Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Rezepte gegen die Wohnungsnot
Wirtschaft 4 Min. 10.07.2019

Rezepte gegen die Wohnungsnot

Luxemburg muss Maßnahmen ergreifen, um seine Wohnungsnot in den Griff zu bekommen.

Rezepte gegen die Wohnungsnot

Luxemburg muss Maßnahmen ergreifen, um seine Wohnungsnot in den Griff zu bekommen.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 4 Min. 10.07.2019

Rezepte gegen die Wohnungsnot

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Die OECD warnt in ihrem Länderbericht vor Krise am Luxemburger Häusermarkt; die Produktivität stagniert.

Hoher Lebensstandard, robustes Wachstum: so lautet die positive Einschätzung im diesjährigen Länderbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für Luxemburg. Doch das „aber“ lässt nicht auf sich warten. Luxemburg muss Maßnahmen ergreifen, um seine Wohnungsnot in den Griff zu bekommen. Zu diesem Schluss kommt die OECD in ihrer Analyse und nennt damit eines der Kernprobleme beim Namen, das durch die Anziehungskraft Luxemburgs entsteht.

„Der Häusermarkt muss effizienter und gerechter werden“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría am Mittwoch bei der Vorstellung des Länderberichts im „19 Liberté“, dem früheren Verwaltungsgebäude der Arbed. Passend zum Hauptthema des Berichts nahm auch Wohnungsbauministerin Sam Tanson, gemeinsam mit Finanzminister Pierre Gramegna, an der Veranstaltung teil.

Die Befunde in der OECD-Studie sind alarmierend.

Ein starkes Bevölkerungswachstum, gekoppelt an eine überproportionalen Zunahme der Ein- und Zwei-Personenhaushalte, treibt die Nachfrage, während das Angebot – sprich der Bau von Häusern und Wohnungen – hinterherhinkt. Hinzu kommt ein unzureichendes Angebot an Bauland sowie schwerfällige Prozeduren. So beschreiben die OECD-Experten die Ursachen für die Preisexplosion am Immobilienmarkt.

Soziale Kosten


20.7. Baustelle / Cessingen / Baustellen ruhen / Bauconge Foto:Guy Jallay
Abwarten darf sich nicht lohnen
An der Bekämpfung der Wohnungsnot hat sich eine Regierung nach der anderen die Zähne ausgebissen.

Etwa die Hälfte aller Einwohner des Landes leben in Einfamilienhäusern, stellen die Autoren des OECD-Berichts fest. Dadurch sei die Zersiedlung stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. „Die private Bevorzugung des Häuserbaus mit niedriger Dichte bringt größere soziale Kosten mit sich“, warnen die Autoren des Berichts. Dazu zählen sie Luftverschmutzung, Verkehrschaos, und eine teure öffentliche Infrastruktur. Eine dichtere Bebauung wird als Gegenmittel vorgeschlagen.

Auch die Steuerpolitik wird in die Pflicht genommen. Grundstückssteuern sind in Luxemburg sehr niedrig, stellen die Autoren der Studie fest. Ursache dafür sehen sie vor allem in „altmodische Bewertungen im Kataster. Abgesehen davon, dass sie wenig einbringen, schaffen diese Steuern keinen überzeugenden Grund, Land sozial und effizient zu nutzen." Ungenutztes Bauland werde selten besteuert, was zu „Land-Hortung“ führe, schreibt die OECD.

Schwarz auf weiß: OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Vorstellung des Länderberichts im „19 Liberté“.
Schwarz auf weiß: OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Vorstellung des Länderberichts im „19 Liberté“.
Foto: Chris Karaba

„Wir brauchen mehr öffentlichen Wohnraum“, sagte Sam Tanson als Reaktion auf die Diagnose der OECD. Auch soll dieser erschwinglicher werden. Die Wohnungsbauministerin empfahl zudem, dichter und höher zu bauen. Gemeinsam mit dem Finanzministerium arbeitet das Wohnungsbauministerium Maßnahmen aus, die es dem Staat erlauben sollen, mehr Bauflächen zu erwerben.

Produktivität stagniert

Zu den größten Schwachpunkten zählt im Urteil der OECD vor allem das bescheidene Produktivitätswachstum der luxemburgischen Volkswirtschaft – ein Kritikpunkt, der zu den Dauerbrennern in den regelmäßig publizierten Länderberichten der OECD zählt: Noch ist die Produktivität pro Arbeitsstunde in Luxemburg 1,5 Mal so hoch wie im benachbarten Ausland. In einer Arbeitsstunde werden in Luxemburg 65 Euro an Mehrwert produziert, in den Nachbarländern sind es nur 45 Euro. Die Zunahme der Produktivität ist in Luxemburg allerdings weitaus niedriger als in den Nachbarländern. Im Großherzogtum wuchs die Produktivität im Zeitraum von 1995 bis 2017 um 0,3 Prozent pro Jahr, in Belgien aber um 1,2 Prozent, in Deutschland um 1,6 Prozent, und in Frankreich um 1,3 Prozent.

Die Befunde in der OECD-Studie sind alarmierend. Im Jahr 2000 war die Produktivität am höchstens. 2019 liegt sie um sechs Prozent unter der Marke von 2000.

Als Grund für das verhältnismäßig dürftige Abschneiden Luxemburgs wird vor allem die dürftige Leistung des Dienstleistungssektors ausgemacht. „Die produktivsten Firmen kommen nicht voran, während schwächere Marktteilnehmer weiter zurückfallen“, heißt es im Urteil der Pariser Organisation.

Die stagnierende Produktivität schafft schlechte Voraussetzungen für das Meistern der Herausforderungen, die durch die fortschreitende Digitalisierung entstehen werden. „50 Prozent aller Beschäftigten in Luxemburg sind nicht auf die Digitalisierung vorbereitet, warnt OECD-Generalsekretär angel Gurría. Auch die Investitionen in Forschung und Entwicklung seien im Vergleich zu anderen EU-Staaten zu niedrig, meinte er. Die Tatsache, dass der Dienstleistungssektor stark entwickelt sei, bilde keinen Grund, die Forschung zu vernachlässigen.

Für dieses Jahr sieht die OECD ein Wachstum des Luxemburger Bruttoinlandproduktes von 2,6 Prozent, für 2019 von 2 Prozent.

Zunehmende Spannungen im internationalen Handel und Turbulenzen an den Finanzmärkten identifiziert die Organisation als mögliche Störquellen auf einem ansonsten deutlich positiven Wachstumspfad.