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Niederlande wollen eigenen Gashahn wieder aufdrehen
Wirtschaft 4 Min. 09.03.2022
Zeitenwende

Niederlande wollen eigenen Gashahn wieder aufdrehen

Premier Mark Rutte. Die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zeitenwende löst auch in den Niederlanden ein radikales politisches Umdenken aus.
Zeitenwende

Niederlande wollen eigenen Gashahn wieder aufdrehen

Premier Mark Rutte. Die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zeitenwende löst auch in den Niederlanden ein radikales politisches Umdenken aus.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 09.03.2022
Zeitenwende

Niederlande wollen eigenen Gashahn wieder aufdrehen

Die Niederlande besitzen nach Russland und Norwegen die größten Erdgasvorräte in Europa.

Von LW-Korrespondent Helmut Hetzel (Den Haag)

Der grausame Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine ist eine Zeitenwende. Und wenn sich die Zeiten ändern, muss man auch sein Handeln darauf einstellen. Dies geschieht nun in vielen Ländern der Welt und in Europa, auch in den Niederlanden. Vor allem in  der Rüstungspolitik, in der Wirtschafts- und der Energiepolitik.

Dem kleinen Königreich an der Nordsee kommt dabei in Sachen Neuorientierung der Energiepolitik und -versorgung eine besondere Bedeutung, ja eine Schlüsselrolle, zu. Denn die Niederlande besitzen nach Russland und Norwegen die größten Erdgasvorräte in Europa. Noch schlummern in der nördlichen Provinz Groningen und den Gewässern der Nordsee vor der Küste Groningens sage und schreibe 500 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Doch die Förderung des Erdgases in Groningen sollte eigentlich bis spätestens 2025 eingestellt werden. Das beschloss die Haager Regierung 2018. Der Grund für diesen Entscheid: Der Boden sackt ab. 


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Aber noch schlimmer: Die Erdgasförderung in Groningen löst immer wieder kleine Erdbeben aus. Sie erreichen bis zu 3,5 auf der Richterskala. Diese Erdbeben haben in Groningen schon mehr als 13.000 Wohnhäuser beschädigt, viele davon erheblich. Manche Häuser sind unbewohnbar. Viele Groninger haben Angst vor diesen Erdbeben. Das löste eine Protestwelle der Groninger gegen die Erdgasförderung in ihrer Heimat aus. Sie wurden in Den Haag vor vier Jahren erhört. Die Proteste führten damals zu dem Regierungsentscheid, der da lautet: Schluss mit der Erdgasförderung.

Das hatte sogar zur Folge, dass die Niederlande, die mit die größten Erdgasvorräte in Europa haben, selbst Gas aus Russland importierten. Etwa 15 Prozent des in Holland verbrauchten Erdgases stammt inzwischen aus russischen Erdgasfeldern und gelangt vor allem über die Nord-Stream-1-Pipeline von Russland über Deutschland in die Niederlande. Vor Ausbruch des Ukraine-Krieges importierten die Niederlande 17 Mrd. Kubikmeter Gas jährlich aus Russland.

Politisches Umdenken

Daneben importieren die Niederlande auch noch viel Flüssiggas LNG, das über die LNG-Terminals im Rotterdamer Hafen in die Pipeline-Systeme gepumpt werden kann.

Doch die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zeitenwende löst nun auch in den Niederlanden ein radikales politisches Umdenken aus. Es wird darüber nachgedacht, das Gasfeld in Groningen länger offenzuhalten und wieder mehr Gas zu fördern und zu exportieren. Die zunächst auf 3,9 Milliarden Kubikmeter für dieses Jahr reduzierte Fördermenge soll nun auf 7,6 Milliarden Kubikmeter erhöht werden. Möglich wäre es sogar, die Fördermenge bis auf 12 Mrd. Kubikmeter zu erhöhen. Aber dann müssten parallel dazu auch die 13.000 von Erbeben beschädigten Häuser rasch saniert werden und eine neue Fundierung erhalten, meinen Experten. Das ist keine leichte Aufgabe.

Wichtig dabei ist: Die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zeitenwende hat auch bei den Groninger Bürgern ein Umdenken ausgelöst. Eine große Mehrheit der Groninger ist einer aktuellen Umfrage zufolge nun der Meinung, dass die Erdgasförderung in ihrer nördlichen Heimatprovinz wieder aufgenommen werden sollte. „Not bricht Gesetz“, zitieren sie ein niederländisches Sprichwort. Sie stellen aber als Bedingung, dass die Einnahmen aus den Erdgasexporten ausschließlich der Provinz Groningen zugutekommen müssen.


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Die Haager Regierung hat einen Krisenstab eingesetzt. Er soll einen Vorschlag vorlegen, wie und in welchem Umfang die Gasförderung der Groninger Gasfelder wieder hochgefahren werden kann. David Smeulders, Professor für Energietechnologie an der TU Eindhoven fordert: „Die Regierung muss die Wiederaufnahme der Erdgasförderung in Groningen prüfen und so schnell wie möglich einleiten“. Bevor die niederländische Regierung beschloss, die Erdgasproduktion zu beenden, exportierten die Niederländer im Jahr 2019 noch 47,7 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich. Das meiste davon nach Deutschland.

Die Erdgaspreise explodieren. Anfang 2021 kostete der Kubikmeter Gas in den Niederlanden noch 0,95 Euro. Momentan müssen für die gleiche Menge 2,37 Euro bezahlt werden. Tendenz steigend.

Vor allem Deutschland drängt

Gleiches gilt für Öl und Benzin. Ein Liter Benzin kostet an einer niederländischen Tankstelle inzwischen 2,40 Euro. Der Ölpreis hat schon die Marke von 140 Dollar je Barrel von 159 Litern geknackt.

Nach Ansicht von Energieexperten könnten die Niederlande noch in diesem Jahr bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Gas extra fördern. Vor allem Deutschland drängt darauf. Die Deutschen, die zu rund 50 Prozent von russischem Gas abhängig sind und derzeit etwa 20 Prozent dieses Energieträgers aus den Niederlanden und den Rest aus Norwegen beziehen, wollen, dass die Niederlande in diesem Jahr den Erdgasexport in die Bundesrepublik um bis zu 1,8 Mrd. Kubikmeter aufstockt. Das sollte möglich sein. Voraussetzung aber ist, dass die Haager Regierung beschließt, die Erdgasförderung in Groningen wieder voll hochzufahren.

Deutschland hat mit den Niederlanden einen Liefervertrag für Erdgas, der bis 2030 läuft. Derzeit werden rund zehn Millionen Menschen in rund drei Millionen deutschen Haushalten, hauptsächlich in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit niederländischem Gas versorgt.


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Das niederländische Gas hat auch einen großen Vorteil: Bei dem Gas aus Groningen handelt es sich um sogenanntes L-Gas. Das ist „Low-Calorific Gas LCG“. Beim russischem und norwegischem Gas dagegen handelt es sich um H-Gas „High Calorific Gas HCG“. Das niederländische L-Gas kann direkt verbraucht und „verfeuert“ werden, das russische und norwegische muss erst noch mit Stickstoff angereichert werden. Per Saldo ist das Gas aus den Niederlanden also auch noch billiger, weil es nicht weiter verarbeitet werden muss.

 

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