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Schwimmbäder in Luxemburg: Wenn jeder Besucher Geld kostet
42 Millionen Euro kostete das im Januar diesen Jahres eröffnete Aquasud in Oberkorn. 27 Millionen werden von Differdingen getragen. Prognosen zufolge wird das Schwimmbad die Stadt pro Jahr 1,250 Millionen Euro kosten.

Schwimmbäder in Luxemburg: Wenn jeder Besucher Geld kostet

Archivfoto: Claude Piscitelli
42 Millionen Euro kostete das im Januar diesen Jahres eröffnete Aquasud in Oberkorn. 27 Millionen werden von Differdingen getragen. Prognosen zufolge wird das Schwimmbad die Stadt pro Jahr 1,250 Millionen Euro kosten.
Wirtschaft 5 Min. 11.07.2014

Schwimmbäder in Luxemburg: Wenn jeder Besucher Geld kostet

Öffentliche Schwimmbäder findet man hierzulande in Hülle und Fülle. Das "Luxemburger Wort" wollte wissen, aus welchen Gründen sich die Gemeinden millionenteure Bäder leisten und ob es sich rechnet, ein Schwimmbad zu betreiben.

Von Björn Gutheil

Das Erlebnisbad „Les Thermes“ in Strassen-Bartringen wirft keinen Gewinn für die beiden Gemeinden ab. Ganz im Gegenteil: „Jeder Nutzer des Bades kostet die beiden Gemeinden jeweils etwa 2,50 Euro“, erläutert der Bürgermeister der Gemeinde Strassen und Präsident des Syndikats „Les Thermes“, Gaston Greiveldinger. Ob er den Bau aufgrund des Minusgeschäftes bereue? „Nein, auf keinen Fall“, ist die klare Antwort des Präsidenten. „Es ist ein Angebot an die Bürger“, sagt er und weiß, dass sich das Bad, das in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen feiert, wohl nie rechnen wird: „Bei Null werden wir wahrscheinlich nie ankommen“, bekennt er.

„Wir wollten Attraktion bieten“

Anfang der 2000er-Jahre habe es Überlegungen der beiden Gemeinden gegeben, ein Schwimmbad zu bauen. „Wir wollten etwas außergewöhnliches errichten, eine Attraktion bieten und uns nicht mit einem quadratischen Becken begnügen“, erinnert sich Greiveldinger. Die „Attraktion“ hat ihren Preis. 35 Millionen Euro kostete das Erlebnisbad. Strassen und Bartringen teilten sich die Baukosten. Auch die laufenden Betriebskosten und die Abschreibungskosten werden von den beiden Gemeinden gemeinsam getragen. 1,35 Millionen Euro berappt jede Gemeinde pro Jahr für das Bad, in dem es sieben Becken, zwei Rutschen und einen großen Wellnessbereich mit Saunen und Dampfbädern gibt.

Über mangelnden Besucherzuspruch kann sich das „Les Thermes“ nicht beschweren. Seit der Eröffnung im Februar 2009 haben etwa 1,6 Millionen Menschen das Bad besucht. Die einfache Rechnung „Je mehr Besucher, desto mehr Gewinn“, gehe beim Schwimmbad aber nicht auf, erläutert der Bürgermeister. Jeder Besucher bedeute, etwa durch zusätzlichen Wasserverbrauch beim Duschen, auch zusätzliche Kosten. An der Preisschraube für die Eintrittskarten lässt sich hingegen drehen, um mehr Geld einzunehmen. Davon wolle man aber in keinem großen Umfang Gebrauch machen, versichert Greiveldinger und spricht von einer „geringen“ Preiserhöhung in naher Zukunft. „Ich glaube, es gibt kein Schwimmbad in Luxemburg, das Gewinn abwirft“, lautet Greiveldingers pessimistische Einschätzung.

Für das im Januar diesen Jahres eröffnete „Aquasud“ in Oberkorn trifft die Einschätzung Greiveldingers zu. „Ein Hallenbad in schwarze Zahlen zu kriegen, ist eigentlich nicht machbar“, spricht Henri Krecké, Gemeindesekretär in Differdingen, offen aus. Überraschend kommen die roten Zahlen, die das Aquasud schreibt, für die Verantwortlichen nicht: „Das Wirtschaftlichkeitskonzept sieht natürlich ein Betriebsdefizit vor“, erläutert Krecké. Eine erste Bilanz wird Mitte Juli gezogen. 42 Millionen Euro kostete das Schwimmbad, das neben einem Schwimmbereich auch Fitness und Wellness sowie einen Spabereich und eine Lounge-Bar bietet. 27 der 42 Millionen Euro werden von Differdingen getragen. Der Rest kommt vom Sportministerium. Prognosen zufolge werde das Aquasud die Stadt Differdingen pro Jahr 1,250 Millionen Euro kosten. Zur Motivation ein derart teures Projekt zu stemmen, erläutert Gemeindesekretär Krecké: „Wir wollten eine moderne, neue Bäderlandschaft mit einem Wellnessbereich errichten. Außerdem wollten wir einen Synergieeffekt zwischen dem neuen und dem bereits bestehenden Freibad erzielen.“ Die Besucher können zu Fuß vom Aquasud zum Freibad laufen.

