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Renaissance in der britischen Fahrzeugindustrie: Eine Autonation kommt wieder in Fahrt
Wirtschaft 7 Min. 19.04.2015

Renaissance in der britischen Fahrzeugindustrie: Eine Autonation kommt wieder in Fahrt

Renaissance in der britischen Fahrzeugindustrie: Eine Autonation kommt wieder in Fahrt

Wirtschaft 7 Min. 19.04.2015

Renaissance in der britischen Fahrzeugindustrie: Eine Autonation kommt wieder in Fahrt

Der traditionsreichen, britischen Automobilindustrie wurde der Untergang prophezeit. Doch unter der Ägide ausländischer Investoren erlebt sie derzeit eine Renaissance. Die Regierung hat dies erkannt und unternimmt große Anstrengungen, den Sektor zu stärken.

Von Andreas Adam

Der traditionsreichen, britischen Automobilindustrie wurde der Untergang prophezeit. Sie galt lange Jahre als kranker Mann der europäischen Fahrzeugbranche. Doch unter der Ägide ausländischer Investoren erlebt sie derzeit eine Renaissance. Die Regierung hat dies erkannt und unternimmt große Anstrengungen, den Sektor zu stärken, neue Zulieferer anzusiedeln, Forschung und Entwicklung zu fördern und den erforderlichen Nachschub an Fachkräften zu gewährleisten.

Letztes Jahr wurden 381108 Fahrzeuge der Marke Land Rover (+9 Prozent) verkauft. Im Bild das Modell Range Rover im Werk Solihull.
Letztes Jahr wurden 381108 Fahrzeuge der Marke Land Rover (+9 Prozent) verkauft. Im Bild das Modell Range Rover im Werk Solihull.
Foto: Andreas Adam

Kurz bevor Europa am Ende des vergangenen Jahrzehnts in die Wirtschaftskrise stürzte, kaufte Tata Motors aus Indien die beiden Marken Jaguar und Land Rover von der Ford Motor Company. „Dass wir die schwierige Phase damals relativ gut bewältigen konnten, während andere ins Straucheln gerieten, hing mit der Tatsache zusammen, dass wir eine globale Perspektive hatten“, sagt Chris Parsons, Unternehmenssprecher bei Jaguar Land Rover (JLR). „Die Märkte in den Schwellenländern trieben das Wachstum unserer britischen Premiummarken voran.“ 

Weitere Faktoren für den Erfolg sind laut Parsons, dass Jaguar und Land Rover unter Tata ihre britische Identität ausleben dürfen. Tata setze Ziele, lasse dem Unternehmen aber auch Spielraum und fördere die Eigenverantwortung. Dieser Hands-off-Stil unterscheide sich von der amerikanischen Unternehmensführung. „Jaguar Land Rover hat heute indische Eigentümer, aber es ist ein britisches Unternehmen“, so Parsons.

Jaguar Land Rover mit neuen Werken im In- und Ausland

Seit 2010 sind Umsatz und Gewinn der beiden Marken Jaguar und Land Rover ständig gestiegen. 2014 wurden in weltweit 170 Ländern 462678 Autos verkauft, das waren neun Prozent mehr als 2013. Über 80 Prozent der Produktion wurden exportiert. Betrachtet man die beiden Marken separat, so verkaufte Jaguar im vergangenen Jahr 81570 Autos (+6 Prozent) und Land Rover 381108 Fahrzeuge (+9 Prozent).

Die Zahl der JLR-Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Sie liegt bei 34000 Angestellten, inklusive 8000 Ingenieuren und Autodesignern.
Die Zahl der JLR-Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Sie liegt bei 34000 Angestellten, inklusive 8000 Ingenieuren und Autodesignern.
Foto: Andreas Adam

Drei Produktionsstätten, zwei Entwicklungszentren und ein neues Motorenwerk hat Jaguar Land Rover derzeit im Vereinigten Königreich. Zur Eröffnung des Motorenwerks mit seinen 1400 neuen Arbeitsplätzen kam sogar die Queen. Eine weitere Produktionsstätte gibt es in China. Der Bau eines zweiten Überseewerks hat in Brasilien begonnen. Die Zahl der JLR-Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Sie liegt bei 34000 Angestellten, inklusive 8000 Ingenieuren und Autodesignern.

