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Tarifstreit auf dem Bau: Beredtes Schweigen
Wirtschaft 5 Min. 27.02.2018

Tarifstreit auf dem Bau: Beredtes Schweigen

Niemand da: Viele Baustellen in Luxemburg wurden am Dienstag aufgrund der Minustemperaturen stillgelegt.

Tarifstreit auf dem Bau: Beredtes Schweigen

Niemand da: Viele Baustellen in Luxemburg wurden am Dienstag aufgrund der Minustemperaturen stillgelegt.
Foto: Pierre Matgé
Wirtschaft 5 Min. 27.02.2018

Tarifstreit auf dem Bau: Beredtes Schweigen

Mara BILO
Mara BILO
Stillstand beim Tarifkonflikt im Bausektor: Der Dialog zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgebern über die Neuverhandlung eines Tarifvertrags steckt weiterhin in einer Sackgasse. Aber: Der Wunsch nach weiteren Gesprächen ist auf beiden Seiten vorhanden.

Seit mehreren Monaten herrscht der Konflikt zwischen OGBL und LCGB auf einer Seite und den Arbeitgebern auf der anderen. Der Grund: Die Gewerkschaften fordern eine „reelle“ Erhöhung der Gehälter. OGBL und LCGB hatten vor wenigen Tagen ihre Forderung während einer Pressekonferenz erneut unterstrichen.

Nun hat die Arbeitgeberseite ihrerseits reagiert – und das verärgert. „Es ist bei uns nicht üblich, die Fortschritte von Verhandlungen im Rahmen einer Pressekonferenz zu besprechen“, erklärt Pol Faber, Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes (Groupement des Entrepreneurs), „wir wurden aber durch die Aussagen der Gewerkschaften dazu gezwungen.“ Solche Verhandlungsmethoden seien nicht seriös, stellt der Generalsekretär fest.

Die Einführung eines Zwölf-Stunden-Tags war nie und ist auch heute noch keine Forderung der Arbeitgeber.

Faber bestreitet insbesondere den Vorwurf der Gewerkschaften, die Verhandlungen abgebrochen zu haben. „Die Arbeitgeberseite hat den Verhandlungstisch nicht verlassen und setzt weiterhin auf Dialog mit den Vertragspartnern“, heißt es. Das letzte Zusammentreffen zwischen den beiden Parteien, bereits die vierte Verhandlungsrunde, fand Ende 2017 statt. „Wir haben während dieses Treffens klare Vorschläge gemacht, vor allem im Zusammenhang mit den von den Gewerkschaften gewünschten Lohnerhöhungen“, sagt Faber.

„Wir haben eine lineare Erhöhung der Tarife über drei Jahre um insgesamt 2,1 Prozent, 0,7 Prozent pro Jahr, sowie eine Prämie von 100 Euro pro Jahr für die 18 000 vom Kollektivvertrag betroffenen Beschäftigten angeboten.“ Diese Prämie von insgesamt 300 Euro würde die Arbeitgeber mit zusätzlich 5,4 Millionen Euro belasten. Die Gewerkschaften fordern ihrerseits insgesamt 4,5 Prozent mehr Geld – also für die Jahre 2016 bis 2019 jeweils 1,5 Prozent pro Jahr und eine Prämie.

Lohnerhöhung nicht rückläufig

Der von den Gewerkschaften geforderte Zeitrahmen führt zu einem weiteren Streitpunkt, denn: Die Gewerkschaften werfen den Arbeitgebern vor, dass sie „mit dem Faktor Zeit spielen“, wie es Jean-Luc De Matteis, Gewerkschaftssekretär des OGBL, ausdrückt: „Sie versuchen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen.“ Der Grund dafür sei, dass die Arbeitgeberseite somit die Lohnerhöhungen in die Zukunft verschieben könnte. Das bestreitet Faber: „Es lag in unserem Interesse, die Verhandlungen Ende 2017, vor dem Anfang des Wahljahres, abzuschließen“, betont der Generalsekretär, „allerdings kann eine Lohnerhöhung nicht rückläufig wirksam sein. Das hat es bis jetzt im Zuge von Vermittlungsverfahren noch nicht gegeben.“

