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Offene Fragen bei Volkswagen
Wirtschaft 4 Min. 29.04.2015 Aus unserem online-Archiv
Nach dem Piëch-Abgang

Offene Fragen bei Volkswagen

Europas größter Autobauer fuhr im Startquartal glänzende Zahlen ein. Nach dem Rücktritt von Chefkontrolleur Piëch hat sich aber ein Machtvakuum bei VW gebildet.
Nach dem Piëch-Abgang

Offene Fragen bei Volkswagen

Europas größter Autobauer fuhr im Startquartal glänzende Zahlen ein. Nach dem Rücktritt von Chefkontrolleur Piëch hat sich aber ein Machtvakuum bei VW gebildet.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 29.04.2015 Aus unserem online-Archiv
Nach dem Piëch-Abgang

Offene Fragen bei Volkswagen

Wochenlang bestimmte nur der Machtkampf an der Konzernspitze die VW-Schlagzeilen - nun kann der Autobauer auch mal wieder mit Zahlen aufhorchen lassen. Doch es bleiben Fragen.

(dpa) - Nach dem Rücktritt von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch müht sich der Konzern, wieder Tritt im Alltag zu finden. Das Sparprogramm für die gewinnschwache Kernmarke des Volkswagen-Konzerns macht sich beispielsweise langsam bezahlt. Das im vergangenen Sommer ausgerufene Programm soll bei der Kernmarke rund um die Modelle Golf und Passat bis zum Jahr 2017 mindestens fünf Milliarden Euro Einsparungen freilegen.

Insgesamt fuhr Europas größter Autobauer im Startquartal glänzende Zahlen ein. Der Konzern mit seinen zwölf Marken setzte in den ersten drei Monaten knapp 53 Milliarden Euro um - das entspricht einem Plus von 10 Prozent im Vergleich zum Auftaktquartal des Vorjahres. Dabei halfen allerdings auch positive Effekte aus der Währungsumrechnung.

Unter dem Strich verbuchte der Dax-Konzern 2,9 Milliarden Euro und damit eine Verbesserung von 19 Prozent. Auf der Gewinnseite erwiesen sich vor allem die Tochtermarken Audi und Porsche als Renditeperlen. Sie fuhren zusammen zwei Drittel (65 Prozent) der gut 3,3 Milliarden Euro ein, die als Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) stehen.

Doch: der Patriarch ist weg und viele Fragen bleiben. 

Was ist die Ausgangssituation?

Gut zwei Wochen lang tobte ein Machtkampf in der VW-Führungsspitze, der dem Ansehen des Autobauers schadete und große Unsicherheit bei Management und Belegschaft auslöste. Vergangenes Wochenende ging dann Vorstandsboss Martin Winterkorn siegreich vom Platz und VW-Patriarch Ferdinand Piëch, der den Konzern Jahrzehnte lang als Machtzentrum und VW-Großaktionär geprägt hatte, legte sein Chefkontrolleursamt nieder. Auch seine Ehefrau Ursula trat von ihrem Aufsichtsratsmandat zurück.

Wer könnte Piëch als Chefkontrolleur nachfolgen?

Namen kursieren viele, von Winterkorn über Familienmitglieder des Porsche/Piëch-Clans bis hin zum früheren Linde-Chef Wolfgang Reitzle, dessen Hut bei solchen Spekulationen gerne in den öffentlichen Ring geworfen wird. Der Piëch-Bruder Hans Michel wäre eine Möglichkeit, sein Cousin Wolfgang Porsche eine andere - wenn sie auch als nicht sehr wahrscheinlich gilt. Und auch die nächste Porsche-Generation könnte in Person von Ferdinand Oliver Porsche eine Option werden.

Für Winterkorn als zumindest mittelfristige Lösung spricht, dass er den Konzern nach Jahrzehnten in VW-Diensten in- und auswendig kennt. Außerdem dürfte seine Autorität nach dem gewonnen Machtkampf gegen Piëch weiter Bestand haben. Auch Finanzchef Hans Dieter Pötsch wurde schon als mögliche Interimslösung gehandelt.

