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Roaminggebühren: Totgesagte leben länger
Wirtschaft 5 Min. 16.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Roaminggebühren: Totgesagte leben länger

Das Smartphone ist immer dabei, doch viele Kunden scheuen hohe Roamingkosten.

Roaminggebühren: Totgesagte leben länger

Das Smartphone ist immer dabei, doch viele Kunden scheuen hohe Roamingkosten.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 5 Min. 16.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Roaminggebühren: Totgesagte leben länger

Die EU-Kommission brachte die Neuregelung auf den Weg. Das EU-Parlament stimmte zu. Die Roaminggebühren für Mobiltelefone sollten endgültig abgeschafft werden. Daraus wird wohl nichts werden. Der EU-Ministerrat hat seine eigenen Vorstellungen.

(aa) - Die EU-Kommission brachte die Neuregelung auf den Weg. Das EU-Parlament stimmte zu. Die Roaminggebühren sollten endgültig abgeschafft werden und die jährlichen Preissenkungen zur Ferienzeit mit einem Paukenschlag zu Ende gehen. Daraus wird wohl nichts werden. Der EU-Ministerrat befasst sich derzeit mit der geplanten Neuregelung und hat seine eigenen Vorstellungen. Kunden profitieren dennoch von der Diskussion, denn die Mobilfunkanbieter drängen mit immer neuen Europatarifen auf den Markt.

Nachdem die Roaminggebühren im Juli 2014 letztmals per EU-Verordnung gesenkt worden waren, sollten diese nach dem Willen der vorigen EU-Kommission in diesem Jahr ganz abgeschafft werden und zwar zum 15. Dezember 2015. Die Abgeordneten des europäischen Parlaments stimmten dem in erster Lesung zu. Seitdem liegt das Dossier beim  Ministerrat. Eine Entscheidung und ein schneller Beschluss sind nicht abzusehen. Die Verbraucher müssen weiter warten. Es gebe noch keinen Termin für die Abschaffung der Gebühren, sagte Ende November der deutsche Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig nach Beratungen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel. Wichtig sei, dass es nicht zu Marktverzerrungen komme. Genau das befürchtet die Telekom-Regulierungsbehörde Berec. Eine Abschaffung der Gebühren sei zurzeit „weder machbar noch praktisch umzusetzen“, hieß es in einem Mitte Dezember veröffentlichten Papier. Die Handytarife, Reise- und Konsummuster der EU-Bürger seien einfach zu unterschiedlich.

Neuer Vorschlag
 der lettischen Ratspräsidentschaft

Inzwischen hat Lettland die Ratspräsidentschaft der EU von Italien übernommen. Auf Anfrage des „Luxemburger Wort“ beim Generalsekretariat des Ministerrats hieß es, dass die Roadmap der lettischen Präsidentschaft es vorsehe, weiter nach einer gemeinsamen Position im Ministerrat zu suchen. Demnächst soll ein neuer Vorschlag zur Diskussion gestellt werden, der den Bedenken u. a. der Berec Rechnung trägt.

In dem Vorschlag der lettischen Ratspräsidentschaft wird voraussichtlich von einer  „basic roaming allowance“ und von Roamingaufpreisen die Rede sein. Verbraucher würden dieser Idee zufolge bis zu einer gewissen Grenze tatsächlich keine Roaminggebühren mehr zahlen. Darüber hinaus würden jedoch wieder Roaminggebühren von bis zu fünf Cent pro Minute oder Megabyte bzw. von bis zu zwei Cent pro SMS fällig. Demnach ist die ursprünglich geplante völlige Abschaffung der Roaminggebühren vorerst vom Tisch. In den ersten sechs Monaten will man sich im Ministerrat auf eine gemeinsame Position einigen, um danach in Verhandlungen mit dem EU-Parlament zutreten. Wie auch immer sich Kommission, Parlament und Ministerrat irgendwann einig werden – allein die Initiative zur Abschaffung der Roaminggebühren hat den Mobilfunkmarkt kräftig in Wallung gebracht.

