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Neue Autotypen: Nur was geprüft ist, darf auf die Straße
Wirtschaft 5 Min. 08.09.2020

Neue Autotypen: Nur was geprüft ist, darf auf die Straße

Ein Prüfungsschritt: Die Ingenieure bei Ateel sehen sich die technischen Details an, die die Fahrzeughersteller ihnen übermitteln.

Neue Autotypen: Nur was geprüft ist, darf auf die Straße

Ein Prüfungsschritt: Die Ingenieure bei Ateel sehen sich die technischen Details an, die die Fahrzeughersteller ihnen übermitteln.
Foto: Julian Pierrot
Wirtschaft 5 Min. 08.09.2020

Neue Autotypen: Nur was geprüft ist, darf auf die Straße

Marco MENG
Marco MENG
Es geht um Menschenleben und die Umwelt - Ateel in Wecker testet Fahrzeuge und Fahrzeugteile, bevor sie in Europa für den Verkehr zugelassen werden.

Entwickelt ein Fahrzeughersteller ein neues Fahrzeug oder neue Fahrzeugkomponenten, muss er diese auf ihre Übereinstimmung mit geltenden Vorschriften prüfen und das bescheinigen lassen. Eine solche „Typzulassung“ ist das Geschäft von Ateel in Wecker.

2008 in Luxemburg als „Allied Technology Experts Enterprise of Luxemburg“ (Ateel) gegründet befasst sich das Unternehmen aber nicht nur mit Automobilprototypen, sondern auch mit Wohnmobilen, Anhängern, Traktoren, Motorrädern und Komponenten. 

„Geprüft werden darüber hinaus auch Oldtimer bezüglich ihrer Zulassungsfähigkeit in Luxemburg sowie S-Pedelecs, also Fahrräder mit E-Motor, die 45 Kilometer pro Stunde fahren“, erklärt Ateel-Geschäftsführer Marco Tondt.

Leitet das Unternehmen seit 2009: Marco Tondt.
Leitet das Unternehmen seit 2009: Marco Tondt.
Foto: Julian Pierrot

Obwohl es immer mehr Fahrzeuge auf den Straßen gibt und diese auch schwerer und schneller sind als früher, ist die Zahl der Verkehrstoten im Laufe der Jahre enorm gesunken. Das hat auch mit dem Kerngeschäft von Ateel zu tun, der Homologation; also dem Abgleich, ob ein Fahrzeug oder ein Bauteil den gesetzlichen Anforderungen entspricht. 

Einzelne Rechtsakte stellen stetig neue Anforderungen an Geräusche, an Crashsicherheit, an Warnsysteme und viele weitere Themengebiete, gleichzeitig werden die Fahrzeuge immer komplexer. Genug zu tun für das Unternehmen in Wecker, das sowohl als Inspektionsstelle als auch als Prüflabor akkreditiert ist. Letzten Endes gehe es um Menschenleben und die Umwelt, so die Ingenieure von Ateel.

„Individuelle Mobilität wird es auch in Zukunft geben. Wie sie konkret aussehen wird, ist eine andere Diskussion“, sagt Tondt. „Vielleicht ist es das selbstfahrende Fahrzeug. Aber bis dahin ist es noch weit. Noch gibt es da erhöhte Risiken bei der funktionalen Sicherheit solcher Systeme.“ 

Neben der Entwicklung des selbstfahrenden Fahrzeugs ist die Automobilindustrie derzeit vor allem mit Antriebstechnologien beschäftigt.

Prüfung der Regelkonformität

Ein Fahrzeughersteller darf ein Produkt, sei es ein Motor oder eine Bremse, erst auf den Markt bringen, wenn es vorher geprüft wurde, also eine sogenannte Homologation durchlaufen hat. Ateel als Konformitäts-Bewertungsstelle kann Fahrzeuge oder Komponenten zur EU-weiten und weltweiten Zulassung prüfen und ist zusammen mit dem Hauptstandort Wecker international mit 100 Mitarbeitern an sieben Standorten vertreten.

Wie das funktioniert, veranschaulicht Tondt: „Ein Teilbereich ist beispielsweise die Konformitätsbewertung eines Bremssystems. Gesetzlich ist definiert, welche Anforderungen eine Bremse zu erfüllen hat. Den Nachweis, dass das Bremssystem gesetzeskonform funktioniert, kann der Hersteller nicht allein erbringen, sondern er braucht einen Prüfbericht einer Konformitätsbewertungsstelle.“ 

Ist dieser Bericht positiv, erteilt die staatliche Behörde – in Luxemburg ist dies die Société nationale de certification et d’homologation (SNCH) – eine Genehmigung für diese Bremse, die dann EU-weit gültig ist. Ein Hersteller muss daher seine Bremse nicht in jedem EU-Mitgliedsstaat einzeln überprüfen lassen.

Neben Ingenieuren aus den Fachgebieten Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Mechatronik und Elektrotechnik arbeiten vermehrt Informatiker bei Ateel, da bei den neuen Fahrzeugen Software eine wichtige Rolle spielt. Tatsächlich kann heute ein Softwarefehler oder ein Ausfall der Software zu schweren Unfällen führen.

