Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Risiko Homeoffice
Leitartikel Wirtschaft 2 Min. 25.03.2020

Risiko Homeoffice

Risiko Homeoffice

Foto: AFP
Leitartikel Wirtschaft 2 Min. 25.03.2020

Risiko Homeoffice

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Heimarbeit bedeutet nicht automatisch weniger Stress und mehr Freizeit.

"Zu Hause bleiben, zu Hause arbeiten“ lautet die alternativlose Ansage – ausgegeben von Regierung und Arbeitgebern, erzwungen vom Corona-Virus. Innerhalb weniger Stunden umgesetzt, mussten sich Unternehmen und Arbeitnehmer von der über Jahrzehnte tradierten Präsenzkultur auf eine Netzwerkkultur umstellen. War der Begriff „Homeoffice“ bislang vielfach ein Synonym für „Ich bin dann mal weg“, ist er nun ungeschriebene Pflicht geworden. 


Luxemburg: Jeder Neunte arbeitet im "Home Office"
Im Großherzogtum gibt es relativ viele Beschäftigte, die von zuhause arbeiten. Und doch lag die Quote schon einmal höher.

Damit einher gingen in den ersten Stunden vielerlei Probleme. Arbeitnehmer müssen sich in Selbstdisziplin üben, Arbeitgeber in Vertrauen. Dazu kommen oftmals Überforderung, technische Schwierigkeiten oder mangelnde Kommunikation samt vieler Missverständnisse. Diese neue (Arbeits-)Welt gibt aber auch Gelegenheit, wie in einem riesigen Feldversuch die immensen Potenziale auszutesten, die die digitalen Technologien grundsätzlich anbieten – Reduzierung des Berufsverkehrs und verkehrsbedingter CO2-Emissionen, Zeit- und Kosteneinsparung, das Aus für Kantinengespräche in Dauerschleife und, bis ans Ende gedacht, Platz für den Neubau schöner Wohnungen mit Arbeitszimmer statt öder Bürotürme. 

Das, was nun die meisten aus der Not geboren machen müssen, könnte durchaus Initialzündung eines fundamentalen Kulturwechsels auch in der luxemburgischen Arbeitswelt sein. Und man darf davon ausgehen, dass diese Form des Arbeitens nach Ende der Corona-Krise weiterleben wird. Eine Umfrage in Frankreich weist die Richtung: Nach den Streiks wollten 77 Prozent der Arbeitnehmer so auch in Zukunft ihre Jobs weitermachen. 

Ob sich die Arbeit zu Hause allerdings flächendeckend ausbreiten wird, ist fraglich. Zu groß sind berechtigte Vorbehalte. Denn: Heimarbeit bedeutet nicht automatisch weniger Stress und mehr Freizeit. Wer sich am eigenen Schreibtisch einloggt, arbeitet häufig länger als im Büro: Wenigstens 2,5 Stunden mehr pro Woche, das haben Forscher der Universität Basel herausgefunden. Wer in den eigenen vier Wänden arbeitet, fühlt sich zwar freier, weil ihm kein Chef auf die Finger schaut – es steigt aber auch der Druck zu beweisen, dass zu Hause nicht gefaulenzt wird. Das kann zur Selbstausbeutung führen. Außerdem bleiben jene, die zu Hause arbeiten, auch nach Feierabend öfter in Gedanken bei der Arbeit. 

Dazu kommt die Sorge um die Karriere: Wer physisch nicht anwesend ist, ist für den Arbeitgeber weniger sichtbar und wird seltener befördert. Zudem verwischen die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben. Es ist schwer, Elternteil und Vollzeitbeschäftigter zu sein, wenn Familie und Arbeit parallel zu bewältigen sind. 

Es wird künftig über ein für alle Seiten praktikables Verhältnis zwischen Präsenzzeiten und Homeoffice zu reden sein. Voraussetzung sind klare Regeln, die Rechtsunsicherheit vorbeugen – wann und unter welchen Umständen kann zu Hause gearbeitet werden, wann und wie müssen Arbeitnehmer erreichbar sein, wie werden Arbeitszeit und Produktivität dokumentiert? 

Bestehende, teils mühsam erkämpfte Arbeitnehmerrechte dürfen bei der wohl anstehenden Diskussion über Digitalisierung der Arbeitswelt und Erreichbarkeit nicht über Bord geworfen werden. Die Gefahr, dass nur die Arbeitgeber zu alleinigen Gewinnern einer sich ändernden Arbeitswelt werden, ist groß.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.