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„Unsere Werte hochhalten“
Wirtschaft 1 4 Min. 09.03.2018

„Unsere Werte hochhalten“

Wirtschaft 1 4 Min. 09.03.2018

„Unsere Werte hochhalten“

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Generationswechsel im Familienbetrieb: Bei Grosbusch in Ellingen übernehmen Lynn und Goy nächstes Jahr das Ruder. Beide arbeiten seit fünf Jahren im Familienunternehmen.

Man muss Lynn Grosbusch nur ein paar Minuten lang erleben, um zu spüren: Die Unternehmerin freut sich auf ihr neues Projekt. Die Idee: Kinder spielerisch an Obst und Gemüse heranführen. Mit dem seit Februar laufenden Sensibilisierungsprogramm will sie Kinder für gesunde Ernährung begeistern, die Vielfalt an Obst- und Gemüsesorten auf spielerische Weise näherbringen.

Bei der Firma Grosbusch steht ein Generationswechsel an: André und René (l. und r) ziehen sich zurück; Goy und Lynn übernehmen.
Bei der Firma Grosbusch steht ein Generationswechsel an: André und René (l. und r) ziehen sich zurück; Goy und Lynn übernehmen.
Foto: Anouk Antony

„Denn oft wissen die Kinder gar nicht, wo Obst und Gemüse eigentlich herkommen.“ Im Rahmen von zweistündigen Besichtigungen in der Firma haben die Kinder die Möglichkeit, an theoretischen, praktischen und spielerischen Aktivitäten teilzunehmen. Sie können den Obstgarten neben dem Lager besichtigen oder den Bereich der urbanen Landwirtschaft mit seinen Kräutern und Salaten. Teilnehmen können Schüler aus dem dritten und vierten Zyklus der Grundschule. Die Firma verfügt über ein Auditorium für 50 Kinder. Das Projekt liegt der jungen Unternehmerin am Herzen. „Wir freuen uns, dass es nun richtig los geht!“

Lynn arbeitet seit fünf Jahren im Familienbetrieb. Dass sie einmal das Unternehmen ihres Vaters übernehmen würde, war aber alles andere als vorgezeichnet. Die Firma sei für sie nie eine „echte Karriereoption“ gewesen. „Ich lebte vor fünf Jahren in der Schweiz und war bereits in der Branche tätig. Ich habe mich dann später entschlossen nach Luxemburg zurück zu kommen um im Familienbetrieb einzusteigen.“

Mehrere Jahre Vorbereitung

Lynn durchläuft im Jahr 2012 ein Integrationsprogramm, das auf zwei Jahre ausgelegt ist, arbeitet sich durch sämtliche Abteilungen, begleitet die Lastwagenfahrer auf ihrer Nachtschicht, bereitet die Bestellungen vor, arbeitet in der Einkaufsabteilung. „Wer als ,Kind von‘ im elterlichen Betrieb anfängt, muss sich vor der Belegschaft beweisen – egal ob Sohn oder Tochter. Ich habe mich nicht gescheut, die Arbeit an der Front zu machen“, sagt die Jungunternehmerin stolz. Nach fünf Jahren „Probezeit“ wird Lynn nun Anfang nächsten Jahres die operative Führung im Betrieb übernehmen – Vater René und Onkel André ziehen sich zurück. Die 33-Jährige tritt in die Geschäftsführung ein – „eine sogenannte Frontfrau will ich aber nicht sein“, stellt die zweifache Mutter klar.

Der Bruder dagegen tickt etwas anders. Goy, der zwei Jahre jünger ist als die Schwester, arbeitet ebenfalls im elterlichen Betrieb und wird nächstes Jahr der Mann an der Spitze sein. „Ich bin in der Familie sozusagen der Einzige, der die Rolle unseres Vaters als ,patron-gérant‘ übernehmen wollte.“ Seit Monaten arbeitet er an der Seite des Patriarchen und bereitet sich darauf vor, die Verantwortung zu übernehmen. 

