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Politische Vision gesucht
Wirtschaft 3 Min. 15.01.2019

Politische Vision gesucht

Wechseln sich ein Jahr ums andere bei der Neujahrsrede ab: Michel Reckinger (l.), Präsident der „Fédération des Artisans“, und Tom Oberweis, Präsident der „Chambre des Métiers“.

Politische Vision gesucht

Wechseln sich ein Jahr ums andere bei der Neujahrsrede ab: Michel Reckinger (l.), Präsident der „Fédération des Artisans“, und Tom Oberweis, Präsident der „Chambre des Métiers“.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 3 Min. 15.01.2019

Politische Vision gesucht

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Kritik und Applaus beim „Pot des Présidents“ der Handwerkerföderation und der Handwerkerkammer.

Beim traditionellen Neujahresempfang des Handwerks sparte Michel Reckinger, Präsident der Fédération des Artisans, nicht mit Lob und Tadel für die politischen Entscheidungsträger. Er fragte, ob die Politik im Jahr 2019 noch über eine Vision für den Wirtschaftsstandort verfüge.

Rund 400 Gäste, unter ihnen die halbe Regierung und zahlreiche Abgeordnete, waren am Dienstag der Einladung in die Handwerkskammer gefolgt. Der Andrang so viel politischer Prominenz wundert nicht: Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet in einem der 7000 Handwerksbetriebe im Land. „Damit ist das Handwerk der erste Arbeitgeber“ in Luxemburg, stellte Michel Reckinger fest.

Rund 400 Gäste, unter ihnen die halbe Regierung und zahlreiche Abgeordnete, waren am Dienstag der Einladung in die Handwerkskammer gefolgt.
Rund 400 Gäste, unter ihnen die halbe Regierung und zahlreiche Abgeordnete, waren am Dienstag der Einladung in die Handwerkskammer gefolgt.
FotO. Chris Karaba

In seiner Neujahrsansprache ging er auf all die Stellen ein, wo beim Handwerk der Schuh drückt: Fachkräftemangel, Ausbildung, Gewerbezonen, aber vor alle die aus Sicht der Arbeitgeber mangelnde Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeiten. Der mehrfache, spontane Applaus aus dem Publikum zeigte, dass er damit einen Nerv getroffen hatte. Mittelstandsminister Lex Delles dürfte spätestens bei diesen Reaktionen klar geworden sein, dass er fünf schwierige Jahre vor sich hat.


Nägel mit Köpfchen
Im Gewerbepark Krakelshaff in Bettemburg soll die in Eigenregie des Handwerks aufgebaute private Weiterbildung unter Dach und Fach gebracht werden. Am Donnerstagnachmittag erfolgte der Spatenstich.

Michel Reckinger ging zuerst auf die Stärken ein, die Luxemburg zu einem erfolgreichen Wirtschaftsstandort gemacht haben. Dies würde der Regierung heute erlauben, eine großzügige Sozial- und Umverteilungspolitik zu betreiben. Zu den Erfolgsfaktoren zählte Reckinger das besondere Vertrauensverhältnis, das zwischen Politik und Wirtschaft in der Vergangenheit bestanden habe. Auch wenn es unterschiedliche Positionen gab, gab es doch ein geteiltes Verständnis darüber, was im langfristigen Interesse des Landes war. Dieser gegenseitige „Vertrauensbonus“ erlaubte es Luxemburg, schnell auf neue Situationen zu reagieren und seinen Platz im internationalen Wirtschaftsgefüge zu finden.

Als einen weiteren Erfolgsfaktor Luxemburgs nannte Reckinger den besonderen Unternehmergeist, den die luxemburgische Politikklasse in der Vergangenheit auszeichnete. Er erinnerte daran, dass sowohl der Finanzplatz als auch der Telekommunikationssektor, mit der SES als Aushängeschild, ihren Ursprung in politischen Visionen und Initiativen hatten.

Vor dem jetzigen Hintergrund fragt sich Reckinger, ob die Politik im Jahr 2019 noch über eine Vision für den Wirtschaftsstandort verfüge sowie über den nötigen Unternehmergeist, um die Erfolgsgeschichte Luxemburgs fortzuführen. Eine Situation, wo es nur darum ginge, die Früchte des Wachstums zu verteilen, ohne sich um die wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen zu kümmern, hält Reckinger für eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Ein schlechtes Zeugnis erteilte er dabei dem Neujahrsinterview von Premier Xavier Bettel, in dem dieser „ein ganz negatives Bild der Luxemburger Wirtschaft und der Unternehmen" gezeichnet habe. Reckinger appellierte an die Politik, wieder mit der Wirtschaft eine „gemeinsame Vertrauensbasis“ zu schaffen.

Fachkräfte gesucht

Der Fachkräftemangel entwickele sich zu einem zunehmend ernsten Problem für das Handwerk, so der Präsident. Bei einer Umfrage der Fédération des Artisans gaben 95 Prozent der Unternehmer an, dass sie große bis sehr große Schwierigkeiten haben würden qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Insbesondere in der schulischen Orientierung und in der Berufsausbildung sieht Reckinger Handlungsbedarf. Die Ausbildung im Handwerk müsse eine berufliche Chance sein und nicht, wie so oft, ein Bildungsweg der letzten Möglichkeit.

Im Namen des Handwerks fordern die Präsidenten der Fédération des Artisans, Michel Reckinger (l.), und der Handwerkskammer, Tom Oberweis, von der Politik nicht länger als Stiefkind behandelt zu werden.
Im Namen des Handwerks fordern die Präsidenten der Fédération des Artisans, Michel Reckinger (l.), und der Handwerkskammer, Tom Oberweis, von der Politik nicht länger als Stiefkind behandelt zu werden.
Foto: Chris Karaba

Flexiblere Arbeitszeiten

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen hätten zunehmend Probleme, Arbeitsabläufe zu organisieren und eine normale Aktivität aufrecht zu erhalten. Eine Reform der Arbeitszeitorganisation, die darauf abzielen sollte, die Produktivität der Unternehmen zu erhöhen, endete damit, dass die Regierung einseitig Gewerkschaftspositionen übernommen habe, so Reckinger. „Die Verhandlungen zum PAN-Gesetz waren aus unserer Sicht unnötig und ein Zeitverlust“, sagte er in Bezug auf die Reform.


13.6.2018 Luxembourg, Mersch, Modulor Menuiserie+Design S.A. photo Anouk Antony
Handwerk 4.0
Die Digitalisierung macht vor nichts Halt. Auch nicht vor dem Handwerk. Nicht zuletzt durch die Konkurrenz aus dem Internet werden Luxemburger Betriebe auf Trab gehalten.

Er forderte deshalb die Regierung auf, dafür zu sorgen, dass den Unternehmen entsprechende Flexibilisierungsinstrumente zur Verfügung stehen, um auf monatelange Abwesenheiten von Mitarbeitern reagieren zu können. Elternurlaube und andere „Sozialurlaube“ sollen daher künftig auf 10 Prozent der Belegschaft zu begrenzt werden.