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Reinigungskräfte: "Mehr Respekt, bitte!"
Wirtschaft 5 Min. 04.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reinigungskräfte: "Mehr Respekt, bitte!"

Überwiegend Frauen arbeiten in der Reinigungsbranche.

Reinigungskräfte: "Mehr Respekt, bitte!"

Überwiegend Frauen arbeiten in der Reinigungsbranche.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 5 Min. 04.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reinigungskräfte: "Mehr Respekt, bitte!"

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Reinigungskräfte in Luxemburg fordern mehr Respekt und Anerkennung für ihre Arbeit.

Sie sorgen Tag für Tag für Hygiene und Sauberkeit in den Krankenhäusern, Schulen, Fabriken und anderen Gebäude. Sie kriechen mit Lappen unter Schränke, putzen Toiletten und entsorgen den Müll: Reinigungskräfte machen einen harten und nützlichen Job. Dennoch wird ihre Arbeit nicht entsprechend wertgeschätzt und respektiert. 

„Unser Beruf genießt ein sehr geringes Ansehen sowohl bei den Kunden als auch in der Gesellschaft“, bedauert Claire Abouh. „Diese Respektlosigkeit spüren wir leider fast jeden Tag.“ 

Auch Dores Azevedo ist immer wieder Vorurteilen ausgesetzt: „Reinigungskräfte sind schlecht ausgebildet und wenig zuverlässig, sie plaudern stundenlang, statt zu arbeiten – das sind nur einige Klischees, gegen denen wir zu kämpfen haben. Dabei müssen wir unter hohem Zeitdruck arbeiten, die gleiche Quadratmeterzahl in der Hälfte der Zeit schaffen. Das geht nicht; die Arbeit ist in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen.“ Mit anderen Worten: Es wird nicht mehr so geputzt wie vorher. „Früher wurde noch Wert auf Sauberkeit gelegt. Jetzt geht es nur noch um Tempo.“ 


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Die harten Arbeitsbedingungen in der Branche, die körperliche Belastung und die ständige Einsatzbereitschaft sind für viele Beschäftigte schlicht und einfach nicht mehr zu verkraften. Zudem sind die Reinigungskräfte oft der Willkür der Chefs schutzlos ausgeliefert. 

„Viele beschweren sich bei Vorgesetzten nicht über einen Missstand, weil immer viel Angst mitschwingt. Viele erdulden lieber die schwierigsten Ungerechtigkeiten, als dass sie sich gegen etwas widersetzen“, erklärt OGBL-Gewerkschaftssekretärin Jessica Lopes. 

Betroffen davon sind oft Frauen, Migrantinnen oder Grenzgängerinnen. „Die Sprachbarriere führt auch dazu, dass die Mitarbeiterinnen ihre eigenen Rechte nicht kennen. Wenn man in prekären Verhältnissen lebt, ist man nicht bereit, Forderungen zu stellen.“ 

Wie eine aktuelle Studie des „Luxembourg Institute of Socio-Economic Research“ (Liser) zeigt, arbeiten in der Branche überwiegend Frauen – immerhin 83 Prozent. 53 Prozent der Reinigungskräfte sind Portugiesen, 23 Prozent Franzosen und lediglich fünf Prozent Luxemburger. „38 Prozent der Arbeitnehmer sind Grenzgänger und 26 Prozent sind älter als 50 Jahre“, sagt Laetitia Hauret, Forscherin beim Liser und Leiterin einer Studie über den Reinigungssektor in Luxemburg. 


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Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 55 Prozent der Frauen wenigstens ein Kind versorgen, und dass 15 Prozent Alleinerziehende sind. 87 Prozent der Reinigungskräfte sind fest angestellt – im Schnitt weniger als in anderen Tätigkeitsbereichen. Elf Prozent haben einen befristeten Vertrag und zwei Prozent eine Vertragsbeziehung mit einem Leiharbeitsunternehmen. 

Die Studie zeichnet allgemein ein düsteres Bild der Branche: Die Arbeitszeiten werden von den Betroffenen als sehr schlecht empfunden, die Ausbildungsmöglichkeiten sind bedeutend geringer als in anderen Sektoren, der Umgang mit gefährlichen Chemikalien ist gefährlich, die Verletzungsgefahr hoch. Die Aufstiegsmöglichkeiten sind zudem sehr eingeschränkt. 

Putzen im Verborgenen

Es müsse nun endlich Schluss sein mit den schlechten Arbeitsbedingungen und der geringen Wertschätzung in der Branche, so Nora Back. Die Präsidentin der Arbeitnehmerkammer will die Arbeit der Reinigungskräfte sichtbarer machen und fordert Anerkennung und Respekt. 

