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Roaming wird zur Gewohnheit
Wirtschaft 4 Min. 15.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Roaming wird zur Gewohnheit

Vor einem Jahr traten in der EU neue Regeln in Kraft, nach denen die Roaming-Gebühren bei der Handynutzung entfallen.

Roaming wird zur Gewohnheit

Vor einem Jahr traten in der EU neue Regeln in Kraft, nach denen die Roaming-Gebühren bei der Handynutzung entfallen.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 4 Min. 15.06.2018 Aus unserem online-Archiv

Roaming wird zur Gewohnheit

Fürs Telefonieren und Texten im EU-Ausland fallen seit einem Jahr keine Extragebühren mehr an. Ist das wirklich eine Erfolgsgeschichte? Und wo lauern für die Verbraucher noch Kostenfallen?

(dpa/aa) - Bis vor einem Jahr konnte die Nutzung des eigenen Handys im Ausland mächtig ins Geld gehen. Wer bei der Familie zu Hause anrufen oder den Freunden ein Foto vom Strand schicken wollte, musste tief in die Tasche greifen. Andere ließen ihr Telefon gleich in der selbigen stecken und sparten sich die Kommunikation.

Spätestens seit dem 15. Juni 2017 ist Schluss damit. Damals traten in der EU neue Regeln in Kraft, nach denen die Roaming-Gebühren bei der Handynutzung für Mobilfunkteilnehmer entfallen. Wie fällt nach einem Jahr die erste Bilanz aus? Die Verbraucher haben sich anscheinend ziemlich schnell an das günstige Telefonieren im Ausland gewöhnt.

Beim luxemburgischen Anbieter Tango etwa sind seit dem Wegfall der Roaming-Gebühren die Datennutzung, die verbrauchten Telefonminuten und die Zahl der verschickten SMS im EU-Ausland deutlich gestiegen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. So hätten Kurznachrichten im zweiten Halbjahr 2017 immerhin um 50 Prozent, Telefongespräche um 58 Prozent, zugelegt. Die Datennutzung im Ausland vervierfachte sich sogar gegenüber dem ersten Halbjahr 2017.

Tango wies allerdings darauf hin, dass es schon vor dem 15. Juni Tarifpakete gegeben habe, die Minuten, SMS und Daten im Ausland beinhalteten, sodass sich der Effekt einer intensiveren Mobilfunknutzung im Ausland auch schon vorher bemerkbar gemacht habe.

Das Ziel der EU-Kommission in Brüssel scheint sich jedenfalls zu erfüllen. Der Weg dorthin war allerdings lang und verworren. Schon vor elf Jahren, im Juli 2007, trat in der EU der sogenannte Eurotarif in Kraft. Ausgehende Anrufe durften maximal 49 Cent pro Minute kosten, eingehende Anrufe höchstens 24 Cent. Von da an ging es nach und nach bergab: 2009 etwa lagen die Höchstkosten bei 43 Cent beziehungsweise 19 Cent pro Minute.

Es folgten weitere, niedrigere Obergrenzen, bis das Roaming schließlich komplett abgeschafft werden sollte – zumindest fast. Denn einen Vorschlag der EU-Kommission, wonach Anbieter das kostenfreie Roaming im EU-Ausland auf 90 Tage befristen könnten, wurde 2016 auf Anordnung des Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker wieder kassiert. 90 Tage waren ihm nicht genug.

Im September 2016 legte die Kommission dann mit einem neuen Vorschlag nach, im April 2017 stimmten Europaparlament und EU-Staaten dem endgültigen Vorschlag zu. Und seit Mitte Juni 2017 fallen die Extrakosten schließlich ganz weg.

Datennutzung im europäischen Ausland legt enorm zu

Die EU-Kommission feiert das als großen Erfolg – und als Beweis für lebensnahe Entscheidungen aus Brüssel. Als ähnlicher Verkaufsschlager gilt in der EU höchstens noch das Studentenaustauschprogramm Erasmus. „Die Ergebnisse des ersten Jahres ohne Roaminggebühren in der EU sind außergewöhnlich: Wir haben einen beträchtlichen Anstieg der Roaming-Anrufe und der Datennutzung erlebt“, sagt der zuständige EU-Kommissar und Vizepräsident Andrus Ansip.

