkeiten, das Wissen, die Industrie. Mehr sollte möglich sein.

In wie vielen Jahren werden die ersten Astronauten den Mars erreichen?

Meiner Ansicht nach wird das im dritten Jahrzehnt sein, näher an 2040 als am Beginn des Jahrzehnts. Warum erst dann? Nun, auf dem Mond wird es noch viel zu lernen geben. Eine Rakete zu bauen, die bis zum Mars reicht, ist der einfachste Teil der Aufgabe. Die Landung auf dem Mars wird sehr kompliziert. Auch die Betreuung und Unterstützung der Astronauten für die sechs- bis neunmonatige Dauer des Flugs ist eine große Herausforderung. Die Astronauten heil wieder zur Erde zu bringen ist eine weitere Herausforderung.

Die Internationale Raumstation ISS soll voraussichtlich um 2030 eingemottet werden. Was plant die ESA nach der ISS?

Es wird voraussichtlich eine neue, wenn nicht sogar mehrere neue Weltraumstationen geben. Mit Sicherheit wird es eine chinesische Station geben, mit deren Bau schon begonnen wurde. Wir loten derzeit mit privaten europäischen Firmen die Möglichkeit einer kommerziellen Weltraumstation aus. Die ESA hat zu diesem Zweck die Entwicklung für ein Raumfahrzeug in Auftrag gegeben, das nach dem Start nicht im All verloren gehen soll: den „Space Rider“. Die europäischen Regierungen werden die Dienstleistungen dieser privaten Firmen kaufen.


25 September 2018, North Rhine-Westphalia, Cologne: Matthias Maurer, ESA astronaut, stands in a model of the Columbus module of the International Space Station ISS. Maurer has completed his basic training and receives his certificate. He was the second German after Alexander Gerst to join the team of Esa astronauts. Photo: Federico Gambarini/dpa (Photo by Federico Gambarini/picture alliance via Getty Images)
Matthias Maurer: „Luxemburg ist ein Vorreiter“
Der deutsche Astronaut Matthias Maurer spricht im Interview über die Ziele der Mondforschung und die Nutzung von Weltraumressourcen.

Was halten Sie von den Luxemburger Projekten im Bereich des Asteroiden-Bergbaus?

Luxemburg ist ein cleverer Investor im Weltall. Die gleiche Weitsicht, die vor dreißig Jahren zum Aufbau eines erfolgreichen Satellitengeschäfts führte, ist auch jetzt am Werk. Luxemburg hat sich mit den Weltraumressourcen ein neues Tätigkeitsfeld ausgesucht. Ein Land, das sich darin früh positioniert, kann zu einem ganz wichtigen Player werden.


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Im Zusammenhang mit der Initiative SpaceResources.lu wurde am Dienstag die Firma "Blue Horizon" vorgestellt, die ihren Sitz in Betzdorf hat und zum deutschen Raumfahrtkonzern OHB gehört.
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