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Vom Profilreifen bis zum Schutzglas
Wirtschaft 5 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Vom Profilreifen bis zum Schutzglas

Bei Luxpet in Niederkerschen werden Plastikverpackungen hergestellt.

Vom Profilreifen bis zum Schutzglas

Bei Luxpet in Niederkerschen werden Plastikverpackungen hergestellt.
Teddy Jaans
Wirtschaft 5 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Vom Profilreifen bis zum Schutzglas

Sie heißen Goodyear, Delphi, Avery Dennison oder Guardian Luxguard. Nicht jeder weiß mit ihren Namen gleich etwas anzufangen. Doch in der Geschäftswelt haben sie einen Ruf: Über dreißig Unternehmen aus den USA sind in Luxemburg präsent. Sie beschäftigen fast 9 000 Menschen.

Sie heißen Goodyear, Delphi, Avery Dennison oder Guardian Luxguard. Nicht jeder weiß mit ihren Namen gleich etwas anzufangen. Doch in der Geschäftswelt haben sie einen Ruf: Über dreißig Unternehmen aus den USA sind in Luxemburg präsent. Sie beschäftigen fast 9 000 Menschen. Ihre Produkte finden sich im ganzen Land – und weltweit.

Wer über den Kirchberg fährt, sieht Glasfassaden. Die wenigsten ahnen, dass es fast immer Glas des amerikanischen Flachglasherstellers Guardian ist.

Wer aus einer Wasserflasche aus Kunststoff trinkt, wird in 70 Prozent aller Fälle ein Produkt aus dem Hause Husky in der Hand halten. Das nordamerikanische Unternehmen ist seit 25 Jahren in Luxemburg präsent.

Wer ein kleines Post-it beschreibt, hat wahrscheinlich ein Produkt von Avery Dennison, das ihn an etwas erinnern soll. Mit solchen Artikeln hat es das Unternehmen aus Kalifornien auf den Platz der Fortune-500-Unternehmen in den USA geschafft. In Rodange beschichtet es seit Jahrzehnten Folien für Etiketten aller Art.

Allen Unternehmen ist eines gemein: Sie gehören zu jenen 31 Unternehmen aus den USA, die in Luxemburg präsent sind. Von A wie Airtech bis V wie Viking reicht die Liste. Sie beschäftigen rund 9 000 Menschen in Luxemburg. Damit sind sie ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor – und ein häufig nicht so wahrgenommener.

Zum einen liegt das an ihren Kunden, die häufig an allen Enden der Welt sitzen und bei denen es sich oft um Unternehmen handelt. Zum anderen daran, dass viele Unternehmen als luxemburgisch wahrgenommen werden. Goodyear gehört einfach zu Colmar-Berg.

Manche produzieren hier, andere forschen oder haben in Luxemburg ihr Service-Center eingerichtet. Wieder andere nutzen Luxemburg als europäische Zentrale. Die Vielsprachigkeit der Luxemburger erleichtert solche Entscheidungen ebenso wie die flexibel agierende Regierung.

Luxemburgs Wirtschaftsminister Jeannot Krecké wird nicht müde, die wichtige Aufbau-Rolle dieser Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg zu betonen. Und er lässt es sich nicht nehmen, gute Beziehungen durch Besuche zu pflegen – und für die Ansiedlung neuer Unternehmen zu werben. „Oft bin ich der erste Wirtschaftsminister, der zu einem Unternehmen geht“, lächelt er. Das kommt an.

Airtech beispielsweise ließ sich überzeugen. Seit 1991 ist der Vakuumspezialist in Europa mit einer Zentrale in Luxemburg vertreten. Er vertreibt Kits, die Vakuumfolien, Trennfolien, Saugvliese und Abreißgewebe, Dichtbänder, Klebebänder und Temperaturfühler beinhalten können, um die komplette Produktion von spezifischen Komponenten zu ermöglichen. 2007 erweiterte das Unternehmen seinen Sitz in Differdingen zum dritten Mal auf über 6 000 Quadratmeter. Heute werden die Airtech-Verbundmischungen sogar im Airbus A380 verbaut.

Reifen für fast jede Fahrzeugart

Goodyear dagegen ist mit seinem Technikzentrum in Colmar-Berg vielen ein Begriff. Luxemburg ist der Sitz der Reifenforschungs- und -entwicklungsabteilung für Europa und Asien. Dort entwickelt der zweitgrößte Reifenhersteller Europas Reifen für fast jede Fahrzeugart, die weltweit in über 180 Ländern verkauft werden. Dafür erhielt das Unternehmen vor zwei Jahren den Innovationspreis des Luxemburger Industrieverbandes Fédil.