Mobilfunkanbieter 
zünden Tariffeuerwerk

Während vor allem jene Mobilfunkanbieter mit eigener Netzinfrastruktur die erzwungene Senkung und den geplanten Wegfall der Roaminggebühren stets heftig kritisierten, hat sich offenbar ein gewisser Sinneswandel vollzogen, der sich in den Tarifen niederschlägt. Es werden neue Pakete für Anrufe, SMS und Daten geschnürt, welche die Nutzung im Ausland ausdrücklich einschließen. Den Anfang machten ausländische Anbieter, indem sie ihren Kunden gegen einen geringen Aufpreis erlaubten, die nationalen Flatrates auch im europäischen Ausland aufzubrauchen.

Doch auch die luxemburgischen Anbieter sind inzwischen mit Europatarifen* am Markt präsent. Diese sind allerdings kaum miteinander zu vergleichen, weil jeder Anbieter andere Schwerpunkte setzt und weil die Angebote laufend angepasst werden. Einige preschen vor, andere ziehen nach. Die Kunden profitieren von diesem Wettbewerb.

Join ist der jüngste Anbieter auf dem luxemburgischen Markt und hat bereits seit rund einem Jahr europäische Tarife im Angebot. Das enthaltene Telefonvolumen und die SMS können dabei vollständig in Europa genutzt werden. Beim Datenpaket wird differenziert. Das enthaltene Europavolumen ist in der Regel kleiner bemessen als das für Luxemburg. 
Join argumentiert, dass dies dem Nutzungsverhalten der meisten Kunden entspricht, die das mobile Internet meistens im Inland nutzten. Der Tarif XL addict z. B. ist bei Join regulär für rund 55 Euro erhältlich. Er bietet 400 Minuten und 600 SMS in Europa sowie 3 GB Daten in Luxemburg. 1 GB davon kann in Europa verbraucht werden. Wer mehr Volumen braucht, kann dies individuell hinzubuchen.

Bei Orange gibt es seit der zweiten Jahreshälfte 2014 ebenfalls Europatarife wie z. B. den Hello Europe Intense. Für bislang 55 Euro bekommt man 480 Einheiten für Telefonate und SMS sowie ein Gigabyte Daten, die in ganz Europa genutzt werden können. Im Februar wird der Tarif angepasst. Kunden zahlen dann nur noch 35 Euro und erhalten statt 480 künftig 1000 Einheiten.

Kurz vor der angekündigten Preissenkung bei Orange brachte der Konkurrent Tango seinen neuen Tarif „FreeBorders“ auf den Markt. Tango hatte 2014 als einziger luxemburgischer Anbieter keine Europatarife zum monatlichen Festpreis im Angebot und setzte stattdessen auf eine 
nutzungsabhängige Abrechnung. Auch bei dem nun vorgestellten „FreeBorders“ geht Tango wieder eigene Wege. Für 35 Euro bekommt man 1000 Einheiten für Gespräche und SMS sowie ein Gigabyte Daten. Allerdings kann das Inklusivvolumen nur in Luxemburg, Belgien, Frankreich und Deutschland aufgebraucht werden. Im übrigen Europa greift wieder die nutzungsbedingte Abrechnung von zusätzlich drei Euro pro Tag. Tango argumentiert, dass „FreeBorders“ dem Nutzungsverhalten der meisten Luxemburger und Grenzgänger entgegenkomme, die sich meist in diesen vier Ländern aufhielten.

Die Post hatte erst im vergangenen Herbst ihre Smartphonetarife komplett neu gestaltet. Bei Scoubido handelt es sich um ein Baukastensystem, das auch Roamingkomponenten umfasst. Wer sich einen Europatarif mit Inklusivvolumen zusammenstellt, muss mindestens Scoubido L bzw. XL wählen. Für 70 Euro bekommt man eine dreifach Flatrate mit allen Anrufen, SMS und Daten innerhalb Luxemburgs sowie 360 Einheiten für Anrufe und SMS sowie 250 Megabyte Daten in Europa.

* Wer sich für eines der genannten Angebote oder einen anderen Europatarif entscheidet, sollte ggf. berücksichtigen, dass nicht alle Anbieter mit „Europa“ dasselbe meinen. Andorra, Schweiz, und manche Balkanländer sind z.B. nicht bei allen Anbietern in den Europatarifen eingeschlossen.


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