Dennoch wurde auch der Junior nicht als „sicherer Nachfolger“ geboren. Ins gemachte Nest wollte sich der heute 31-Jährige nicht setzen. Er absolviert deshalb ein Studium in Webdesign und Informatik in München und macht in Barcelona seinen Bachelor in Business-Management. Währenddessen arbeitet er immer wieder im elterlichen Betrieb, macht seine praktischen Ausbildungen traditionsgemäß in der Branche „Obst und Gemüse“. „Ich habe Melonen im Gers gepflückt, Erdbeeren und Himbeeren in Kalifornien, ich arbeitete zwischendurch auf dem Morgenmarkt von Marseille oder bei einem Kollegen in Aix-en-Provence. „Eigentlich meine Welt“, stellt Goy fest. Und so zieht es ihn zurück zu seinen Wurzeln. 2012 fängt er im elterlichen Betrieb an. 

Familiencharta

Damit Jung und Alt die Zeit des Übergangs gut meistern, brauchte es klare Absprachen. Die Planung der Nachfolge wurde familienintern in einer sogenannten Charta aufgestellt. Dabei konnten sich die potenziellen Nachfolger über ihre Wünsche und Vorstellungen aussprechen. Die Charta hilft auch, so Goy, Struktur in die Übergabe zu bekommen. Außerdem wurde bei einzelnen Fragestellungen Hilfe von außen geholt. „Es ist enorm hilfreich, jemanden dabeizuhaben, der die Perspektive von außen mitbringt und neutral sein kann“, meint Goy Grosbusch, der nun Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernimmt. Die Aufgabe ist gewaltig, das Familienunternehmen beschäftigt 240  Mitarbeiter. Für Goy eine Herausforderung, der er sich entschlossen stellt. 


Coiffure Ferber, Sohn und Tochter übernehmen Familienbetrieb. Foto:Gerry Huberty
„Das schönste Geschenk der Welt“
Friseur Jean-Marie Ferber muss sich nicht um eine Nachfolge sorgen – dank seiner Kinder. Laura und Lionel wollen das Familienunternehmen weiterführen.

Doch wie kommen Chefs und Nachfolger in der Übergangsphase zurecht? Heißt es plötzlich Alt gegen Jung? Probleme in der Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn gab es bisher – bis auf eine Ausnahme – nicht. Goy hat dafür auch eine Erklärung. „Unser Vater überrascht uns jeden Tag mit neuen Ideen. Wir haben in unseren Wertvorstellungen null Differenzen, das ist das allerwichtigste.

Ob jung oder alt, wir sind offen für neue Ideen und Innovationen.“ Bei aller Harmonie war da jedoch diese eine Situation, die Goy sehr gefordert hat. „Als ich anfangs mit der Idee eines Rebranding in das Unternehmen ,Marcel Grosbusch&Fils‘ kam, dachten alle ich sei verrückt, dass das uns nicht weiterbringen würde. Ich schob die Idee beiseite. Ich versuchte es nochmals, doch wieder das gleiche Ergebnis.

Erst beim dritten Mal sollte es klappen und ich konnte den Prozess endlich in die Wege leiten. Heute haben wir eine neue Marke ,Grosbusch Fruits&Vegetables‘, mit der wir auf dem internationalen Markt auftreten, sowie unsere eigene Marke ,Grosbusch‘, durch die wir einen Kontakt mit dem Endkonsumenten haben, den wir früher so nicht hatten“, erläutert Goy. 

Erfolgskonzept weiterführen

Goy bringt frischen Wind in den Betrieb und möchte das Erfolgskonzept der Firma weiterführen und weiterentwickeln. Seine Vision für die Zukunft des Unternehmens: die großen Exportmärkte außerhalb von Europa erschließen, die Präsenz in der Großregion ausbauen und die neuen Aktivitäten voranbringen wie etwa „Fruit@Office“ oder die „fraîche découpe“.

Auch bei „Grosbusch Kids“ und „Grosbusch Academy“, die im Aufgabenbereich der Schwester liegen, sollen die Werte bewahrt werden, die der Vater immer stets hochgehalten hat. „Unser Vater steht uns mit Rat und Tat zur Seite, und wird uns mit seiner Erfahrung weiterhin unterstützen“, sagt der Junior. Denn ganz wird sich der mittlerweile 64-jährige Vater, René Grosbusch, nicht zurückziehen. Er bleibt im Vorstand des Unternehmens.