Steht zu befürchten, dass Großeigner Piëch seine VW-Anteile verkauft?

Das weiß bislang wohl nur er selbst. Über die Familienholding Porsche SE ist er an Volkswagen beteiligt - will er aussteigen, müsste er seine Anteile zunächst den übrigen Familienmitgliedern anbieten. Beim aktuellen Börsenkurs dürften seine PSE-Anteile rund 1,8 Milliarden Euro wert sein. Außerdem soll Piëch noch direkt VW-Aktien halten - davon geht Analyst Michael Punzet von der DZ Bank auf Basis früherer Stimmrechtsmitteilungen aus. Knappe 2,5 Prozent nennt der Fachmann - weil dieser Anteil aber unterhalb der Meldeschwelle von drei Prozent läge, gibt es keine gesicherten Informationen darüber, ob Piëch diese Stimmrechte noch hält.

Von der Führungskrise einmal abgesehen: Welche Baustellen hat VW?

Genug - vor allem bei der Kernmarke VW-Pkw, die gemessen am Umsatz zu wenig Gewinn einfährt. Besonders auf dem wichtigen US-Markt können Golf, Passat und Co. nicht mit der Konkurrenz mithalten. Zudem könnte die zentralistische Führungsstruktur nach dem Piëch-Abgang vor einer Reform stehen. So wie die Nutzfahrzeug-Marken eine abgeschlossene Einheit bilden, wären auch Cluster für die Premium- und Massen-Marken denkbar. Handlungsdruck gibt es auch in China, wo VW zwar Marktführer ist - aber zuletzt das Wachstum der Konkurrenz nicht mehr mitgehen konnte. Es mangelt speziell an günstigen Modellen im untersten Segment, ein seit Jahren geplantes „Budget-Car“ fehlt nach wie vor.

Wie schauen die Vorgaben für die Wahl des Aufsichtsratsvorsitzes aus?

Generell werden der Chefkontrolleur und sein Stellvertreter aus der Mitte des Aufsichtsrates gewählt. Laut Mitbestimmungsgesetz braucht es dafür eine Mehrheit von zwei Dritteln der Mitglieder, aus denen der Aufsichtsrat insgesamt zu bestehen hat - das sind bei Volkswagen 20 Mandatsträger. Auch nach dem Rücktritt des Ehepaars Piëch sind daher 14 der 20 Stimmen nötig. Kommt die Zweidrittelmehrheit im ersten Anlauf nicht zustande, reicht im zweiten Wahlgang die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Wie werden neue Aufsichtsräte berufen?

Grundsätzlich werden die Mitglieder des Rates von der Hauptversammlung gewählt. Die Aktionärsversammlung fasst ihre Beschlüsse mit einfacher Mehrheit. Es gibt aber auch eine zweite Möglichkeit: Laut Paragraf 104 aus dem Aktiengesetz kann das zuständige Registergericht - das wäre bei VW das Amtsgericht in Braunschweig - auf Antrag des Aufsichtsrates die fehlenden Aufsichtsratsmitglieder bestellen. Das ist grundsätzlich erst nach drei Monaten Vakanz der Fall, kann „in dringenden Fällen“ aber auch früher geschehen. Diese als Ersatz bestellten Mitglieder würden dann die Amtszeit des Ehepaars Piëch aufbrauchen - das wäre bis Frühling 2017. Die VW-Kontrolleure haben also trotz der nahenden Hauptversammlung am 5. Mai keinen Druck für Entscheidungen dort.

Welche Besonderheiten gibt es noch bei der Wahl im Aufsichtsrat?

Die Frauenquote. Ab 2016 müssen Neubesetzungen eine Zielvorgabe von 30 Prozent berücksichtigen. Nach dem Ausscheiden von Ursula Piëch sitzt mit Annika Falkengren nur noch eine Aufsichtsrätin auf der Kapitalseite. Es müssten mit künftigen Neubesetzungen drei werden. Falls die anstehende Nachbesetzung 2015 mit Männern erfolgt, dürften künftige Wechsel also nur noch mit Frauen laufen - bis es drei sind.


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