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Pekings Plan ist aufgegangen
Wirtschaft 3 Min. 18.01.2021

Pekings Plan ist aufgegangen

Chinas Wirtschaft wächst trotz Corona um 2,3 Prozent.

Pekings Plan ist aufgegangen

Chinas Wirtschaft wächst trotz Corona um 2,3 Prozent.
Foto: AFP
Wirtschaft 3 Min. 18.01.2021

Pekings Plan ist aufgegangen

Im Krisenjahr 2020 ist China als einzige Wirtschaft weltweit gewachsen – und zwar deutlich stärker als erwartet.

Von LW-Korrespondent Fabian Kretschmer (Peking)

Dass die Volksrepublik China als einzige Wirtschaft der Welt im Corona-Jahr wachsen würde, stand bereits seit Monaten fest. Die am Montag in Peking publizierten Zahlen, welche laut dem Leiter des nationalen Statistikamts „in die Annalen der Geschichte eingehen“ würden, haben die Erwartungen der meisten Beobachter noch einmal deutlich übertroffen: Chinas Wirtschaft ist 2020 um insgesamt 2,3 Prozentpunkte expandiert. Dabei legte Peking im vierten Quartal mit einem Anstieg von 6,5 Prozent einen fulminanten Schlusssprint hin.

Die Daten belegen, dass Chinas ökonomische Strategie vollständig aufgegangen ist: Wie viele asiatische Staaten – und im Gegensatz zu den USA und Europa – verfolgte Peking das Credo, die Infektionszahlen zunächst auf annähernd null zu drücken, ehe die Wirtschaft - ohne angezogene Handbremse - wieder hochgefahren wird. Im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten wie etwa Neuseeland, Südkorea oder Taiwan, die die Virus-Krise bislang ebenfalls gut gemeistert haben, hat der riesige chinesische Markt allerdings den Vorteil, über eine vollständige Wertschöpfungskette zu verfügen. Ob Medizinausrüstung oder Computer fürs Home-Office: Viele Produkte, die derzeit im Rest der Welt gebraucht werden, sind made in China. 


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Nachdem die erste Viruswelle durch drastische Lockdowns unter Kontrolle gebracht wurde, schloss der Staat seine Landesgrenzen und führte ein strenges Quarantäne-Regime ein, um die Gefahr von importierten Virusinfektionen zu mindern. Auf diesem Wege konnten bereits Ende April, nach einem historischen Wirtschaftseinbruch im ersten Quartal von 6,8 Prozent, die Fabriken wieder hochgefahren werden. Viele Firmen sattelten damals auf die Produktion von Gesichtsmasken oder medizinische Schutzausrüstung um, was der Wirtschaft einen ersten Anschub verlieh. Wesentlich zäher als die Industrieproduktion entwickelte sich der Binnenkonsum, der erst im Laufe des Sommers Normalniveau erreichte.

Eine Erfolgsgeschichte

Interessant ist auch ein Vergleich zur Weltwirtschaftskrise 2008: Damals hat Peking vor allem auf staatliche Infrastrukturinvestitionen gesetzt, um die Ökonomie wieder anzukurbeln. Dieses Jahr jedoch haben Investitionen in Autobahnen, Brücken oder das Zugnetz eine vergleichsweise geringe Rolle gespielt, erklärt Robin Xu von der UBS in Shanghai: „Das Wachstum an Infrastrukturinvestitionen lag bereits in der zweiten Jahreshälfte unter unseren Erwartungen. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass China im Vergleich zu den meisten anderen Ländern das Corona-Virus unter Kontrolle gebracht hat und dadurch über eine intakte Wertschöpfungskette verfügt“.  Infrastrukturinvestitionen spielten dementsprechend eine weniger wichtige Rolle zur Stabilisierung der Wirtschaft, sondern lediglich, um die Arbeitsplätze der rund 50 Millionen Arbeitsmigranten in der Baubranche abzusichern.

Im weltweiten Vergleich ist Chinas wirtschaftliche Erholung eine ziemliche Erfolgsgeschichte: Die globale Wirtschaft wird schließlich um über vier Prozent sinken, die Vereinigten Staaten um rund 3,6 Prozent und die Europäische Union sogar um über sieben Prozent.


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Dennoch trüben kleine Wermutstropfen das Gesamtbild. Zum Einen ist die zweitgrößte Volkswirtschaft seit Jahrzehnten auf hohem Niveau gewachsen, zuletzt bei rund sechs Prozent. Sprich: Die Wirtschaftsdaten 2020 sind trotz allem die schwächsten seit Ende der Kulturrevolution vor rund 45 Jahren.

Regierung: Keine Reisen unternehmen

Vor allem aber hat sich in China während des Corona-Jahres das Problem der sozialen Ungleichheit weiter verschärft; ein Problem, das gesellschaftlichen Sprengstoff für den Staat birgt. Denn im Vergleich hat das verfügbare Einkommen der Bevölkerung langsamer angezogen. Zudem ist die Einkommensschere zwischen der Land- und Stadtbevölkerung ebenfalls leicht auseinandergegangen: Das Einkommen der Städter ist derzeit knapp dreimal so hoch.

Die größte Gefahr für die Wirtschaft liegt jedoch mit Sicherheit in den derzeit grassierenden Infektionssträngen, die mit knapp tausend Infizierten zu den gefährlichsten seit über einem halben Jahr zählen - vor allem, da die Dunkelziffer der Ansteckungen wohl deutlich höher liegen dürfte.


A resident undergoes a Covid-19 coronavirus test at the basement of a residential compound  as part of a mass testing programme following new cases of the virus emerging in Shijiazhuang, in central China's Hebei province on January 12, 2021. (Photo by STR / AFP) / China OUT
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Die Regierung hat daher erst kürzlich seine Bevölkerung dazu aufgerufen, für das anstehende chinesische Neujahrsfest keine Reisen zu unternehmen. Was für viele Familien, die sich seit Monaten oder gar Jahren nicht gesehen haben, eine persönliche Tragödie bedeutet, könnte sich gesamtwirtschaftlich jedoch möglicherweise positiv auswirken: Zum einen wird die Industrieproduktion durch die ausgefallenen Ferientage erhöht, zum anderen zahlen viele Unternehmen finanzielle Anreize an Angestellte, die auf Familienbesuche verzichten, was wiederum den Binnenkonsum beleben könnte.

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