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„Unser Logistiksektor wächst“
Wirtschaft 6 Min. 01.02.2019 Aus unserem online-Archiv

„Unser Logistiksektor wächst“

Malik Zeniti leitet das "Cluster for Logistics", das dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert.

„Unser Logistiksektor wächst“

Malik Zeniti leitet das "Cluster for Logistics", das dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert.
Foto: Guy Wolff
Wirtschaft 6 Min. 01.02.2019 Aus unserem online-Archiv

„Unser Logistiksektor wächst“

Marco MENG
Marco MENG
Malik Zeniti, Chef des „Cluster for Logistics“, sieht neue Nischen für die heimische Branche

Luxemburgs Logistikbranche wird kommende Woche wieder auf der „Fruit Logistica“ in Berlin vertreten sein, sagt Malik Zeniti, Chef des „Cluster for Logistics“. Mitten in der Weltfinanzkrise wurde das Cluster gegründet, um einen Sektor zu fördern, der mit etwa 800 Firmen und 13 000 Mitarbeitern 7,4 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Großherzogtums beiträgt.

Malik Zeniti, warum ist die Teilnahme an der Fruit Logistica wichtig?

Wir waren letztes Jahr zum ersten Mal dort mit einem Luxemburger Pavillon und werden auch dieses Jahr auf der Messe sein, die vom 6. bis 8. Februar läuft, um Luxemburg den Besuchern aus Peru, aus Argentinien, aus Asien, Australien zu präsentieren... Jeder trifft sich in Berlin nächste Woche.

Der vom Wirtschaftsministerium und der Handelskammer organisierte Pavillon „Fresh HUB Luxembourg“ versammelt Unternehmen, die sich in der gesamten Lieferkette ergänzen: Obst und Gemüse von Grosbusch, Tyvek Cargo Covers von DuPont, die Transportleistungen von Arthur Welter, das Handling von LuxairCargo, das Luftfrachtnetzwerk von Cargolux sowie das Netzwerk des Cluster for Logistics.

Warum sehen Sie insbesondere bei den verderblichen Waren, den sogenannten „Perishables“, zusätzliches Entwicklungspotenzial?

Frischwaren können aus der ganzen Welt nach Luxemburg kommen, und von hier aus schnell verteilt werden, denn wir haben einen der schnellsten Flughäfen in Europa, was bei Frischwaren sehr wichtig ist. Und auch Waren von Luxemburg können in die ganze Welt gehen.

Wir haben einen der schnellsten Flughäfen in Europas

Provencale hat damit vor ein paar Jahren angefangen, indem sie frische Produkte kombiniert nach Ghana oder nach Aserbaidschan schicken. Warum geht das? Weil wir das große Streckennetz der Cargolux haben. Wir glauben, mit China kann man ebenfalls da einiges aufbauen, denn mit der dort wachsenden Mittelschicht entsteht ein Markt für Frischeprodukte aus Europa und anderswoher.

Mit der Zeit werden auch chinesische Frischeprodukte nach Europa kommen, sofern sie höherwertig und zertifiziert sind. Ich schätze, das in den 2020er Jahre China auch Nahrungsmittel für Europa produziert.

Frischelogistik stellt ganz eigene Anforderungen. Kann Luxemburg die erfüllen?

Ja. Die ganze Kühlkette, die für diese Art von Logistik nötig ist, haben wir in Luxemburg, für Produkte, die von hier aus in die Welt gehen oder die von außerhalb hier reinkommen. 2012/13 hat Luxair gegen den Trend investiert und am Findel ein Pharmahub aufgebaut.

Pharmaprodukte müssen ununterbrochen bei einer bestimmten Temperatur gelagert werden, und Luxemburg war einer der ersten Flughäfen mit einem entsprechenden Kühllager. Dabei wurde viel Erfahrung gewonnen, die der Logistik mit verderblichen Waren zugute kommt. Ob man es gerne hat oder nicht, im Supermarkt bekommt man im ganzen Jahr Blaubeeren, die meist aus Lateinamerika kommen.

Der Transport mit dem Flugzeug lohnt sich aber nur bei Produkten, die auch höherwertig sind. Ähnlich mit Spargel, den es hier regional nur während zwei Monaten gibt. Peru kann Spargel zehn Monate im Jahr liefern. Das ist der Markt, den wir sehen: „Premium Perishables“, Produkte also, die hochwertig sind, die vielleicht auch vorbereitet sind. Dafür gibt es außer unserem keinen anderen Flughafen in Europa, wo solche Produkte innerhalb von zwei Stunden aus dem Flugzeug und auf der Straße und dabei ununterbrochen in der Kühlkette sind.

Welche Strategien sehen Sie abgesehen von Perishables noch für den Logistikstandort Luxemburg?

Wir haben ein gutes Jahr 2018 hinter uns, der Flughafen spielt für uns eine große Rolle mit seinen fast 6 000 Mitarbeitern. Seine Sonderrolle hat er auch, weil es letztes Jahr einen über 30prozentigen Zuwachs bei Pharmaprodukten gab. Pharma ist also eine großer Erfolg, mit dem wir viele andere Flughäfen überholt haben.

Das war das letzte Produkt, bei dem sich die Akteure rund um den Flughafen zusammengetan haben, um das Produkt gemeinsam zu vermarkten.


