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Verschwendung von Lebensmitteln : Auf den Teller statt in die Tonne
Tag für Tag werden in Europa Lebensmittel verschwendet, die eigentlich verzehrt werden könnten. Frankreich
 setzte kürzlich ein Zeichen und verbietet dem Handel per Gesetz, Esswaren wegzuwerfen.

Verschwendung von Lebensmitteln : Auf den Teller statt in die Tonne

Foto: Shutterstock
Tag für Tag werden in Europa Lebensmittel verschwendet, die eigentlich verzehrt werden könnten. Frankreich
 setzte kürzlich ein Zeichen und verbietet dem Handel per Gesetz, Esswaren wegzuwerfen.
Wirtschaft 4 Min. 24.12.2015

Verschwendung von Lebensmitteln : Auf den Teller statt in die Tonne

Die französische Regierung hat der Lebensmittelverschwendung mit einem neuen Gesetz den Kampf angesagt. Für Supermärkte gelten künftig strenge Regeln, dabei werden auch in den Haushalten Lebensmittel unnötig entsorgt. Wie ist die Lage in Luxemburg?

Von Andreas Adam 

Französische Supermärkte dürfen unverkaufte Lebensmittel nicht mehr einfach wegwerfen. Die französische Nationalversammlung verabschiedete Ende Mai eine Regelung, wonach diese Waren künftig gespendet, kompostiert oder als Tierfutter verwendet werden müssen. Große Lebensmittelmärkte sollen Abkommen mit Hilfsorganisationen vereinbaren. Regierung und Parlament wollen so die Verschwendung von Lebensmitteln bekämpfen. Pro Kopf werden in Frankreich jährlich 20 bis 30 Kilo weggeworfen. Der französische Einzelhandelsverband FCD kritisierte das Gesetz in einer Mitteilung. Das aktuelle System für Lebensmittelspenden funktioniere bereits gut, und die großen Lebensmittelhändler stünden dabei mit 31 Prozent Spendenanteil an der Spitze.

Wie steht es nun um die Verschwendung von Lebensmitteln in Luxemburg? Die letzte Hausmüllanalyse der Umweltverwaltung aus dem Jahr 2013/2014 zeigte, was allein in der schwarzen Tonne von Privatpersonen entsorgt wurde: vier Kilo Lebensmittel pro Einwohner und Jahr; zehn Prozent davon waren original verpackt, und das Mindesthaltbarkeitsdatum war nicht abgelaufen. 25 Prozent waren originalverpackt, wobei jedoch das Mindestdatum abgelaufen war. Zu den vier Kilo kamen 15 Kilo nicht konsumierte Speisereste hinzu, was insgesamt 20 Kilo pro Einwohner pro Jahr an vermeidbaren Lebensmittelabfällen entspricht.

Müll oder Nahrungsmittel?

Was den luxemburgischen Handel betrifft, so werden unverkaufte, für die Entsorgung vorgesehene Waren, laut Umweltverwaltung als Müll betrachtet. Der Behörde zufolge ist die Abfallwirtschaft in Luxemburg durch das Gesetz vom 21. März 2012 geregelt. „Ein Verbot wie in Frankreich gibt es in Luxemburg noch nicht“, so Serge Less, Ingenieur bei der Umweltverwaltung. Man habe Anfang 2015 eine Studie in Auftrag gegeben, um zu dokumentieren, welche Initiativen es in Luxemburg zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung gibt und um zu quantifizieren, was an Lebensmittelabfällen anfällt.

Falls unverkaufte Lebensmittel des Handels nicht entsorgt, sondern an Hilfsorganisationen weitergegeben werden sollen, gelten hingegen andere Regeln. Dann ist das Gesundheitsministerium zuständig, wie Patrick Hau von der Behörde für Lebensmittelsicherheit bestätigte. Es gebe in Luxemburg für Lebensmittel das Verfallsdatum und das Mindesthaltbarkeitsdatum. Ist das Verfallsdatum z .B. bei filet américain abgelaufen, dürfe das Produkt gar nicht mehr verwendet werden und falle unter die Abfallgesetzgebung. Beim sogenannten Mindesthaltbarkeitsdatum bestehe auch nach Ablauf kein Verbot, die Waren abzugeben, solange man sich überzeugt, dass sie nicht verdorben sind und den Verbrauchern nicht der normale Preis abverlangt wird. 

Lebensmittelhandel hält sich zum Teil bedeckt

Nachfragen des Luxemburger Wort bei den meisten der in Luxemburg präsenten Handelsketten, was mit unverkauften Lebensmitteln geschieht, wurden nicht in allen Fällen beantwortet. 

