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Die Camper kommen
Wirtschaft 6 5 Min. 05.07.2021
Reisen in der Pandemie

Die Camper kommen

Deutsche und luxemburgische Touristen entdecken gerade das Großherzogtum für sich. Der Campingplatz von Marc Bissen war schon im Frühling ausgebucht.
Reisen in der Pandemie

Die Camper kommen

Deutsche und luxemburgische Touristen entdecken gerade das Großherzogtum für sich. Der Campingplatz von Marc Bissen war schon im Frühling ausgebucht.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 6 5 Min. 05.07.2021
Reisen in der Pandemie

Die Camper kommen

Marlene BREY
Marlene BREY
Die Sehnsucht nach Urlaub treibt neue Besucher auf die Campingplätze – dennoch gehören die Betreiber nicht zu den Krisengewinnern

2021 sind Campingplätze irgendwie anders, da sind sich alle Betreiber einig. So erzählt es zum Beispiel Nathalie Wagner. Der Campingplatz in Ettelbrück, auf dem sie arbeitet, gehört nicht zu den Top-Adressen im Land. 

110 Stellplätze gibt es hier auf einer Wiese. Wie viele es genau sind, wussten sie und ihre Kollegen vor dem Jahr 2021 gar nicht, denn der Platz war nie ausgebucht. Diese Premiere ereignete sich an Himmelfahrt. Da strömten deutsche Touristen über die Grenze und nahmen in Beschlag, was noch frei war.

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Foto: dpa

„Wir sind der letzte Campingplatz, der angerufen wird“, erklärt Wagner lachend. Einen See oder einen Fluss, gar einen Pool gibt es hier nicht. Der Platz sehe in der Nebensaison eher aus wie eine „Kuhwiese“, sagt sie amüsiert. Jetzt standen teure Wohnmobile in Reih und Glied. So erkannten viele Ettelbrücker zum ersten Mal: Da war ja ein Campingplatz! Und auch die Urlauber machten eine Entdeckung. 

Wie Kolumbus in Luxemburg 

Auf dem Weg nach Indien entdeckte Christoph Kolumbus 1492 Amerika. Auf dem Weg zur Zapfsäule betraten viele Deutsche zwar schon luxemburgischen Boden, doch das Land verfehlten sie. Das änderte sich mit der Pandemie. Viele Touristen – sogar aus Trier – waren zum ersten Mal im Großherzogtum. Auch Gäste aus Düsseldorf und einzelne Bremer verirrten sich in der Sehnsucht nach einem Urlaub nach Ettelbrück. 

So machte der Umsatz im Mai einen Sprung. Das war gut für die drei Mitarbeiter des Platzes. Das Hoch hielt nicht lange an. „Es ist eine umgedrehte Saison“, sagt Wagner. Jetzt im Sommer flaut der Ansturm ab. Doch einige Entdecker aus dem Mai kommen nun zurück. 

Camping liegt im Trend

Ettelbrück ist keine Ausnahmeerscheinung. Schon im Pandemiesommer 2020 lag Camping im Trend: Die Nachfrage nach Wohnmobilen schnellte nach oben. „Jetzt besitzen viele einen dicken Caravan und werden den auch weiter nutzen“, erklärte kürzlich der Konsumforscher Frank Trentmann im „Luxemburger Wort“. 


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Deutsche Campingplätze konnten davon im Frühjahr nicht profitieren. Sie befanden sich im Dauer-Lockdown. Lediglich Dauercamper waren in den meisten Bundesländern unter bestimmten Bedingungen zugelassen. Nicht nur Rheinland-Pfälzische Betreiber forderten die Öffnung. Das Ausbleiben der Gäste sei ein wirtschaftliches Tief, das manche Campingplatzbetreiber vor existenzielle Probleme stelle, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete.

Luxemburgs Campingplätze konnten zumindest zum Teil davon profitieren, wie Daten des Statec zeigen. Die Zahl der Übernachtungen im Camping stieg im Frühjahr 2020 um neun Prozent. In den Hotels dagegen übernachteten zwischen April und Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahresraum 91 Prozent weniger Gäste. Aktuelle Zahlen liegen laut Statec noch nicht vor. 