Damit wurde 2004 auch schon Guardian Luxguard geehrt. Damals hatte der Flachglashersteller eine neue Windschutzscheibe auf den Markt gebracht, die nach Herstellerangaben über 30 Prozent der direkten Sonneneinstrahlung reflektiert. Dadurch heizt sich das Auto viel weniger auf. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Auburn Hills bei Detroit im US-Bundesstaat Michigan ist seit fast 30 Jahren in Luxemburg vertreten – mit Produktionen in Niederkerschen, Düdelingen und Grevenmacher und Hauptsitz in Niederkerschen.

Es stellt von Bilderrahmenglas bis hin zu aufwendig beschichtetem Glas eine große Bandbreite an Produkten her. Glas von Guardian ist im Europäischen Gerichtshof, der Handelskammer, dem Mudam oder der Philharmonie verbaut. Das Bekenntnis zu Luxemburg hat auch finanzielle Folgen: Seit der Eröffnung des Werkes Niederkerschen hat der Flachglashersteller rund eine halbe Milliarde Euro in die Weiterentwicklung seines Geschäfts in Luxemburg investiert. Dazu gehört neben der Schulung der rund 500 Mitarbeiter vor allem auch die Forschung.

"Unternehmensfreundliche Regierung"

Die spielt auch beim Automobilzulieferer Delphi eine entscheidende Rolle. Die ehemalige GM-Tochter ist seit 1971 in Luxemburg präsent. 2006 fiel die Entscheidung, das Forschungszentrum für Triebwerk-Systeme in Luxemburg anzusiedeln. Konzernleiter Rodney O´Neal betonte: „Das ist das erste Mal, dass Delphi einen seiner Geschäftsbereiche ins Ausland verlegt.“ Er begründete die Entscheidung unter anderem mit der „unternehmensfreundlichen Regierung, der wunderbaren Lebensqualität und den fachlich bestens ausgebildeten Arbeitern.“

Zwischenzeitlich kämpfte der Konzern in Detroit mit einem Gläubigerschutzverfahren und musste in Luxemburg Kurzarbeit anmelden. Weil das Unternehmen trotzdem an Luxemburg festhielt, wurde es vor zwei Jahren mit dem Luxembourg American Business Award geehrt.

Viele Luxemburger wissen gar nicht, dass das Mutterhaus von Dupont de Nemours in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware liegt. Der Chemie-Gigant, der in 70 Ländern präsent ist, stellt Spezialprodukte rund um Polyester und Polymere sowie Chemikalien, Filme und Folien her, die weltweit in der Industrie und in Verbrauchsgütern eingesetzt werden. In diesem Jahr erhielt es den Technologie-Innovationspreis des Wall Street Journal. In Luxemburg wurde das Unternehmen aus Contern schon vor fünf Jahren von der Fédil mit dem Umweltpreis ausgezeichnet.

Das 1802 gegründete Unternehmen ist in rund 80 Ländern weltweit präsent. Der DuPont-Standort Luxemburg stellt Polyesterfolien, Spinnvliese und technische Kunststoffe her. Er ist auch ein europäisches Geschäftszentrum von DuPont Teijin Films, DuPont Protection Technologies, DuPont Electronic Technologies und DuPont Chemical Solutions. Rund 1 200 Menschen mit zwanzig verschiedenen Nationalitäten arbeiten hier; insgesamt beschäftigt der Konzern 58 000 Mitarbeiter.

Froh über Kurzarbeit

Ähnlich wie viele andere Unternehmen auch litt es unter der Krise – und war froh über die Kurzarbeit. Luxemburgs Regierung wiederum braucht Unternehmen wie diese, um auch jenen Beschäftigung zu bieten, die in der Finanzindustrie nicht unterzubringen sind.

Aber seit die ersten US-Unternehmen nach dem Krieg nach Luxemburg kamen, hat sich viel geändert. Auf der einen Seite ist Asien attraktiver für die Produktion geworden. Auf der anderen Seite werben auch andere Länder intensiv um Investoren.

Deshalb setzt Luxemburg auf Forschung als wenig krisengefährdeten Bereich. So rief Wirtschaftsminister Krecké 2002 das Surfmat-Cluster ins Leben. Dabei sollen Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, die im Bereich Oberflächenbeschichtung tätig sind. 50 der 60 Surfmat-Mitglieder sind Unternehmen.

Darüber hinaus nimmt die Regierung Unternehmen mit auf Wirtschaftsmissionen, um Kontakte zu knüpfen und die Werbetrommel für den Standort Luxemburg zu rühren. Auf der diesjährigen Wirtschaftsmission nach Moskau trafen die Teilnehmer vor Ort auf Büros von Husky und Produktionsstätten von Guardian. Häufig rühren dann die US-Unternehmen auch die Trommel für das Großherzogtum. Das profitiert davon.

Denn Hand aufs Herz: Nicht nur viele Luxemburger wissen nicht, welche Unternehmen aus den USA hier sind. Viele Amerikaner wissen auch nicht, wo Luxemburg überhaupt liegt. Und was man dort alles herstellen und erfinden kann.