Schaut man sich zum Vergleich die Gesamtzahl aller in Großbritannien hergestellten Fahrzeuge an, so lag diese vor der Krise 2008 bei knapp 1,5 Millionen. 2009 brach die Produktion deutlich ein, auf gut eine Million pro Jahr. In den letzten Jahren wurde das Vorkrisenniveau wieder erreicht. Fast 80 Prozent der Fahrzeuge gehen aktuell in den Export und davon wiederum viele in außereuropäische Länder. Direkt und indirekt sind heute 770000 Arbeitsplätze von der britischen Autoindustrie abhängig. 2018 sollen in Großbritannien insgesamt mehr als zwei Millionen Fahrzeuge pro Jahr produziert werden.

Zulieferer profitieren vom Erfolg der Herstellerfirmen


Zusammen mit Mercedes-Benz hat Penso ein neues Londoner City-Taxi auf Basis des Mercedes Vito entwickelt.
Zusammen mit Mercedes-Benz hat Penso ein neues Londoner City-Taxi auf Basis des Mercedes Vito entwickelt.
Foto: Andreas Adam

Davon, dass Hersteller wie JLR ihre Aktivitäten in Großbritannien ausweiten, profitiert die gesamte Lieferkette, darunter einheimische Zulieferer wie Penso in Coventry. „Ein neuer Job bei Jaguar hat in der Supply-Chain drei weitere zur Folge“, sagt Verkaufsdirektor Michael Collins. Weitere Kunden von Penso sind u. a. Aston Martin und Bentley. Das privat geführte Unternehmen liefert z. B. Leichtbaumaterialien aus Carbon und Verbundstoffen, konstruiert aber auch Nischenfahrzeuge.

Zusammen mit Mercedes-Benz hat Penso ein neues Londoner City-Taxi auf Basis des Mercedes Vito entwickelt. Der Umsatz des mittelständischen Unternehmens hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Das Wachstum werde gespeist durch die zunehmende Produktion in Großbritannien sowie auch durch die Unterstützung der Regierung, die die Entwicklung der Lieferkette in Großbritannien vorantreibe, heißt es. Penso selbst ist inhabergeführt, doch es gebe in Großbritannien generell kaum Bedenken, mit ausländischen Investoren und Konzernen zusammenzuarbeiten.

Die Automobilbranche benötigt qualifizierten Nachwuchs

Handlungsbedarf sieht Michael Collins noch beim wachsenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften. „Absolventen werden dringend benötigt, doch das Ansehen des Ingenieurberufs ist in Großbritannien leider nicht sehr ausgeprägt. Die Situation bessert sich aber nach und nach“, so der Penso-Verkaufsdirektor.

„Dass der Ingenieur in Großbritannien kein hohes Ansehen hat, mag zum Teil auch am inflationären Gebrauch des englischen Begriffs ,engineer‘ liegen, der sehr vielfältig verwendet wird“, sagt Garry Wilson, Direktor für Business Development im Zentrum für fortschrittliche Antriebe, dem Advanced Propulsion Center (APC), an der Universität Warwick. „Wir benötigen für unsere Autoindustrie definitiv mehr Fachkräfte. Zu viele junge Leute orientieren sich aber noch in Richtung Finanzindustrie.“

Industrie, Forschung und Regierung ziehen an einem Strang

Das „Advanced Propulsion Center“ ist die zentrale Säule der Strategie des „Automotive Council“, zu dem Vertreter von Regierung und Industrie gehören. Die Strategie des Council aus dem Jahr 2013 sieht vor, Großbritannien zum globalen Zentrum für die Entwicklung und Produktion von CO2-armen Antrieben zu machen. Davon verspricht man sich mehr Beschäftigung sowie ökonomische und ökologische Vorteile. Über zehn Jahre hinweg wollen Regierung und Industrie mehr als eine Milliarde Pfund (1,4 Milliarden Euro) in das APC investieren.