Der luxemburgische Handel arbeitet bereits mit Hilfsorganisationen 
zusammen, wie hier bei Cactus in Niederkerschen.
Der luxemburgische Handel arbeitet bereits mit Hilfsorganisationen 
zusammen, wie hier bei Cactus in Niederkerschen.
Foto: Lex Kleren

Das Unternehmen Cactus teilte mit, dass man schon seit Jahren mit Hilfseinrichtungen wie den Epiceries sociales oder Cent Buttek zusammenarbeite, die nicht verkaufte, essbare Waren noch vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums abholen. Verderbliche Waren würden hingegen in Biogasanlagen verwertet. Der erste Ansatzpunkt bestehe bei Cactus immer darin, die Warenwirtschaft so zu organisieren, dass keine überschüssigen Waren anfallen.

Bei Lidl Luxemburg ist man dabei, ein Pilotprojekt zu entwickeln, um über das Warenwirtschaftssystem schnellstmöglich karitative Organisationen zu informieren, falls überschüssige Waren vorhanden sind.

Aldi Luxemburg erklärte, nur solche Produkte zu entsorgen, die per Gesetz nicht mehr in den Verkehr gebracht werden dürften. Obst und Gemüse würden nur dann entsorgt, wenn sie nicht mehr für den Konsum oder für Spenden geeignet seien. Durch ein effizientes Logistiksystem komme es praktisch nicht zu Warenüberschüssen. Was an Müll anfalle, werde verwendet, um grüne Energie zu erzeugen.

Die meisten Lebensmittelhändler kooperieren

Weitere Nachfragen bei den Epiceries sociales, Cent Buttek und bei der Stëmm vun der Strooss ergaben, dass noch weitere Handelsketten mit Hilfsorganisationen kooperieren. Manche wollen ihre Namen offenbar nur nicht publik machen, sondern einfach mit einer Hilfsorganisation zusammenarbeiten. Das bestätigte auch Fabien Schmit von der Spëndchen asbl. gegenüber dem Luxemburger Wort. „Spëndchen“ besorgt für Caritas und Rotes Kreuz die Belieferung der Epiceries sociales. Diese kooperieren neben Cactus auch z. B. mit Monoprix, Carrefour und Delhaize.

Die Stëmm vun der Strooss bekommt laut Alexandra Oxacelay Waren von Auchan.

Cent Buttek arbeitet u. a. mit Cora, Colruyt und Alima zusammen. Wie Albert Zeimet (Cent Buttek) dem Luxemburger Wort sagte, verhandele man auch mit Lidl und Delhaize über eine Kooperation.

Unterschiedliche Ansichten über Mindesthaltbarkeitsdatum

Wenn Hilfsorganisationen Waren von Supermärkten übernehmen, müssen sie laut Patrick Hau ebenso wie der Handel die einschlägigen Vorschriften für die Lebensmittelsicherheit beachten, z. B. dass die Kühlkette aufrechterhalten wird. Aus diesen Gründen haben sich die genannten Hilfsorganisationen mit entsprechenden Fahrzeugen und Geräten ausgerüstet. Obschon es nicht per se gegen das Gesetz verstößt, Waren nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums abzugeben, wird dies weder bei den Epiceries sociales noch bei Cent Buttek oder der Stëmm vun der Strooss praktiziert. Fragt man nach den Gründen, wird der Respekt vor der Würde der Kunden genannt, aber auch die Sorge, bei gesundheitlichen Folgen haftbar gemacht zu werden.

Diese Bedenken werden vor allem im Ausland längst nicht immer geteilt. So gibt es beispielsweise in Großbritannien das Unternehmen „Approved Food“, das sehr gut an Lebensmitteln verdient, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum bereits hinter sich haben. „Ich mache ein Vermögen mit abgelaufenen Lebensmitteln“, wird Unternehmenschef Dan Cluderay in der britschen Presse zitiert. Den Erfolg erklärt er sich mit der wachsenden Erkenntnis seiner Kunden, viel Geld sparen und gleichzeitig unnötige Lebensmittelabfälle vermeiden zu können.

Sollte dies berechtigt sein, könnten die Gesetzgeber möglicherweise schon durch Vorschriften über eine unmissverständlichere Kennzeichnung der tatsächlichen Haltbarkeit und die Aufklärung der Verbraucher dazu beitragen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Dieser Artikel wurde zuerst im Juni 2015 veröffentlicht.


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