„Die Reinigungskräfte sind deshalb so wenig oder gar nicht sichtbar, weil sie meistens dann arbeiten, wenn es der Rest der Gesellschaft nicht mitbekommt: am Abend, in der Nacht und am frühen Morgen, wenn Büros und Geschäfte geschlossen sind. Denn diejenigen, deren Arbeitsplätze geputzt werden, sollen oder wollen davon meist nicht gestört werden“, so Nora Back. 

Am vergangenen Freitag wurde ein erster Schritt dazu gemacht. Unter dem Motto „Propreté à quel prix? Le nettoyage: un métier non-valorisé“ hat die Arbeitnehmerkammer auf die mangelnde Anerkennung aufmerksam gemacht. Die Veranstalter neben der Chambre des salariés waren das „Centre pour l'égalité de traitement“, CID/Fraen an Gender, der OGBL, die Plattform JIF und die Uni Luxemburg. 


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Laut Estelle Winter, Gewerkschaftssekretärin beim OGBL, zeigt sich der Mangel an Wertschätzung auch an den vielen prekären Arbeitsverhältnissen in der Reinigungsbranche. „Es gibt vergleichsweise viele befristete Verträge, Teilzeitstellen und Minijobs, sagt Estelle Winter. „Viele Frauen arbeiten Teilzeit, obwohl sie lieber einen Vollzeitjob hätten“, meint Laetitia Hauret. Die Anzahl der Arbeitnehmer, die mehrere Jobs gleichzeitig ausüben, ist von elf Prozent im Jahr 2011 auf 14 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. In der Branche werden die niedrigsten Löhne bezahlt – der durchschnittliche Stundenlohn liegt bei 12,6 Euro. 

 „Wir sehen oft, dass Arbeitnehmer mit 40-Stunden-Verträgen anfangen, dann aber, durch interne Verlegungen, die Laufzeit ihrer Verträge immer kürzer wird. Viele Frauen geraten in Situationen, in denen sie nach mehreren Jahren kein Recht mehr auf Arbeitslosigkeit haben“, bedauert Estelle Winter. 

Das hat vor allem damit zu tun, dass die Kunden ihre Aufträge immer wieder neu ausschreiben und die Reinigungsfirmen sich darauf bewerben müssen; die Laufzeit der Arbeitsverträge richtet sich dann häufig nach der Laufzeit des Reinigungsauftrags. „Die Leidtragenden dieses Systems sind die Beschäftigten“, so Estelle Winter. 

Preiskampf und Arbeitsverdichtung 

Die luxemburgische Reinigungsbranche ist nach wir vor stark umkämpft und wächst stärker als andere Wirtschaftszweige: 2009 gab es 84 Unternehmen, die in diesem Bereich tätig waren. Bis 2019 stieg die Zahl auf 170, „das entspricht einem Anstieg von 102 Prozent innerhalb von zehn Jahren“, stellt Laetitia Hauret vom Liser fest. Darunter befinden sich viele multinationale Konzerne.

Von 7 891 Beschäftigten erhöhte sich die Zahl der Angestellten im selben Zeitraum auf 11 203. Während neun Prozent in der Verwaltung arbeiten, erledigen die übrigen 91 Prozent die manuelle Arbeit.

„Der Preiskampf in der Branche ist groß, die Auftraggeber versuchen die Preise immer weiter nach unten zu drücken“, fügt Estelle Winter hinzu und berichtet von einer starken Arbeitsverdichtung. „Es müssen immer mehr Flächen gereinigt werden – in gleichbleibender Zeit und bei gleichbleibendem Lohn.“


Reinigungskräfte unter Druck
Im Reinigungssektor arbeiten rund 9 000 Beschäftigte. Sie sind zu 90 Prozent weiblich, rund 75 Prozent arbeiten Teilzeit und haben einen befristeten Arbeitsvertrag. Die Arbeitszeiten sind unregelmäßig und der Lohn niedrig.

Derzeit verhandelt die Gewerkschaft mit der Arbeitgeberseite einen neuen Rahmentarifvertrag. Der soll Verbesserungen bringen, unter anderem Lohnzuschläge und Änderungen bei den Fahrtskosten. „Die Reinigungskräfte sind bei ihrer beruflichen Tätigkeit oft an ständig wechselnden Einsatzstellen tätig, müssen aber selbst für ihre Fahrtskosten aufkommen“, kritisiert Estelle Winter. „Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass das aufhört.“ 

Claire Abouh und Dores Azevedo wollen auf jeden Fall weiterkämpfen – für mehr Anerkennung, für bessere Arbeitsbedingungen. Das übrigens empfehlen sie auch allen anderen in dieser Branche. „Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen. Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlt, müssen wir was dagegen tun.“ 


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