Vakanz Doheem 

Bei Camping Bissen nahe Esch-Sauer relativiert man den Ansturm. „Es waren nicht mehr, aber ungewöhnliche Gäste: viele Luxemburger“, sagt Sophie Miller. Die Studentin jobbt seit vier Jahren immer im Sommer auf dem Platz. „Viele haben die Gutscheine der Regierung eingelöst“, sagt sie. 

Bevor die fünf studentischen Mitarbeiter in die Sommersaison starteten, seien es aber auch hier erneut deutsche Touristen gewesen, erklärt Betreiber Marc Bissen. Auch dieses Mal kamen sie im Wohnmobil. Beim Camping ging der Umsatz zehn Prozent nach oben. In der Gastronomie stand pandemiebedingt ein Minus von 30 Prozent. Das habe sich in etwa ausgeglichen, erklärt er. 

Aber er will das Jahr nicht zu früh loben. „Wenn der Sommer schlecht wird, dann ist der Vorsprung aus dem Frühjahr verloren“, sagt er. Bisher sieht es aber gut aus. Zwischen dem 15. Juni und dem 15. August sei der Platz nahezu ausgebucht – so wie in anderen Jahren auch. 

Ich sage immer: Es gibt 80 Millionen Deutsche und rund zehn Millionen davon haben ein Wohnmobil.

Ineke Hoogeveen, Camping Gritt

Ineke Hoogeveen von Camping Gritt in Ingeldorf hat ein überraschendes Jahr erlebt. 2020 hat sie noch ein Minus von 40 Prozent verbuchen müssen, weil die Campingplätze so lange geschlossen waren. Dieses Jahr ist dagegen blendend angelaufen, der Umsatz liegt 20 Prozent über dem üblichen Niveau. „Das brauchen wir aber auch, um 2020 auszugleichen“, sagt sie. 

Ineke Hoogeveen erlebt eine ungewöhnliche Saison.
Ineke Hoogeveen erlebt eine ungewöhnliche Saison.
Foto: Gerry Huberty

Von Himmelfahrt an waren die 125 Stellplätze fast jedes Wochenende ausgebucht. „Ich sage immer: Es gibt 80 Millionen Deutsche und rund zehn Millionen davon haben ein Wohnmobil“, lacht die Niederländerin. 

Absatz von Wohnmobilen schießt nach oben

Ganz falsch ist das nicht. Zwischen 2013 und 2020 hat sich die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland um 158 Prozent auf 106 860 Fahrzeuge erhöht. Normalerweise finden diese nur in Ausnahmefällen den Weg nach Luxemburg. 2021 war das anders. 

Getrieben von der Reiselust und den Beschränkungen, standen sie plötzlich Schlange. Die Plätze waren voll. Hoogeveen musste Urlauber an andere Campingplätze vermitteln. Einmal das Nachbarland entdeckt, kommen einige, die im Frühjahr zum ersten Mal hier waren, nun bereits zum vierten Mal für ein Wochenende nach Ingeldorf. 

Ich möchte mich wirklich bei den Luxemburgern bedanken. Seit der Pandemie kommen auch sie – das hat uns sehr geholfen!

Ineke Hoogeveen, Camping Gitt

Für die Sommersaison sieht es nicht ganz so rosig aus. Es kommen noch immer jeden Tag Reservierungen rein, erzählt Hoogeveen, aber dennoch sei das Buchungsniveau niedriger als 2019. Der Umsatz rund um Ostern fehle und auch Einnahmen aus der Gastronomie.  

 

Wer also viele Wohnmobile und auf den Autobahnen sieht, sollte nicht darauf schließen, dass Betreiber von Campingplätzen den Umsatz ihres Lebens machen. „Wir haben nur sieben Monate im Jahr geöffnet. In denen müssen wir genug Umsatz für das ganze Jahr erwirtschaften“, erklärt Hoogeveen. Das heißt auch: Sie arbeitet sieben Monate im Jahr sechs bis sieben Tage die Woche. „Wenn da ein paar Wochen fehlen, wird es schnell eng. Noch sind wir im Minus“, sagt sie.

Aber Hoogeven ist optimistisch. „Und eine Sache möchte ich noch loswerden“, sagt sie. „Ich möchte mich wirklich bei den Luxemburgern bedanken. Wir hatten immer Belgier, Niederländer und Engländer hier. Aber seit der Pandemie kommen auch sie – das hat uns sehr geholfen!“

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