Mit dem Besucherzuspruch im ersten halben Jahr ist Krecké „zufrieden“, wie er sagt. 63 000 Eintritte habe man bis jetzt gezählt. Hier sind auch die Besucher des Freibads mit eingerechnet. Betrieben wird das Aquasud von privater Hand, es handelt sich also um ein „Public-Private-Partnership“ (PPP), einer Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und einem privaten Unternehmen. Eine Stadtverwaltung habe andere Aufgaben als ein Schwimmbad zu betreiben, findet Krecké und empfiehlt auch anderen Gemeinden ein PPP einzugehen: „Der Betreiber hat das Know-How.“

72 000 Eintritte in Remich

Auch in Remich ist das Schwimmbad ein Minusgeschäft. „Das Schwimmbad trägt sich nicht über die Eintrittskarten“, macht Remichs Bürgermeister, Henri Kox, unmissverständlich deutlich. Im letzten Jahr habe das in den 70er-Jahren eröffnete Freibad, dessen Unterhaltskosten von der Gemeinde Remich getragen werden, 72 000 Eintritte verzeichnet. Hierdurch seien fast die laufenden Kosten getragen worden. Aber eben nur fast. Dennoch: „Das Schwimmbad gehört zum Stadtbild von Remich“, stellt Kox klar. Und das Stadtbild wird erweitert: Wie der Bürgermeister mitteilt, ist geplant ein Hallenbad zu bauen und zwar im Gemeindeverbund mit Nachbargemeinden. „Was fehlt ist ein Platz für den Schwimmunterricht für die Schüler“, erläutert Kox den Grund für den geplanten Neubau. Schulklassen sollen in dem 25 Meter langen Becken hauptsächlich ihre Bahnen ziehen. Im Gegensatz zu Schwimmbädern mit Wellnessbereich sieht Kox ein Defizit im Schulschwimmen im Kanton Remich. „Im sportlichen Bereich muss eine Grundausstattung zur Verfügung gestellt werden. Gemeinsam mit anderen Gemeinden sollen Synergien geschaffen geschaffen werden. Das ist die Zukunft“, betont der Bürgermeister.

Auch beim nationalen Sport- und Kulturzentrum d'Coque in Kirchberg weiß man um die Schwierigkeiten, ein Schwimmbad in schwarze Zahlen zu bringen: „Ein Schwimmbad kostendeckend zu unterhalten ist sehr schwierig“, sagt der stellvertretende Direktor, Christian Jung. Jedoch dürfe man den öffentlichen Auftrag eines Schwimmbades und speziell den der Coque hinsichtlich ihrer Bestimmung für den Sport nicht vergessen, betont Jung. Um eine positive Jahresbilanz zu erreichen, seien andere Einnahmequellen „ein Muss“. Bei der Coque gehört hierzu etwa die Vermietung von Konferenzsälen, ein Gastronomie-Bereich, ein Hotel aber auch eine Kletterwand. Und es scheint zu funktionieren: „Es gelingt uns, kostendeckend zu arbeiten“, versichert Jung.

Frank Leuschen von MC Luxembourg, ein Beratungsunternehmen im öffentlichen Sektor welches Gemeinden bei Investitionsprojekten wie etwa Bädern berät, macht darauf aufmerksam, dass Schwimmbäder „zu den kostenintensivsten Infrastrukturen auf Gemeindeebene“ gehören, vor allem was die „Folgekosten“ angehe. Bei einigen Projekten im Land wäre es – angesichts der hohen jährlichen Defizite – sicherlich sinnvoll gewesen, sagt Leuschen, „man hätte sich im Vorfeld stärker mit dem Thema einer bedarfsorientierten und funktionalen Planung auseinandergesetzt und maximale Investitionssummen sowie Betriebskosten definiert.“ In Anbetracht weiterer Kosten für bestehende Bäder, hofft Leuschen, dass die Gemeindeverantwortlichen „im Interesse einer nachhaltigen Haushaltspolitik verstärkt auf interkommunale Synergien und regionale Zusammenarbeit setzen.“

Sehen Sie hier eine interaktive Karte mit Schwimmbädern im Großherzogtum. Für weitere Informationen klicken Sie einfach auf die Ziffern. Übrigens: Die ältesten Schwimmbäder in Luxemburg sind (nach Informationen des Sportministeriums): Das Hallenbad in der Rue des Bains in Luxemburg-Stadt, welches 1913 eröffnet wurde und das 1936 eröffnete Freibad Differdange Oberkorn.



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