Auch die Forderung der Gewerkschaften, die Lohnerhöhung nicht an die bereits im Kollektivvertrag vorhandene Lohntabelle zu koppeln, lehnt Faber ab. „Die Tarifverhandlungen haben sich immer auf die Tariflöhne bezogen. Unserer Meinung nach empfiehlt es sich, die Geschäftsführung der jeweiligen Unternehmen selbst entscheiden zu lassen, ob sie die Löhne der Beschäftigten, deren Gehalt sich nicht an die Lohntabelle hält, erhöhen möchten oder nicht.“

Das Problem ist allerdings, dass 70 Prozent der Beschäftigten im Bausektor nicht dem Kollektivvertrag entsprechend bezahlt werden; sie würden also nicht von der 0,7-prozentigen Lohnerhöhung profitieren. „Wir sind davon überzeugt, dass viele der Arbeitgeber sich dafür entscheiden werden, die Gehälter der nicht an den Kollektivvertrag gebundenen Mitarbeiter zu erhöhen, da durch die 0,7-prozentige Erhöhung der Tariflohn dem effektiven Lohn vieler Beschäftigen nahe kommen würde.“ Und: Für alle anderen gibt es sowieso die angebotene Zusatzprämie, sagt der Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes.

Flexibilisierung der Arbeitszeiten

Auch die Aussagen der Gewerkschaften in Bezug auf die Flexibilisierung der Arbeitszeiten bestreitet die Arbeitgeberseite. „Die Einführung eines Zwölf-Stunden-Tags war nie und ist auch heute noch keine Forderung der Arbeitgeber“, heißt es beim Arbeitgeberverband. Aber eine gewisse Flexibilisierung ist schon gewünscht, stellt Faber klar: „In einer Umfrage über die Zufriedenheit am Arbeitsplatz hat sich herausgestellt, dass junge Arbeitnehmer sich eine neue Arbeitsorganisation wünschen; Mitarbeiter, die etwas älter sind, allerdings nicht.“

Die Tarifverhandlungen haben sich immer auf die Tariflöhne bezogen.

Im Endeffekt geht es nur um eine Arbeitsstunde mehr, darauf weist Faber hin. „Bei günstigen Wetterbedingungen soll eine Stunde am Tag mehr gearbeitet werden können.“ De Matteis sagt allerdings, dass „in den vorigen Verhandlungen, auf die wir uns auch bezogen haben, es um zwölf Stunden pro Tag und bis zu 54 Stunden die Woche ging.“ Verbunden mit diesem Vorschlag war auch, die Arbeitszeit auf Jahresbasis zu berechnen, so De Matteis. Faber wollte sich seinerseits nicht auf eine Referenzperiode festlegen: „Das muss noch verhandelt werden.“

Seit der Stellungnahme der Arbeitgeberseite ist es noch zu keinem Kontakt zwischen den beiden Parteien gekommen; einen neuen Verhandlungstermin gibt es derzeit auch nicht. „Wir wünschen uns aber einen offenen und konstruktiven Dialog“, sagt Faber. Ähnlich drückt sich der Gewerkschaftssekretär des OGBL aus: „Wir sind für neue Verhandlungsgespräche bereit.“ Auch wenn die Parteien auf ihren Positionen beharren, ist der Wille nach Gesprächen auf beiden Seiten erkennbar. Denn: Ob die 0,7-prozentige Lohnerhöhung das endgültige Angebot der Arbeitgeberseite ist, konnte Faber nicht bestätigen. „Bei einer Verhandlung geht es um gegenseitiges Geben und Nehmen, also ist nichts auszuschließen. Es liegt jetzt aber an den Gewerkschaften, mit uns erneut in Kontakt zu treten.“


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