Das bestätigen auch Zahlen der europäischen Regulierungsstelle für elektronische Kommunikation von März dieses Jahres. Demnach stieg etwa der Internet-Datenverkehr bei Roamingdienstleistern im dritten Quartal 2017 um nahezu 150 Prozent. „Der deutliche Anstieg des Datenverkehrs hängt zweifellos zusammen mit der Einführung von „Roam Like At Home“-Diensten, schreibt das Gremium in seiner Untersuchung.

Die luxemburgische Regulierungsbehörde ILR teilt auf Anfrage mit, dass der durchschnittliche Datenverbrauch im Ausland pro Nutzer von 215,64 MB im zweiten Quartal 2017 auf 603,17 MB im dritten Quartal 2017 gestiegen sei. Das entspricht einem Anstieg um fast 280 Prozent. Der Datenverbrauch in dritten Quartalen hatte laut ILR auch schon in der Vergangenheit höher gelegen als in den zweiten Quartalen, weil von Juli bis September viele Urlaub machten. Dennoch zeige der rasante Anstieg die Auswirkung des Wegfalls der Roaming-Gebühren.

Wenn Mobilfunk-Kunden im Ausland surfen oder telefonieren, nutzen sie dafür in der Regel die Netze ausländischer Anbieter. Die stellen dem eigenen Provider diese Nutzung in Rechnung und verdienen so daran.

Für luxemburgische Mobilfunkanbieter machte sich der Wegfall der Roaming-Verordnung in den Bilanzen bemerkbar. Zwar habe man 2017 durch ausländische Mobilfunkbetreiber, deren Kunden das Netz der Post in Luxemburg nutzten („roaming in“) zirka 2,5 Millionen Euro verdient. Dies habe aber Mindereinnahmen von acht Millionen Euro durch den Wegfall der Roaming-Gebühren eigener Kunden („roaming out“) nicht wettmachen können, sodass man insgesamt Mindereinnahmen von fünf bis sechs Millionen Euro hinnehmen musste, so eine Sprecherin.

Bei Orange hieß es, Mindereinnahmen durch die Roaming-Regulierung hätten etwa sechs Prozent des Umsatzes von 65,3 Millionen Euro ausgemacht, was teilweise durch Kunden ausländischer Betreiber („roaming in“) kompensiert worden sei, sodass der Rückgang durch das Roaming letztlich immer noch etwa drei Prozent des Umsatzes ausgemacht habe. Auch bei Tango hieß es, dass Mehreinnahmen beim „roaming in“ die Mindereinnahmen beim „roaming out“ keinesfalls ausgeglichen hätten.

Die Bilanz von Verbraucherschützern indes ist positiv. Ursula Pachl, stellvertretende Chefin des europäischen Verbraucherschutzverbands Beuc, sagt: „Verbraucher brauchen keine Sorgen mehr zu haben, wenn sie im Urlaub nach dem Weg suchen, Videoanrufe mit den Eltern machen oder während einer Geschäftsreise Daten runterladen.“

Verbraucherschützer kritisieren eine Schwachstelle

Eine Schwachstelle haben die EU-Regeln den Verbraucherschützern zufolge allerdings noch: Sie spielen keine Rolle bei Anrufen aus dem Heimatland in ein anderes EU-Land. Ruft ein Luxemburger also von zu Hause einen Freund in Spanien an, der eine spanische Telefonnummer hat, kann es für den Anrufer schlimmstenfalls teuer werden. Doch auch das soll bald ein Ende haben: Erst in der vergangenen Woche einigten sich Unterhändler des Europaparlaments, der EU-Länder und der EU-Kommission darauf, diese Kosten zu deckeln. Demnach dürfen Anrufe ins EU-Ausland künftig nur noch maximal 19 Cent pro Minute kosten.

Bei den luxemburgischen Anbietern hieß es, dass diese internationalen Anrufe in einigen Tarifen bereits jetzt enthalten seien. Kunden die sich diesbezüglich nicht sicher sind, sollten sich dennoch sicherheitshalber erkundigen, bevor sie hohe Rechnungen riskieren.


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