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Der Sozialstaat verhindert das Schlimmste
Wirtschaft 2 Min. 15.10.2021
Einkommensungleichheiten

Der Sozialstaat verhindert das Schlimmste

Jérôme Hury (l.) und Serge Allegrezza stellen die Studie „Rapport travail et cohésion sociale“ vor.
Einkommensungleichheiten

Der Sozialstaat verhindert das Schlimmste

Jérôme Hury (l.) und Serge Allegrezza stellen die Studie „Rapport travail et cohésion sociale“ vor.
Foto: Steve Eastwood
Wirtschaft 2 Min. 15.10.2021
Einkommensungleichheiten

Der Sozialstaat verhindert das Schlimmste

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Entgegen der Erwartungen hat die Corona-Krise nicht zu einem Anstieg der Einkommensungleichheit in Luxemburg im Jahr 2020 geführt.

Lockdown-Maßnahmen, weniger Umsatz, geschlossene Geschäfte und mehrere Tausend Menschen in Kurzarbeit – die Corona-Pandemie hat einiges auf den Kopf gestellt. Doch entgegen dem was man bisher vermutet hat, hat die Corona-Krise nicht zu einem Anstieg der Einkommensungleichheit in Luxemburg im Jahr 2020 geführt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des nationalen Statistikamts.

Im Jahr 2020 lebten schätzungsweise 102.925 Menschen unterhalb der Einkommensarmutsgrenze. Die Armutsgefährdungsquote lag damit bei 17,2 Prozent. Gegenüber 2018 und 2019 haben sich diese Zahlen nicht wesentlich geändert, sagt Statec-Direktor Serge Allegrezza bei der Vorstellung der Studie „Rapport travail et cohésion sociale“. 

Dass sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht verschärft hat, sei aber keine Selbstverständlichkeit. Blickt man in die Geschichte zurück, so stellt man fest, dass die großen Seuchen des Mittelalters zu einem Rückgang der Ungleichheiten geführt haben. Bei weniger starken Pandemien wie etwa der spanischen Grippe am Anfang des 20. Jahrhunderts konnten die Statistiker feststellen, dass sich die Ungleichheiten stark verschärft haben.


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Aber die Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht immer. „Wir sehen, dass der Sozialstaat in dieser Krise sowohl die Unternehmen als auch die Haushalte massiv unterstützt hat, und dass das Kurzarbeitergeld und die staatlichen Hilfen die Einkommensverluste in der Pandemie weitgehend ausgeglichen haben“, so Allegrezza. Dadurch seien die Einkommensungleichheiten hierzulande stabil geblieben. Es sei nicht zu der befürchteten Katastrophe gekommen und auch nicht zu einer Armutsexplosion. „Das ist eine positive Nachricht, denn sie zeigt, dass die Hilfe-Maßnahmen effektiv gewirkt haben.“

Dennoch sei es für eine „Entwarnung“ zu früh: Schaut man sich andere Indikatoren an, zum Beispiel die „EU2020-Armutsgefährdungsquote“, dann sieht es weniger rosig aus. „Diese Quote berücksichtigt beispielsweise den Anteil der Haushalte mit geringer Arbeitsintensität und den Anteil der Personen, die unter erheblicher materieller Deprivation leiden. Hier sieht man, dass der Armutsindikator bei rund 21 Prozent liegt“, sagt Jérôme Hury, zuständig für den Statistikbereich „Soziales“ beim Statec. Ein anderes Bild ergibt sich ebenfalls, wenn man Vermögen- und Konsumelemente berücksichtigt. „Hier sinkt die Armutsquote auf 5,6 Prozent.“

Das Problem Wohnkosten

Wenig Grund zur Freude gibt es auch, wenn man die sogenannte gefühlte Wahrheit der Haushalte betrachtet. So geht aus einer Statec-Umfrage hervor, dass 78,9 Prozent der luxemburgischen Haushalte die finanzielle Belastung durch Wohnkosten als „ein Problem“ empfinden. „Dieser Anteil bleibt auf einem hohen Niveau und ist sogar gegenüber 2019 gestiegen“, sagt Hury.

Hinzu kommt: Im Jahr 2020 gaben 26,5 Prozent der Haushalte an, dass sie Schwierigkeiten haben, finanziell über die Runden zu kommen. „Das ist ein Anstieg um fast zwei Prozentpunkte im Vergleich zu 2019.“


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Dabei gibt es zwischen den verschiedenen Kategorien von Haushalten erhebliche Unterschiede. Alleinerziehende Familien sind am stärksten von finanziellen Schwierigkeiten betroffen, dieser Anteil ist im Jahr 2020 sogar gestiegen: 58,7 Prozent hatten Schwierigkeiten über die Runden zu kommen, gegenüber 55,7 Prozent im Jahr 2019.

Auch bei Haushalten mit zwei Erwachsenen verbessere sich die finanzielle Lage nicht: „19,3 Prozent berichten von Schwierigkeiten“, so Hury. Noch schwieriger wird es, wenn Kinder vorhanden sind: 28,1 Prozent der Haushalte, die aus zwei Erwachsenen und einem Kind bestehen, und 31,8 Prozent der Haushalte mit zwei oder mehr Kindern haben Schwierigkeiten, ihre Lebenshaltungskosten zu decken. 

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