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Stahl wird grün
Leitartikel Wirtschaft 2 Min. 25.03.2019

Stahl wird grün

Detail eines Hochofens in Belval.

Stahl wird grün

Detail eines Hochofens in Belval.
Foto: Claude Piscitelli
Leitartikel Wirtschaft 2 Min. 25.03.2019

Stahl wird grün

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Das Thomas-Verfahren ermöglichte den Aufstieg der Luxemburger Stahlindustrie. Kommt jetzt Thomas 2.0?

In den Luxemburger Geschichtsbüchern wird das Jahr 1879 kaum erwähnt, obwohl es vielleicht das wichtigste Jahr überhaupt ist, ohne das alles was folgte – Arbed, Europa-Hauptstadt, Finanzplatz – gar nicht möglich gewesen wäre.

Im Jahr 1879, am 2. April, ließ der englische Metallurg Sidney Thomas sein Verfahren zur Erzeugung von Eisen und Stahl aus phosphorreichem Eisenerz patentieren. Der Weitsicht von Norbert Metz, dem Besitzer der Eicher Hütte, ist es zu verdanken, dass er die Bedeutung des Thomasverfahrens erkannte und unverzüglich seinen Sohn Émile sowie Laborchef Jean Meyer nach London entsandte, um eine Lizenz für das Patent zu erwerben. Das geschah am 20. April 1879. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis in Düdelingen der erste Thomasstahl aus dem Hochofen floss. Der Weg zur Massenproduktion war frei. In Luxemburg konnte endlich aus qualitativ minderwertiger Minette hochwertiger Stahl erzeugt werden.

Innovation ist praktische Anwendung

Die Entdeckung von Sidney Thomas veränderte nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirtschaft. Die bei der Stahlherstellung anfallende Thomasschlacke wurde zu einem phosphatreichen Düngemittel verarbeitet, das die kargen Böden des Öslings fruchtbar machte. Dank eines Patents im fernen London stieg der landwirtschaftliche Ertrag in Luxemburg zwischen 1880 bis 1914 um 60 Prozent.

Die Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht, sie bewegt sich aber in ähnlichen Mustern. Das Potenzial einer Erfindung wird am Anfang meist nur von wenigen erkannt, noch seltener entsteht daraus ein erfolgreiches Produkt. Innovation ist nichts anderes als eine Idee, die in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt wird. Die Konsequenzen einer technischen Innovation, etwa auf gesellschaftlicher Ebene, zeigen sich erst viel später.

Thomas 2.0?

Gut möglich, dass auch jetzt eine Veränderung wie zu Zeiten von Sidney Thomas ansteht, bezeichnenderweise wieder bei der Stahlherstellung, und obendrein noch beim Klimaschutz. Der luxemburgische Anlagenbauer Paul Wurth hat früh die Zeichen der Zeit erkannt und seine Strategie auf „grünen Stahl“ ausgerichtet.

Weltweit ist die Stahlindustrie für sieben Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Angesichts der Pariser Klimaschutzziele steht die Branche stark unter Druck, sich zu einer emissionsfreien Industrie zu entwickeln. Mittels einer Beteiligung an dem Dresdner Cleantech-Unternehmen Sunfire will Paul Wurth ein Verfahren zur Marktreife bringen, das bei der Roheisenherstellung mit Hilfe von Wasserstoff den fossilen Kohlenstoff ersetzt. Bei dieser sogenannten Direktreduktion entsteht am Ende Wasser statt klimaschädliches CO2. Wasserstoff statt Kohle? Das wäre die neue industrielle Revolution.

Damit Innovationen zur Triebfeder für wirtschaftliches Wachstum werden können, muss die Zeit dafür reif sein. Vor allem muss das Umfeld stimmen. Die Regierung hat mit ihrer „Rifkin-Strategie“, die auf ein Wachstum setzen, das Ressourcen schont und die Lebensqualität verbessert, den Nährboden geschaffen, auf dem neue Ideen gedeihen können. Paul Wurth zeigt, wie man sie in die Tat umsetzt.


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