Die Fahrzeughersteller müssen den Prüfern gegenüber alle Details von Neuerungen dokumentieren.
Die Fahrzeughersteller müssen den Prüfern gegenüber alle Details von Neuerungen dokumentieren.
Foto: Ateel

Natürlich erinnert man sich beim Thema Software auch gleichzeitig an den VW-Dieselskandal. Gegen den Vorwurf, Volkswagen habe Motoren in Luxemburg prüfen lassen, weil man hier über manches hinwegsehen würde, verwahrt sich Tondt. Der Motor des VW-Konzerns „EA189“ ist in den USA bei Fahrtests auffällig geworden. Ateel hatte für Audi den Motor geprüft, wie es gesetzlich vorgeschrieben war. 

„Eine Prüfung kann nur so gut sein wie die gesetzlichen Grundlagen zur Prüfung sind“, sagt Christian Grün, Head of Technical Service Environmental Certification bei Ateel. Zuvor war der Motor EA189 auch in Deutschland geprüft und zugelassen worden, wobei seinerzeit gesetzlich Tests auf Abgasprüfständen, aber nicht im Straßenverkehr vorgeschrieben waren. Das hat der Skandal geändert, sodass auch Ateel heute Emissionen beim laufenden Fahrbetrieb im Straßenverkehr prüft. 

Um versteckte Manipulationen zu erschweren, müssen heute die Hersteller den Prüfunternehmen zudem die komplette Dokumentation liefern, die in allen Details belegt, wie eine zu prüfende Vorrichtung arbeitet.

Das zeigt, dass Gesetzgeber wie Prüfunternehmen Schritt halten müssen mit dem Fortschritt der Industrie. Innovationen von Herstellern - wie zum Beispiel das eCall-System - müssen nicht nur konform zu den gesetzlichen Vorschriften sein, sie können auch selbst zum verpflichtenden Standard werden. So müssen seit März 2018 beispielsweise neue Automodelle mit dem automatischen Notrufsystem ausgerüstet sein.

E-Autos: Hochkomplex

Vermehrt stehen auch auf den Prüfständen von Ateel Elektroautos. „Da im Fahrbetrieb keine Emissionen entstehen, entfällt bei E-Autos natürlich die Prüfung der Emissionswerte“, erklärt Grün. Stattdessen werden Stromverbrauch und elektrische Reichweite geprüft sowie die Sicherheit der Batterien. „Das ist ein hochkomplexes Thema“, so Grün. 

Denn die Batterien von 800 Volt Spannung sind nicht ungefährlich und haben eine enorme Sprengkraft. Dass sie darum sorgfältig getestet werden, liegt auf der Hand: Sie werden verbrannt, gecrasht, geschockt und müssen vielen weiteren Prüfungen standhalten. 


ARCHIV - 11.05.2016, Niedersachsen, Wolfsburg: Ein Auspuff eines Volkswagens auf einem Mitarbeiterparkplatz, aufgenommen mit dem Verwaltungshochhaus des VW-Werks im Hintergrund. (Zu dpa "«Dieselgate» stellt alles in Frage - und wird Wendepunkt für Branche") Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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„Da ist ein großer Aufwand erforderlich, um sicherzustellen, dass die Batterien bei einem Unfall nicht Schlimmeres anrichten“, sagt Grün. Tatsächlich können Batterien nach einer heftigen Erschütterung, auch Stunden später, zu brennen anfangen – ein Feuer, das auf herkömmlichen Weg nicht gelöscht werden kann. Verunfallte E-Fahrzeuge müssen darum in einer entsprechenden Vorrichtung sicher abgestellt werden.

Die neue EU-Rahmenrichtlinie, die seit dem 1. September gilt, bezieht sich genau auf das Geschäft, das Ateel betreibt, und erhöht die Anforderungen sowohl an Fahrzeughersteller wie an Prüfunternehmen. 

Ateel teilt darum nicht nur technisches Know-how, sondern mit einer eigens dafür aufgebauten Datenbank „Automotive Legislation Information Center“ (ALICe) auch rechtliches Wissen, „damit Innovationen rechtssicher und realisierbar sind“, so das Unternehmen. Wie Heiko Görres, Head of Technical Service Vehicle Certification bei Ateel, sagt: „Die Hersteller müssen innovativ sein, damit die neuen, gestiegenen Anforderungen erfüllt sind, und die Erfüllung der gestiegenen Anforderungen muss geprüft, validiert und am Ende genehmigt werden.“

Jedes Jahr wird auch Ateel selbst von nationalen und internationalen Institutionen auditiert, denn wie sich die Autotechnik weiterentwickelt muss auch das Prüfunternehmen technisch und intellektuell in der Lage sein, Neuheiten zu prüfen. 

„Stete Fort- und Weiterbildungen der Mitarbeiter spielen darum eine zentrale Rolle bei Ateel“, erklärt die stellvertretende Geschäftsführerin Sabine Meyer. Um sich zukunftsfest zu machen und Wachstumschancen zu nutzen, hat das Unternehmen jüngst die Partnerschaft mit GTÜ, der Gesellschaft für Technische Überwachung mbH in Stuttgart, vertieft, die im Juli 90 Prozent an Ateel übernahm. Eine schrittweise Erhöhung ist vereinbart. 

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