Erstmals wurde in Luxemburg ein elektronischer Frachtbrief signiert.
Luxemburg lanciert elektronischen Frachtbrief
Der neue elektronische Frachtbrief ersetzt nicht nur Dokumente aus Papier, sondern erleichtert und beschleunigt vor allem die Abwicklung der Beförderungen, weil diese digital stattfindet.

Heute werden über 70 000 Tonnen hochpreisige und hochwertige Produkte über den Flughafen importiert und exportiert. Derzeit merken wir ja, dass es global gesehen wirtschaftlich langsamer geht, und die Idee ist, Produkte zu haben, die nachgefragt werden, wenn es mal ruhiger ist. In einer Rezession zum Beispiel werden mehr Pharmaprodukte nachgefragt. Solche Nischen suchen wir zu besetzen, damit man ein stabileres Geschäft hat und auch in einer Krise genug zu tun ist.

Welche Herausforderungen gilt es da zu meistern?

Zum Beispiel E-Commerce. Er ist der Treiber für vieles, und wir müssen uns jetzt damit beschäftigen, dass da Verbesserungen erreicht werden wie zum Beispiel, dass Produkte zusammen auf einer Palette statt einzeln verschickt werden. E-Commerce hat die Kunden auch etwas verwöhnt, denn sie sind dadurch gewöhnt, genau zu wissen, wann etwas geliefert wird.

Kühne und Nagel in Contern mit inzwischen rund 700 Mitarbeitern konnte in diesem Bereich „3rd part logisctics“ sehr stark wachsen, also Logistik für jemand anderen betreiben. Viele Produkte davon berühren nicht einmal Luxemburg, es geht um das reine Logistikmanagement.

Da Luxemburg in Sachen Informationstechnologie mit seinen Datacenter gut aufgestellt ist, könnte hier Luxemburg eine Rolle spielen bei der Digitalisierung der logistischen Abläufe. Die Logistik der Zukunft wird sich viel mit Daten beschäftigen, auch weil die einzelnen Transport- und Lagerwesen, Zug, Schiff, Straße, Luft, mehr ineinander übergreifen.

Da der Sektor wächst, werden auch Mitarbeiter gesucht?

Ja, darum bietet die Uni jetzt auch einen „Master of Supply Chain“ an und wir haben wir die Möglichkeit einer dualen Ausbildung zum Logistiktechniker geschaffen, die mit drei Tagen in der Firma und zwei Tage in der Schule Theorie und Praxis miteinander verknüpft.

Die ersten 15 Logistiktechniker werden dieses Jahr ihren Abschluss machen. Und am 11. April veranstalten Mitgliedsunternehmen von uns den „Tag der Logistik“, die interessierten Besuchern die Türen öffnen. Die Anforderungen in der Logistik sind gestiegen, man muss mehr gelernt haben, muss digital-affin sein. Der Sektor wächst, auch die Qualität. Wir bekommen auch Zuwachs durch Startups, die neue Ideen und Konzepte in den Sektor bringen.

Die ersten 15 Logistiktechniker werden dieses Jahr ihren Abschluss machen.

Wie ist es mit dem Brexit?

Das ist natürlich schon länger bei uns ein Thema, auch die neuen Handelsbarrieren, die in den USA aufgebaut werden. Viele hoffen, dass der Brexit verschoben wird, aber so oder so wird auch Luxemburg betroffen sein, zum Beispiel weil unser Flughafen ein wichtiger Flughafen für die englische Industrie ist: wir sind der fünfgrößte Partner Englands bei der Luftfracht.


Einweihung Verbindungsbrücke Eurohub-Multimodal. Foto:Gerry Huberty
Eurohub Sud kommt in Form
Die Firmen WDP und Arthur Welter planen neue Bauvorhaben in der Logistik. Wirtschaftsminister Etienne Schneider nutzte diese Ankündigungen und die Einweihung des neuen Viaduktes am Donnerstag für eine Bilanz.

Die meisten Firmen haben ihre eigenen Strategien gefunden, nun müssen wir sehen, ob es einen harten Brexit gibt oder nicht.

Gibt es Ideen hinsichtlich der CO2-Problematik?

Die „Lean and Green“-Initiative zertifiziert Unternehmen, die ihren CO2-Ausstoß reduzieren. Wie können wir mit weniger CO2-Ausstoß transportieren, diese Frage wird eines der wichtigen Themen der Zukunft sein. Bauwirtschaft, produzierende Betriebe, Energieerzeuger wurden ja schon „an die Kandare“ genommen.

Der Gütertransport über die Schiene ist beispielsweise deutlich energiesparsamer als der über die Straße, aber die einzelnen Bahngesellschaften in Europa müssen sich auch zusammenraufen, um den Transport zuverlässiger zu machen.

In Bettemburg haben wir einen ganz modernen Multimodal-Hub, von wo aus es gute internationale Schienenverbindungen gibt. Letztes Jahr fuhren 3 000 Züge zwischen China und Duisburg, in den kommenden Jahren werden es 5 000 sein.

Jeder würde sich über eine zuverlässige und regelmäßige Zugverbindung nach China freuen, das wäre nämlich eine sehr gute Ergänzung zur bestehenden Luftbrücke dorthin. Viele Unternehmen würden sich freuen, statt sechs Wochen mit dem Schiff die Waren in zwei Wochen mit dem Zug transportieren zu können. Luxemburgs Wirtschaft, auch kleinere Betriebe, könnten dadurch mehr Export betreiben.


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27.9. Flughafen Findel / Cargocenter / Pres neue Boeing Panalpina Foto: Guy Jallay
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