Nur ein Drittel der Komponenten für in Großbritannien gefertigte Autos kommt aus dem Inland.

Der britische „Automotive Council“ arbeitet mit der „Automotive Investment Organisation“ (AIO) zusammen. Deren Aufgabe ist es, Investitionen in die britische Automobilbranche zu fördern. „Nur ein Drittel der Komponenten für in Großbritannien gefertigte Autos kommt aus dem Inland“, so Lawrence Davies, stellvertretender CEO der Organisation. „Die Regierung möchte daher ausländische Zulieferer bestimmter Bereiche gezielt dazu bewegen, sich mit einer Niederlassung in Großbritannien anzusiedeln.“

Briten schaffen Anreize für ausländische Firmen

Auf die Frage, woher man in Großbritannien die Zuversicht nehme, dass ausländische Zulieferer ins Land kommen sollten, verweist Davies auf die räumliche Nähe zu den britischen Herstellern, eine attraktive Umgebung mit Einrichtungen aus Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, mit Fördermöglichkeiten und steuerlichen Anreizen sowie auf den Umstand, dass Großbritannien ein sehr geschäftsfreundliches Umfeld biete. „Wir bei der AIO verstehen uns dabei als One-Stop-Shop. Wenn eine Firma z. B. im Bereich Supply-Chain investieren wolle, müssen die Verantwortlichen nur mit uns sprechen. Wir stellen die Kontakte zu den Fahrzeugherstellern und zur Regierung her. Außerdem erfährt man bei uns, welche Fördermöglichkeiten es gibt.“

Der Technologiepark Mira mit der Enterprise Zone in Nuneaton hat seine Bedeutung für Akteure der nationalen Automobilbranche längst unter Beweis gestellt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit öffentlichen Geldern zur Unterstützung der britischen Autoindustrie gegründet, ist das Unternehmen seit Mitte der siebziger Jahre unabhängig. Neben Testeinrichtungen, Forschungslaboratorien, Ingenieurdienstleistungen und Zertifizierung profitieren die Kunden des Unternehmens heute von der Nähe zu Herstellern, Hochschulen und von staatlichen Anreizen in der Enterprise Zone. Neben Aston Martin und Jaguar Land Rover sind auch ausländische Akteure wie Bosch, Continental, Michelin, Pirelli und Haldex auf dem Mira-Areal vertreten. Mira-Vertriebsdirektor Terry Spall möchte keine weiteren Unternehmen nennen, mit denen Verhandlungen geführt werden, macht aus seinen Ambitionen aber keinen Hehl. Mira solle Europas größtes Forschungscluster in der Fahrzeugindustrie werden. „Was wir hier zu bieten haben, ist in dieser Form einzigartig“, so Spall.

Vorhandene Ideen sollen in Großbritannien realisiert werden

Eine bedeutende Funktion soll in Großbritannien auch den Katapulten zukommen. Das sind Zentren für technische Innovation, die eine Brücke zwischen Universitäten sowie Herstellern und Zulieferern schlagen. Bislang existieren sieben dieser Katapulte. Zwei weitere sollen hinzukommen. Für die Automobilbranche gibt es das „Transport Systems Catapult“. Dort befasst man sich u. a. mit intelligenter Mobilität und im Rahmen des Lutz-Programms auch mit dem autonomen Fahren. Das Katapult dient als Plattform, um die verschiedenen Akteure aus Hochschule und Industrie zusammenzubringen, damit vorhandene Ideen in Großbritannien realisiert werden und nicht ins Ausland getragen werden. 

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